Dies ist ein offenes
Online-Tagebuch.
Ich möchte hier Erlebnisse und Gedanken möglichst unzensiert
notieren.
Feedback ist natürlich erwünscht.
Bitte per eMail unter dem Link "Kontakt" an mich senden.
Ich werde jede Zuschrift beantworten, und immer erst um Erlaubnis
fragen, bevor ich sie auf diese Seite stelle.
04.04.06
Nach langer Zeit wieder ein Eintrag - und der steht hier aus
Frust.
Die lange Zeit dazwischen habe ich(haben wir) genutzt, um ein neues
Projekt aus dem Boden zu stampfen Wortfront®,
eine Produktionsfirma, und hier insbesondere unser neues Team Kreisler&Stein.
Das Projekt ist gelungen, die Musik funktioniert, die Shows kommen
an. Das freut.
Der Frust kommt durch die offenbare Unmöglichkeit, sich selbst,
- überhaupt etwas, das nicht gängigen, herkömmlichen
Mustern entspricht, zu VERMARKTEN.
Vermarkten müssen wir aber, sonst können wir natürlich
nicht leben.
Und daher entstand dieser Essay.
Ist Musik, die nicht in die Schublade
passt, entbehrlich?
Ganz klar: Ja.
Jedenfalls bisher ist meine Erfahrung, dass alle Kultur-Vermarkter,
also Zeitungen, Radiostationen, TV etc lieber auf der sicheren Seite
dessen stehen, was sie in eine kleine Schachtel einordnen können.
Sie sagen dann: „ja, MIR würde es ja gefallen – aber
das Publikum….“ Und vergessen dabei, dass auch sie letztlich
„Publikum“ sind.
Konkret: unsere Musik ist für Popsender
zu intellektuell – dort bekommen wir zu hören, das sei
doch eher „Kleinkunst“. Die sogenannten „Intellektuellen
Sender“ wiederum titulieren sie als Popmusik.
Die elektronik-beats Aficionados sagen, durch die kammermusikalischen
Elemente sei es zwar interessant, passe aber nicht in’s Format.
Und die klassisch orientierten Sender sagen: „durch die Beats
ist es nicht klassisch genug“. Die Literatur-Presse sagt: Metrisch
seid Ihr klar im HipHop. Die HipHopper sagen: Nur durch die Metrik
ist es noch nicht HipHop – Ihr macht Chansons. Und so fort.
Und alle sagen: „Ihr macht
aber tolle Sachen!!!“
Wenn wir Gigs aufstellen –
meist in Kleinkunst-Tempeln, obwohl wir vermutlich mehr in Clubs passen
würden – ist das Publikum begeistert. Leute, die wir nie
gesehen haben, warten nach den Shows auf uns, um uns zu sagen, wie
sehr wir gefallen haben – das gibt uns den Mut, weiter zu machen.
Aber: natürlich wollen wir von unserer Musik auch leben können,
und nur das WISSEN, dass wir mehr Leute ansprechen könnten, könnten
wir sie nur erreichen, bringt keine Butter auf’s Brot.
Wir hören immer wieder: „ich
bin ein klarer Fan – aber vermarkten kann ich euch nicht, das
ist zu speziell, was Ihr macht“
Fakt ist: jeder sehnt sich nach
etwas, das mal „was Neues“ ist – aber keiner traut
sich, es auch zu vermarkten.
Wenn sie es nicht einordnen können, haken sie es unter „Kleinkunst“
ab – und Kleinkunst hat kleines Publikum, ist also nicht interessant.
Ich bin immer noch der festen Überzeugung,
dass gerade das, was NICHT Mainstream ist, ein grösseres Publikum
erreichen kann.
Denn bei all der Mainstream-Hörigkeit
wird ein grosser Teil des Publikums vergessen: die urbanen über
30jähren, die A-Schicht, die trotzdem nicht elitär gesonnen
ist. Das sind gar nicht so wenige. Großstädtisch lebende
und denkende Menschen, die ein bisschen Futter für’s Hirn
wollen, aber nicht angestrengt werden. Die sich auch in ihrem Lebensgefühl
erkannt und gespiegelt sehen wollen. Die Musik möchten, die „fährt“,
bei der man aber auch die Texte öfter hören kann, und wieder
was Neues entdecken.
Wortfront macht diese Musik, und ebenso, wie ich Jahrelang gekämpft
habe, dass das Open Mind Quartett "wahrgenommen" wird, werde
ich nun kämpfen, dass Kreisler&Stein einem breiteren Publikum
zugänglich gemacht wird.
Beim Open Mind Quartett habe ich den Kampf erst nach 6 Jahren aufgegeben.
Wortfront wird meine Geduld auch auf die Probe stellen, das ist klar.
Aber ich stehe ja erst am Anfang.....
16.6.05
Die Leute, die heute Kunst schaffen, koppeln
sich komplett ab von einem
kulturellen Wertekanon - und die, die diese Werke rezensieren, sind
sowieso
abgekoppelt -und können daher garnicht beurteilen, ob, dass und
warum die
Künstler sich davon abgekoppelt haben.
Mit einem Wort: Rucksack ist out. Woher ist out. Das wohin ist schwebt
im
luftleeren Raum.
Es gilt nur noch die schnelle
Beurteilung, wie in der Politik, so auch in der Kunst? Kein Wunder,
dass heute Showmaster, Schauspieler, Sänger nach Ihrer Meinung
gefragt werden, als intellektuelle Vorbilder gelten. Kein Wunder,
dass Journalisten nicht mehr nach dem Gehalt ihrer Aussagen beurteilt
werden, sondern nach der Griffigkeit des Textes.
Leicht naserümpfend, wie der Spiegel alles beurteilt - dann muss
es auch stimmen. Wenn ich Texte suche, die mir etwas Neues sagen,
die mir Gedanken geben, mir Zusammenhänge aufgehen lassen - kurz,
will ich etwas lesen, das gescheiter ist als ich, dann sind die Autoren
meist jenseits der 60, gelten schon als "altmodisch".
Ja, man muss im "Heute"
bleiben, ja, man darf das "Neue" nicht sofort verurteilen,
nur weil es einem fremd ist - Malerei, Musik, Literatur die sich nicht
auf grosse Vorbilder berufen - in Zustimmung oder Ablehnung - sind
deswegen nicht weniger wert. Aber ohne einen bewussten Zusammenhang
mit der eigenen Geschichte kann man doch auch nicht Geschichte weitertreiben?
Ein geschichtliches Bewusstsein das sich in Politik erschöpft
darf nicht allein kulturbildend wirken - so öffnet man Tür
und Tor einem rein wirtschaftlich orientierten Denken. So verliert
der Mensch die Standfestigkeit.
Und vor allem: es macht mir Angst.
5.4.05
Der Papst ist tot. Und Millionen Menchen trauern. Und die Zeitungen
sind voll.
In dem Internetforum,
in dem ich mich bewege, wird das gerade diskutiert. Durchaus kontroversiell.
Und ich habe mich echauffiert. "Man darf die Trauer der Menschen
nicht kleinreden", wird gesagt. Das tue ich nicht. Aber trotzdem
regt mich dieser Papst, der Vatikan, der Stellenwert seines Todes
auf.
Ich habe Folgendes geschrieben:
Ich spreche den Leuten ihre Trauer nicht ab. Auch denen, die um Lady
Di getrauert haben, spreche ich ihre Trauer nicht ab.
Jeder kann sich selbst aussuchen, warum er traurig sein soll, und
wie sehr er oder sie ein von den Medien und anderen Einflüsterern
gezeichnetes Bild akzeptieren will.
Ich finde es jedenfalls auffällig, dass man einerseits das Sterben
und die Krankheit des Papstes so inszenierte, und das Sterben der
Schiavo so verdammte - andererseits im Namen von Religion und anderen
Götzen Menschen bedenkenlos leiden und sogar abkratzen lässt
- nur weil Krieg ist, oder weil sie eben ein Scheiss Leben in einem
Scheiss Land erwischt haben. Gerade in den letzten Wochen hat sich
dadurch sehr deutlich gezeigt, welchen Stellenwert diese Kirche und
dieser Papst dem erfüllten Leben einräumen.
Der Papst war ein reicher Mann mit x Krankenschwestern und Ärzten
und Tonnen an Leuten, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablasen.
(Ganz abgesehen von den Tonnen an Einflüsterern)
Jetzt wird auch noch gefeiert, dass er so öffentlich "gelitten"
hat. Sorry, aber wenn er so gelitten hätte, wie jeder alleinstehende
Mindestrentner in Deutschland im Alter leidet, hätte mich das
definitiv mehr berührt.
Einerseits wird der Tod verdammt, andererseits wird das Leben bedenkenlos
erschwert. (ganz abgesehen davon, dass wie gesagt manches Sterben
sehr wohl kritiklos in Kauf genommen wird - Aids, zum Beispiel.) Dieses
Bild, das die katholische Kirche, und dieser Papst, von Tod und Leben
zeichnen, halte ich für nicht nur unlogisch und lebensfern, sondern
in the long run auch für extrem gefährlich.
Klar kann der Papst Ereignisse in der Menschheitsgeschichte beschleunigen,
verstärken, ihr Bild in der Öffentlichkeit bestimmen - zu
einem gewissen Teil. Das ist eine Macht, die ihm von Menschen verliehen
wird, und von Menschen undifferenziert als "seine Macht"
(manchmal sogar "SEINE Macht" ) verstanden wird.
Das finde ich ebenso bedenklich.
Er ruft keine Ereignisse HERVOR - aber genau das wird ihm zugesprochen.
Er BEDIENT Gegebenheiten. Dieser Papst hat das besonders gut verstanden.
Nein, tut mir Leid.
Weder kann ich besonders traurig sein, nur weil eine mediale Machtgestalt
gestorben ist, noch kann ich mich besonders echauffieren, wer denn
die nächste mediale Mahtgestalt werden wird. Die Leute scheinen
Führer zu brauchen, und vorgesetzte Führer zu fressen. (Bei
diesem Papst eh nicht so sehr - noch nie gab es soviele Kirchenaustritte
wie unter diesem Papst, noch nie so wenig Priesternachwuchs.)
Ich interessiere mich auf eine distancierte Weise, so wie ich mich
interessiere, wenn in Amerika ein neuer Präsident gewählt
wird, oder in Russland, oder in Frankreich - denn es kann symptomatisch
sein für die Entwicklung in der Gesellschaft.
Aber TRAUERN kann ich, wenn in Ruanda ein Völkermord stattfindet,
und keiner was tut - auch dieser Papst übrigens nicht.(Obwohl
sowohl die Hutu als auch die Tutsi ja angeblich Christen waren)
Oder wenn ich sehe, wie neben unserem Haus die Obdachlosen auf der
Strasse schlafen, da kann ich trauern, dafür kann ich auf die
Strasse gehen und demonstrieren, dass es mich berührt.
Auch hier hat der Papst nichts getan - und der Vatikan ist immerhin
so reich, dass sogar Bill Gates dahinter verblasst. Ein paar Goldtöpfe,
ein Paar Allianz-Versicherungs-Aktien hergeben, und damit den Armen
helfen - DAS hätte mich beeindruckt.
Mediengesabbere beeindruckt mich nicht.
Hat er irgendwo eigenes GELD eingesetzt, um auch nur ein LEBEN zu
verbessern? Vielleicht sogar eines von einem Nicht-katholiken, der
Herr Toleranz-Plauderer?
Hat er irgendwo eine TAT gesetzt, die konkret auch nur einem Menschen
in tatsächlicher Not geholfen hat? Hat er je einem Armen auch
nur ein Goldkettchen geschenkt? Er hat geredet, no, super. Nicht einmal
da - ich kann mich nicht erinnern, dass er dazu aufgerufen hat, behinderte
Waisenkinder zu adoptieren, obdachlose Frauen zu unterstützen,
Arbeitslose einzustellen. Die Schweizergarde besteht aus gutbezahlten
grossgewachsenen Männern. Wenn er das zum Beispiel als Signal
umgewandelt hätte, in eine Garde aus Schwerstbehinderten, Männern
und Frauen jeglicher Herkunft und Hautfarbe - DAS hätte mir imponiert.
Was mir auch imponieren würde: Wenn der nächste Papst schwarz
wäre. Als Signal. Oder offen schwul. Ich glaube, da kann ich
Wetten dagegen abschliessen.
Der Vatikan lässt sogar seine eigenen Kirchenhäuser vergammeln
- wenn nicht dieses Kirchenhaus selbst - bzw deren Pfarrer - unter
den Gläubigen Spenden sammelt. Ist Kirchensteuer zweckgebunden?
Die Caritas, die ja eine katholische Aktion ist, muss selber schauen,
dass sie Geld auftreibt - der Vatikan gibt nix.
DER hat aber soviel Kohle, soviel Aktien, soviele Beteiligungen an
durchaus weltlich agierenden Firmen - und das ist nicht nur gebundenes
Kapital - das sind auch tatsächliche Schatzkammern, die man in
nullkommanix zu Geld machen kann, und damit zB in Afrika Wasserpumpen
bauen lassen könnte. DAS könnte mich beeindrucken.
Es kann mich nicht beeindrucken, wenn man Kondome in Afrika angesichts
Aids verbietet. Und es kann mich ebenso nicht beeindrucken, wenn man
weiss, dass gesellschaftspolitische grosse Veränderungen im Osten
anstehen, und die dann befürwortet - im Wissen, dass man es eh
auf Dauer nicht ändern kann, nur verzögern - oder eben rechtzeitig
auf der Siegerseite stehen.
Der Vatikan ist eine antiquierte weisse männlich- chauvinistische
Machtgemeinschaft, ohne jegliche Skrupel, wenn es darum geht, ihr
eigenes Überleben zu sichern. Es wurde und wird in dieser Gemeinschaft
gelogen, vertuscht, unterdrückt, (auch gemordet!) was das Zeug
hält. Und der Papst ist ihr Boss. Warum soll mich kratzen, wenn
da einer stirbt?
Es gibt allerdings Tonnen an kleinen Priestern, Nonnen und Gläubigen,
die mich sehr wohl beeindrucken, die ihr Lebtag lang sich abstrampeln,
um den Ärmsten der Armen zu helfen, um zuzuhören, mitzuleiden,
mit zu arbeiten, um das Leben in ihrer unmittelbaren Umgebung zu verbessern.
DIE beeindrucken mich. Die Hundertschaften an gläubigen Christen,
die das Christentum als LÉBENSRELIGION verstehen und ausüben.
Die nicht als erstes mal darauf achten, dass verarmte Schwangere nur
ja ihre Kinder nicht abtreiben, auf dass diese dann auch ein Scheissleben
haben werden; die nicht überzeugt davon sind, dass Kinderprostituierte
nur ja Aids kriegen sollen auch noch; die nicht Leute in's Gefängnis
stecken oder bedenkenlos pfänden, wenn sie die Kirchensteuer
nicht zahlen (passiert in Österreich zum Beispiel tagtäglich)
- ich könnte hier ewig fortsetzen, was im Namen des Vatikans
an Scheusslichkeiten passierte und passiert.
Es gibt auch kleine Priester und katholische Gefolgschaft, die so
sind wie es der Vatikan und der Papst vorleben. Dem "kleinen"
Menschen gegenüber gleichgültig, realitätsfern, Lebens-
und Lustfeindlich.
Aber es gibt eben auch andere, welche, die den katholischen Gedanken
erfasst haben, und danach leben. Die auch gegen den Willen de Papstes
Schwulen Kommunion gewähren, oder Wiederverheirateten.
Die haben mein Mitgefühl, meinen Respekt, meine Solidarität.
Der Vatikan?
Der Papst?
Ein von einer winzigen Schicht indolenter Nomenklatur gewählter
Führer, der Massenhysterie erzeugt, und in Abgehobenheit von
den wahren Zuständen dieser Welt Verhaltensweisen einfordert,
die in keiner Weise der Wirklichkeit Rechnung tragen.
Wie soll der meinen Respekt erlangen? Weil er Goldene Jäckchen
trägt? Weil die Zeitungen es behaupten?
Weil es Millionen Menschen gibt, die diesen Zinnober nicht durchschauen,
und glauben, der sei was besonderes gewesen?
Esst Scheisse, Millionen Fliegen können nicht irren.
22.03.05
Ein - wie ich meine - interessanter Briefwechsel:
----- Original Message -----
From: Gabriele K ö XXXX
To: office@sandrakreisler.de
Sent: Sunday, March 20, 2005 10:04 PM
Subject: Liederabend im Brucknerhaus Linz
Sehr geehrte Frau Kreisler!
Mit großem Vergnügen hab ich Ihren Liederabend in Linz
gehört und genossen.
Es ist mir wichtig, zu einem Ihrer Sager Stellung zu nehmen:
Zum Lied über die “kleinen kulturlosen Männer mit
den nichtssagenden Frauen an ihrer Seite” haben Sie Bezug zu
Wolfgang Schüssel genommen.
Vielleicht mögen Sie meinen, dass in einer sozialdemokratisch
dominierten Stadt wie Linz so ein politischer Sager gut ankommt.
Ich meine, dass eine erstklassige Sängerin wie Sie solch plumpe
Parteianmache nicht notwendig hat.
Wahrscheinlich wissen Sie es, ich darf es trotzdem festhalten: Wolfgang
Schüssel ist abseits seiner politischen Karriere und Funktion
ein sehr kunstsinniger Mitmensch: ein erstklassiger Cello-Spieler,
äußerst belesen, ein Freund und Intimkenner des Werks von
Josef Mikl ...... und er hat zudem keine nichtssagende Frau an seiner
Seite, sondern eine versierte und sehr selbständige Psychotherapeutin.
Ob´s nun ein plumper Untergriff war oder eine bewusst eingesetzte
und gezielte Politlüge: es war mir ein Anliegen dazu Stellung
zu nehmen.
Wie gesagt: darüber hinaus war´s ein wirklich feiner Abend!
Mit herzlichem Gruß aus der werdenden Kulturhauptstadt Linz
Gabriele KöXXXX
************************************
Und hier meine Antwort:
----- Original Message -----
From: sandra kreisler
To: Gabriele K öXXXX
Sent: Monday, March 21, 2005 12:43 AM
Subject: Re: Liederabend im Brucknerhaus Linz
Liebe Frau KöXXXX
zunächst möchte ich mich für Ihre ehrliche Stellungnahme
bedanken, ich freue mich wirklich, wenn ich auch Feedback bekomme,
das nicht einfach "Lobhudelei" ist, und es ist selten, dass
mir jemand sagt, dass er/sie nicht meiner Meinung ist - ich finde
das wichtig!
Es ist so: Das LIED spricht von der Frau der "kleinen Männer
mit der riesengrossen Macht" - ich selbst sagte - in bezug auf
kleine Männer mit grosser Macht - "wie konnte GK vor 20
wissen, dass es heute einen Wolfgang Schüssel geben wird?"-
und bezog mich im Anschluss darauf, dass es oft kleine Männer
sind, die die grosse Macht haben. Seine Frau kenne ich nicht, und
sprach sie auch nicht an.
Sie muss selbst damit umgehen können, mit einem solchen Mann
verheiratet zu sein.
Das Lied spricht von einem pars pro toto, und ich meine, das ist auch
deutlich erkennbar.
Auch die schlimmsten Diktatoren umgeben sich mit etablierten Künstlern,
lesen Brecht und zitieren Goethe oder sonstwen und haben vielleicht
auch nette Frauen (wenn auch mit Morbus Kitahara) - das heisst noch
lange nicht, dass sie eine Ahnung haben, was Kunst und Kultur alles
sein kann/soll/muss.
Herr Schüssel mag jedenfalls soviel Cello spielen, wie er will
- er ist dennoch kein Freund der Kunst. Er ist massgeblich daran beteiligt,
dass das innerste Wesen, genauer: der Samen der LEBENDIGEN und zukunftsträchtigen
Kunst und Kultur in Österreich verkümmert, da er nicht daran
interessiert ist, dass Kunst polarisiert, aufregt, abstösst,
zum Nachdenken und In-Frage-stellen anregt. (Ich wage übeerdies
zu bezweifeln, dass er ein Freund von Mikls Arbeit wäre, wenn
Josef Mikl nicht international anerkannt wäre, sondern ein noch
junger, unbekannter und auch abseits der Kronen Zeitung polarisierender
Künstler.) Auf jeden Fall aber sorgt er nicht dafür, dass
Kunst das KANN - aufregen, polarisieren, in Frage stellen.
Er sorgt nicht dafür, dass seiner - wie Sie sagen - privaten
Haltung auch öffentliche Taten folgen - eher im Gegenteil.
Das Veröffentlichen eines Volksliederbuches mit anderen Spitzen
der Regierung (in dem nebenbei gesagt auch etliche Lieder aus einer
Vergangenheit, die Österreich lieber vergessen würde, aufscheinen)
bei gleichzeitigem Abwürgen jeglicher Unterstützung für
junge Künstler (man denke nur an die Steuer- und Sozialgesetzgebung,
die Künstler dafür bestraft, dass sie unregelmässig
verdienen) um nur ein Beispiel zu nennen, lässt mich jedenfalls
bei der Nennung des Namens Schüssel an alles mögliche denken,
aber sicher nicht an einen Freund der Kunst und Kultur.
Verdiente, spannende Künstler, die am Rande des finanziellen
Offenbarungseides leben müssen zu ignorieren, öffentlich
diffamierende Plakate gegen Künstler wortlos zu akzeptieren,
alle österreichischen Kulturinstitute im Ausland abzuschaffen,
Kunstsponsoring und Kunstkauf nicht steuerlich absetzbar zu machen
- das und x Beispiele mehr zeigen, dass Herr Wolfgang Schüssel
eben NICHT an einer lebendigen Kunst und Kulturszene in Österreich
interessiert ist. (Von dem Aushungern der Hochschulen und Kunstakademien
will ich garnicht erst anfangen.)
Herr Schüssel mag Cello spielen, aber es tut es im kontextfreien
Raum.
Wenn er privat so ein grosser Freund der Kunst ist, und dann aber
in seiner öffentlichen Gebarung derart kurzsichtig mit Österreichs
Künstlern, Kritikern, Vordenkern umgeht, so ist das sogar noch
schlimmer, als wenn er garnichts davon verstünde.
Seit er die Macht in der Regierung hat, sind sukzessive ALLE nicht
etablierten künstlerisch arbeitenden Menschen abgewürgt
worden, zuerst die, die öffentlich bekannt haben, nicht für
die ÖVFP-Regierung zu sein, und dann alle anderen, die nicht
entweder Volks- Volkstümliche oder Hochkultur gemacht haben.
Diese polarisierenden Künstler sind aber diejenigen, die Kultur
am Leben erhalten, weil sie ganz allgemein dafür sorgen, dass
Kunst und Kultur sich weiter entwickeln. Mit Herrn Morak hat sich
Herr Schüssel einen Adlatus genommen, der ganz in seinem Sinne
agiert.
Und glauben Sie mir, es ist kein Zufall, dass ich und viele andere
Künstler ausgewandert sind.
Es bleibt aber nicht bei der Kunst.
ALLE nicht-staatlichen Organisationen, die sich mit den schwächsten
unserer Gesellschaft befassen, sind in ihren Mitteln derart massiv
gekürzt worden, dass sie kaum noch effizient arbeiten können,
und zu einem grossen Teil schon zusperren mussten.
Die staatlichen Stellen für Behinderte, Ausländer, Frauen,
Kinder, Arbeitslose, Obdachlose, Strafentlassene etc pp arbeiten schon
lange nicht mehr wirkungsvoll, und sie bekommen auch weiterhin immer
weniger Mittel.
Dafür kriegen wir schöne Abfangjäger, die wir jetzt
nicht einmal effizient einsetzen können, weil man ganz plötzlich
lernte, dass jeder Pilot dafür einen speziellen für ihn
persönlich angepassten Helm braucht, der pro Stück über
100.000.- Euro kostet. Die will man sich jetzt nicht mehr leisten
können, und auch die Kosten der Instandhaltung der schönen
Abfangjäger sind völlig neu... Und die Wirtschaft kriegt
Steuerentlastungen, und die Frauen sollen zu Hause die Kinder hüten.
Das neoliberale Wirtschaften des Herrn Schüssel ist nur einer
von vielen Gründen, warum ich ihn erstens ablehne und zweitens
explizit auf der Bühne ansprach.
Auch seine Haltung zu Asyl und Ausländergesetzgebung, sein Verhalten
während der von ihm so genannten "Sanktionen", seine
öffentlichkeitswirksamen angeblichen "Wiedergutmachungen"
- bei gleichzeitiger finanzieller Aushungerung der jüdischen
Gemeinde, (Welcher Staat auf dieser Welt lässt seine eigenen
Staatsbürger selbst zahlen, wenn sie Polizeischutz BENÖTIGEN?)
sein Verhalten mit der FPÖ (ich prophezeie, dass auch diese Regierung
wieder platzen wird, und absehbar war es schon von vornherein), seine
Zustimmung zu GATS und den untergeordneten Verträgen - es gibt
Tonnen an Gründen, warum ich ihn expressis verbis nannte.
Er ist für mich ein hervorragendes Beispiel für einen nur
an der Machterhaltung interessierten, kurzfristig taktierenden und
gegen die Schwachen, gegen die Künstler, gegen die Ränder
der Gesellschaft - also letztlich: gegen die Mehrheit des Volkes!
- agierenden Regierungschef.
Und DEHALB habe ich ihn als Beispiel gewählt. Wenn ich das auch
in einer, wie sie sagen "roten Stadt" tat, so war mir das
wurscht. Ich sage es an jedem österreichischen Spielort, seit
es das Programm gibt, es ist mein Text, den ich bewusst so schrieb.
Nebenbei - Linz ist nicht im luftleeren Raum, und ich halte Oberösterreich
nach wie vor für überwiegend schwarz-braun gesinnt. Und
wenn nicht überwiegend, dann definitiv einfach ZU SEHR.
Bei Politlügen kann ich jedenfalls definitiv mit Herrn Schüssel
nicht mithalten, deshalb versuche ich es auch gar nicht.
Es freut mich, dass Ihnen mein Programm gefallen hat, es würde
mich aber noch mehr freuen, wenn Sie nicht nur im Theater sondern
vor allem auch in ihrem politischen Bewusstsein ein wenig mehr auf
die Zwischentöne achten würden, und sich vielleicht auch
ausserhalb der Hofberichterstattung informieren.
Liebe Grüsse, sk
----- Original Message -----
From: Gabriele K ö XXX
To: sandra kreisler
Sent: Monday, March 21, 2005 10:55 PM
Subject: Re: Anfrage
Liebe Frau Kreisler!
Ich stehe zu allen Aussagen, die ich treffe und Sie können daher
meinen Brief veröffentlichen, gern mit Namensnennung.
Ich bitte aber von einer Adressveröffentlichung abzusehen, wobei
ich weiß: wer mich finden will, findet meine Adresse.
Zu Ihrem Brief möchte ich nur insofern Stellung nehmen: ich halte
es mit Paul Watzlawick “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?”
Sie haben Ihre Wirklichkeit, ich habe meine und ich bin sehr froh,
dass wir in einer Demokratie leben, wo unterschiedliche politische
Ansichten neben einander existieren können und damit alle Gruppen
und Meinungen ihren Platz haben.
Als Kleinunternehmerin bin ich gar nicht weit weg von der Einkommenssituation
von Künstlern, auch in meinem Fach gibt es Zeiten der guten und
der schlechten Konjunktur. Auch ich lebe von Aufträgen und wenn
es keine gibt, hab ich kein Einkommen. Allerdings glaube ich, dass
es mir hier in meinem Land recht gut geht trotz aller Höhen und
Tiefen, ich bekenne mich zu diesem Land und diesem Staat und zahle
auch hier meine Steuern und meine Versicherungen.
Ich liebe dieses Land und bin gleichzeitig der Meinung, dass wir viele
Probleme derzeit nicht hätten, wenn andere - frühere –
politisch Verantwortliche bereits vor 20 Jahren auf die bevorstehende
Generationenproblematik richtig reagiert hätten statt das Thema
zu negieren oder zu vernachlässigen.
Aber wie gesagt, ich bin froh, dass wir die Freiheit unterschiedlicher
Sichtweisen haben.
Mit besten Grüßen
Gabriele KöXXX
Es gibt noch Hoffnung, wenn unterschiedliche
Sichtweisen so behandelt werden können. Ich möchte hier
Frau KöXXXX nochmals für ihre Offenheit danken!!
25.Januar.05
Auschwitz-Gedenken.
Wie unterschiedlich wird damit umgegangen.
Österreich wiederholt seit ein paar Jahren die Formel: „Wir
haben zu spät eingestanden, dass auch Österreicher unter
den Tätern waren.“ Das ist nett. Nur leider ist es eine
Formel, die in diesem Land gefunden wurde, um die tatsächliche
Arbeit an der Denkungsart nicht ausführen zu müssen.
Es ist ein Leerwort. (Und das ist nicht die neue Rechtschreibung.)
Weder wird die Vergangenheit bearbeitet, noch werden Lehren für
die Gegenwart oder gar die Zukunft gesucht. Österreich macht
eine kleine Verbeugung, das ist äusserlich, denkt sich: “Is
ja wurscht, Verbeugen kost’ nix,“ und macht weiter wie
bisher auf „wir haben damit nichts zu tun“.
Deutschland betätigt sich
ehrlich und erschüttert des Flagellantentums. „Ohhh, wir
waren sooo böse, könnt Ihr uns verzeihen? Wir haben gaaanz
viele tote Juden auf unserem Gewissen.“ Lebende auch, möchte
man ihnen zurufen.
Und: Wenn es darum geht die NPD heute zu zügeln,
fällt ihnen nichts ein.
Die UNO gedenkt heuer zum ersten Mal. Ein guter Schritt. Und wann
werden sie gedenken, dass sie –trotz des Wissens darum! –
in Ruanda nicht rechtzeitig eingeschritten sind?
Nur so als Beispiel.
Denn: Konzepte, eine neue Denkungsart
zu entwickeln sind noch immer nicht gefunden worden – wurden
sie gesucht? Man erkennt es rechtzeitig, wenn Ausgrenzung, wenn ein
Genozid in grösserem Mass vorbereitet wird. Auch in Ruanda hat
man es gesehen. Aber man sagt immer erst etwas, wenn es zu spät
ist. Erst lässt man mal geschehen – es könnte sich
der Niedergang einer Nation ergeben, das ist gut für die Wirtschaft.
Nicht nur, wenn es um ferne Länder
geht, hat man es gerne, wenn Blutvergiessen ansteht. Auch hierzulande
an den Ursachen für Radikalisierung zu arbeiten, ist nicht wirtschaftskonform.
Wir haben einen Bodensatz der
Radikalen, das ist bekannt, und zwar, weil die Menschen Angst vor
der Zukunft haben, und kein kulturelles Gerüst mehr bekommen.
(Das ihnen nb auch diese Angst nehmen könnte). Die sind so zwischen
10 und 20 Prozent, und da kann man ein bissel weinen und sich offiziell
sorgen – aber im Grunde ist das normal.
Stimmt ja auch.
Aber das es zunimmt – SO zunimmt - und dass man da sehenden
Auges hineinläuft, ohne etwas zu verändern, das ist nicht
mehr normal.
Aber das ist das klassische postmoderne Denken: Es wird geklagt und
beweint und geschimpft - nur wird nichts geändert, es werden
keine Änderungen angestrebt, ja man versucht nicht einmal, sich
Konzepte auszudenken.
Alle wissen, (oder glauben zu wissen) woran es liegt, keiner möchte
etwas ändern – und ich glaube fast, das ist, weil man insgeheim
denkt:“Es kann sich ja irgendwann auch als praktisch erweisen,
wenn man Sündenböcke hat“.
Gerade weil diese Angst vor der Zukunft ja begründet ist, angesichts
der einheitlichen Verherrlichung des Neoliberalismus – irgendwann
hat man so viele „Globalisierungsverlierer“, dass man
für sie Sündenböcke brauchen wird, sonst geht es den
Reichen an den Kragen.
Diese Sündeböcke aber sind nicht die NPD! Die Sündenböcke
in Deutschland sind auch heute noch die, die anders „aussehen,
beten, reden“ – und die brauchen die alle Parteien gleichermassen.
Die Vorbereitung zur Entmenschlichung von ganzen Bevölkerungsgruppen
wird hier geleistet – und toleriert, denn man könnte es
mal brauchen.
Und ansonsten wird weiterhin die "Trauerarbeit" an toten
Juden ausgeführt. Denn DIE waren ja toll, und wir waren so böse.
Auch Philosemitismus – zumal der deutschen Art – ist eine
Art Ausgrenzung. So etwas kann allzuleicht kippen.
(Man ist bemüht, die Ausgrenzung heutzutage bei anderen Bevölkerungsgruppen
vorzunehmen, das immerhin. Das kann mich allerdings nicht beruhigen,
denn die Geschichte hat gezeigt: Wenn irgendwo Menschengruppen misshandelt
werden dürfen, nimmt man die Juden auch noch gleich mit.)
Man hat nichts gelernt.
Symptomatisch, wie in der „Zeit“ die Rede von Elie Wiesel
vor der UNO rezipiert wird: Jedes Wort, das er über HEUTIGES
Übersehen von Konflikten, von heutigen „Untermenschen“,
von heutiger Ausrottung sagte – und er sagte viel! – wird
einfach nicht wiedergegeben. In aller Breite aber das Beklagen der
Vergangenheit.
Heute passieren nach wie vor unentschudlbare
Morde, Hetzjagden auf Menschen, Ausgrenzungen. Im Sudan, in Ruanda,
in Tschetschenien und und und, man kann sie garnicht alle nennen.
Aber die ehemaligen Täter begnügen sich mit „Nie wieder“
– Worten und ignorieren ansonsten alle „Schon wieders“
in der schönen Welt. Es könnte geopolitisch, wirtschaftspolitisch
schaden, sich einzumischen.
Und die europäischen Juden?
Ein paar „Mahner“ darf es geben, immerhin, in Deutschland.
(Wobei vermutlich wohlgelitten ist, wenn die sich gegenseitig in die
Haare kriegen). In Frankreich ist’s sogar noch ein wenig mehr.
Da gibt es immerhin Juden in politischen Parteien.
In Österreich gibt es nicht einen einzigen Juden, der zum Beispiel
als Moderator am Fernsehschirm erscheint. Oder sonstwie in einer gehobenen
Position ist. Eine Nachrichtenredakteurin, immerhin. Die hat wenigstens
nie öffentlich gesagt, dass sie Jüdin ist, und auch sonst
ist sie brav.
Aber: ist es normal, dass bei
Feiertagen die jüdische Religion nicht wie selbstverständlich
einbezogen ist? So wie in Amerika, wo es normal ist, happy holidays
zu sagen – und WENN merry christmas, dann auch automatisch happy
channukka. Oder gemischtreligiösen Weihnachtsschmuck aufzuhängen?
Oder in ganz normalen Geschäften auch zu Pessach oder zum jüdischen
Neujahr Grusskarten aufliegen zu haben?
In Zürich werden die Ansagen auf dem Flughafen auch in hebräisch
gesprochen. Zugegeben: Hebräisch ist eine Sprache, die sehr wenige
sprechen. Aber Israelis sind Touristen, mehr als zum Beispiel Polen
oder Slowenen, und gerade nach Europa, nach Deutschland und Österreich,
fahren viele. Und gerade in Deutschland wäre es nett, wenn man,
statt sich selbst wegen toter Juden zu geisseln, die Lebenden besonders
freundlich begrüssen würde.
Und: bei Juden haben die Deutschen
klarerweise besondere Verantwortung. Aber genau diese Verantwortung
zeigten sie meiner Meinung nach besser, wenn sie zB buddhistische,
jüdische, muslimische Feiertage wahrnehmen würden, in Verkauf,
in den Medien, als wenn sie ständig darüber weinen, wie
schlecht sie mal waren.
Weil damit eine „Normalität des Andersartigen“ einkehren
könnte. Der vielbeschworene Pluralismus auch gelebt würde.
Anstatt weiterhin verschwitzt als leere Worthülse öffentlich
beschworen.
19. Juni 04
Hier hat sich schon lang nichts getan.
Ich bitte um Verzeihung. Die Ereignisse
überschlagen sich. Ich möchte mich an dieser Stelle bei
all jenen entschuldigen, die mir Kommentare zu Artikeln gesandt haben,
und ich habe noch nicht reagiert. Zum Teil sind die Kommentare inzwischen
von den Ereignissen überholt worden, und ich habe auch keine
Kraft, aktuellere Gedanken hier auf die Seite zu stellen.
Ich bin
im Moment beschäftigt mit:
* CD-Aufnahmen zu einer "Kreisler
singt Kreisler", sowie zu einer Weihnachts-Single & Vorbereitungen
zur Duett-CD mit Roger Stein
*Modifikationen des Weihnachtsprogramms
*Vorbereitung zu vier verschiedenen Programmen,
die jeweils einmal zur Aufführung gelangen
*Renovation unserer Wohnung in Berlin
(urgh! Ausmalen, Spachteln, Wände einziehen, Sandra mit Lackflecken
in den Haaren und Staub allüberall - wer je eine Wohnung selbsttätig
renovierte, weiss, wovon ich rede)
Ich pendle also ein mal die Woche zwischen Berlin und Wien,
immerhin an die 10 Stunden Fahrt, renoviere dort,
schreibe hier, nehme hier auf, installiere dort ein Studio,(mit takräftiger
Hilfe, ich könnte das nie allein!!) mache Sprecherjobs für
Radio und Fernsehen hüben und drüben, dazwischen versuche
ich, mit meinen neugefundenen Freunden im Diskussionsforum zu/über
Georg Kreisler(und inzwischen
auch jeder Menge anderer Themen) relativ regelmässigen Kontakt
zu halten - , dazwischen will man ja auch mal was lesen, sich informieren,
Zeit mit Familie verbringen..... kurz: es ist einfach alles ein bissel
viel.
Jedenfalls möchte hier mal einen Artikel von Ralph Giordano zu
Ansicht&Diskussion stellen, die dieser in der noch von Theodor
Herzl gegründeten und bis heute florierenden Zeitschrift Illustrierte
Neue Welt veröffentlichte.
"Schluß
mit Rücksicht, Taktik, Defensive: Die grenzenlose einseitige
Schuldzuweisung an Israel durch weite Teile der veröffentlichten
Meinung in Deutschland wird von uns nicht länger schweigend hingenommen
– es muss endlich tacheles geredet werden! Äußert
sich da doch eine Parteinahme, die Israel fortwährend und ganz
selbstverständlich auf die Anklagebank katapultiert. Dem setzen
wir unsere Parteinahme entgegen.
Der geplante Tod von Scheich Jassin und Abdel Asis Rantisi? Europa
– deine Heuchler! Warum soll die gezielte Tötung zweier
Männer, die unzählige gezielte Morde angeordnet haben, schlimmer
sein als diese Morde? Wieso allenthalben das verräterische Ungleichgewicht
der Empörung? Es ist widerwärtig zu erleben, wie empfindungslos
sich weite Kreise über die israelischen Opfer hinwegsetzen –
und das ausgerechnet in Deutschland, das bekanntlich auf eine lange
Tradition als Weltmeister der Selbstbeweinung zurückblicken kann.
Wollen ungefährdete Deutsche tatsächlich und allen Ernstes
die Israelis besserwisserisch belehren, wie deren Staat und Regierung
ihre Bürgerinnen und Bürger vor den Mordanschlägen
von Hamas, Jihad und Hisbollah zu schützen hätten? Herunter
vom hohen Ross!
Ich kann mir nur allzu gut vorstellen, was hierzulande los wäre,
wenn in den letzten zwei Jahren zwischen Flensburg und München,
Köln und Frankfurt an der Oder dreitausend Tote durch Terrorakte
zu beklagen gewesen wären, darunter neunhundert durch Selbstmordattentäter.
Längst würde Panik und Chaos ausgebrochen sein, und die
Rufe nach dem „Starken Mann“ und der Todesstrafe wären
immer lauter zu hören. Es ist höchst fraglich, ob die Demokratie
Deutschland unter solchen Bedrohungen so stabil bleiben würde
wie die Demokratie Israel nachweisbar geblieben ist.
Ich aber weigere mich, die Maßnahmen israelischer Regierungen
zum Schutze seiner Bürgerinnen und Bürger auf die gleiche
Stufe mit den hinterhältigen Anschlägen arabischer Terroristen
zu setzen. Was ist das für eine Gesellschaft, die Teenagern suggeriert,
dass sie, nachdem sie möglichst viele Menschen, darunter andere
Teenager, in den Tod gerissen hätten, schon im nächsten
Augenblick an den Busen glutäugiger Jungfrauen schmachten werden?
Was ist das für eine Gesellschaft, deren eine Hälfte, die
weibliche, so gut wie rechtlos ist, in der Menschenrechte unbekannt
sind, die eigenen Eliten total versagt haben?
So wenig, wie arabische Herrscher fähig waren, sich Saddams zu
entledigen, also des Mannes, den sie wie den Teufel gefürchtet
haben, so wenig sind sie imstande oder überhaupt willens, den
einheimischen Terroristen das Handwerk zu legen. Die stereotype Aufforderung
der Linkseuropäer, Israel möge Gewalt nicht mit Gewalt vergelten,
zielt, ganz abgesehen von seiner unverschämten Einseitigkeit,
auch noch völlig am Charakter des Konfliktes vorbei. Die Israelis
könnten sich wie die Engel benehmen – es würde die
mörderischen Exekutoren von Hamas, Jihad und Hisbollah nicht
im Mindesten beeindrucken. Die wollen keinen Frieden, die wollen Israel
von der Landkarte des Nahen Ostens ausradieren. Das ist ihre Losung
– die einzige, die sie haben."
29. Februar 04
Heute führte ich eine Diskussion
zum Thema Subventionierte Kunst.
Der Tenor ist immer weniger zu überhören: Wofür zahlen
wir soviele Subventionen für Kunst und Künstler? Wenn Kunst
sich nicht selber trägt, brauchen wir sie nicht. In Amerika geht
es ja auch so. Die Künstler dürfen nicht so am Markt vorbei
produzieren, dann können sie auch davon leben.
Und dergleichen mehr.
Ich finde das enorm kurzsichtig, engherzig, scheuklappig, ja geradezu
gefährlich – zumindest auf Dauer.
Und es vermischt zudem die verschiedensten Fakten zu einer Suppe:
eine Milchmädchenrechnung.
Die richtige Frage sollte lauten: Wofür GENAU vergeben wir die
Subventionen, an wen – und vor allem: Wer entscheidet darüber
und was muss man dafür tun?
Jedenfalls hat dieses Gespräch eine ganze Reihe Gedanken losgetreten,
und die will ich hier mal aufschreiben.
Zunächst:
Amerika ist ein völlig anderer Kulturkreis, mit dem unseren nur
in Ausnahmefällen zu vergleichen. In Amerika herrscht zum Beispiel
eine Tradition des Mäzenatentums, der ehrenamtlichen Arbeit,
von der wir hierzulande nur träumen können. In Amerika ist
der europäische Weg: „Wir überlassen die Führung
und die Entwicklung der Gesellschaft dem Staat“ völlig
unbekannt. Der Staat reguliert und ordnet – er führt nicht,
er ist gedacht, der Entwicklung zu FOLGEN.
Daher finden sich viel mehr Menschen, die diese Entwicklung der Gesellschaft
aktiv vorantreiben wollen, und sei es mit Geld.
Ausserdem – nicht zu unterschätzen: In Amerika kann man
jede Art der Spende von der Steuer absetzen.
Und trotzdem ist auch in Amerika eine Kunst und Kultur, die sich entwickelt
( und zwar nicht im Sinne von: Immer seichter wird), inzwischen leider
die Ausnahme von der Regel.
Denn, und hier kommt der nächste grosse Fehler zum Tragen: Seit
der vorletzten Jahrhundertwende, und insbesondere seit dem 2. Weltkrieg
werden Kunst und Kultur allgemein als „schmückendes Beiwerk“
behandelt, das keinerlei Einfluss auf die wesentlichen Dinge des Lebens
hat und haben kann. Sie wird marginalisiert, zugunsten des Marktes,
also der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Forschung. Sie bleibt entweder
„elitären Kreisen“ vorbehalten oder verkommt zur
Massenruhigstellung.
Wir bedenken nicht mehr, das unser gesamtes Leben, unser jeweiliger
Kulturkreis unsere Denkungsart – das letztlich ALLES was wir
tun, von Kultur und Kunst geprägt ist – ob wir das nun
merken oder nicht.
Und je weniger innovative Kunst es gibt, desto weniger Kultur gibt
es auch – und somit auch desto weniger Eigenständigkeit,
Moral, Einzigartigkeit – wir verkommen zu blossen Werkzeugen
der Marktmechanismen.
So gibt es auch langfristig weniger Demokratie, je weniger eigenständige
Kunst es gibt.
Nicht umsonst werden bei Kriegen massiv und bewusst die jeweiligen
kulturellen Errungenschaften, historische Bauten, Denkmäler etc
– und damit die gesamte Geschichte des angegriffenen Staates
- zerstört: Ein kulturloses Land kann man leichter für die
eigenen Zwecke vereinnahmen.
Was bezeichne ich jetzt hier als
„innovative Kunst“?
Kunst, die verstört, die man ablehnt, weil sie tradierten Gewohnheiten
zuwiderläuft, die zum Nachdenken oder nach-fühlen zwingt.
Aber auch Kunst, die bewusst und deutlich auf bereits bestehenden
Traditionen aufbaut, die sie weiterführt in die jeweilige Zeit
hinein, und darüber hinaus.
So etwas hat zwangsläufig
am Anfang wenig Anhänger, denn wie heisst es so schön: „Was
der Bauer nicht kennt, isst er nicht.“
So etwas ist auch nicht für finanzielle Eliten gemacht, die sich
damit brüsten um in ihren eigenen Kreisen damit zu punkten. Es
ist gemacht für diejenigen Menschen, die neugierig sind, die
Dinge in Frage stellen wollen, oder auch nur Fragen lernen wollen.
Und es ist gemacht, damit andere Künstler darauf aufbauen können,
und vielleicht etwas entwickeln, dass auch den berühmten „Otto
Normalverbraucher“ berührt.
Nur leider: Menschen, die neugierig
sind, die sich gerne verstören lassen, die ihre eigenen tradierten
Denk- und Erlebensmuster gerne in Frage stellen gibt es naturgemäss
wenige – und die jeweils Mächtigen sind auch nicht rasend
daran interessiert, dass es mehr werden: Neugierige Menschen, kritische
Menschen machen das Regieren schwieriger, und sie brauchen auch weniger
käuflich erwerbbare Ersatzbefriedigungen: sie haben kein leeres
Leben.
Aber so eine „innovative
Kunst“ hat naturgemäss auch wenige Produzenten, denn es
ist kein leichtes Leben, sich diesen Dingen zu verschreiben, man tut
es nicht aus Karrieregründen, man tut es, weil man es tun MUSS.
Und wie sehr es sich rechnet,
wenn die wenigen Menschen, die sich solcher Kunst verschreiben würden,
sie auch ausüben können ohne zu verhungern, das merkt man
erst Jahre, oft Jahrzehnte später.
Es ist letztlich ähnlich
der Wissenschaft. Grundlagenforschung ist für nicht eingeweihte
Menschen ein kompletter Schmarrn. Warum müssen Wissenschaftler
Jahre damit zubringen, die Schnupfenbekämpfung der Beutelratten
zu erforschen oder überprüfen, wie sich verschiedene Papiersorten
unter Wasser verhalten?
Sie müssen es aber – wie sich erwiesen hat – weil
man über solche vermeintlich sinnlosen Studien plötzlich
Dinge merkt, die (vielleicht in völlig anderen Bereichen) zu
Erleichterungen des Lebens führen.
Die Wirtschaft hat das immerhin begriffen, und sponsert Grundlagenforschung,
ja die Forschung ganz allgemein, mit hohen Beträgen.
Was sie nicht begriffen hat, und die Politik schon garnicht, ist,
dass es im Bereich der Kunst ganz genauso ist: was sie bringt, und
wie wesentlich sie in den Lebensbereich jedes einzelnen – auch
nicht kunstinteressierten Menschen – eingreift, zeigt sich erst
über Umwege und viel viel später.
Aber es wurde und wird uns eingeredet, dass Kunst entweder alt und
wertvoll oder von Medien und reichen Leuten geliebt und teuer ist.
Was man nicht versteht, was scheinbar ziellos oder sinnlos ist, ist
per defintionem nicht Kunst im hehren Sinne. Und wenn es sich zudem
nicht an die Massen für das schnelle Glücksgefühl verscherbeln
lässt, ist es nicht förderungswürdig.
Mit der Europäischen Tradition,
die den Erhalt wie die Förderung der Gesellschaft mehr dem Staat
als dem Einzelnen zuschiebt, MUSS man Subventionen befürworten,
will man nicht als amorphe Masse enden, die alles frisst, was ihr
vorgesetzt wird, und sich nicht weiter entwickeln kann als bis zum
„Käufer“ und „Dienstleistungsvieh“.
Diue Frage ist nur – siehe oben: Wer gibt wem Geld, und was
wird dafür verlangt?
Aber im Idealfall darf man eben ncihts verlangen, ausser, dass der
Subventionsempfänger weiter macht, was er machen kann: Neugierig
machen, ärgern, an bestehenden Gewohnheiten kratzen – und
das unter so viele Menschen wie möglich bringen.
Und da kommt der nächste Fehler in’s Spiel: Denn es wird
oft geglaubt: Ja, wenn das viele Menschen sehen wollen, dann BRAUCHT
der doch keine Subvention! Und wenn es trotz Subventionen keinen Hund
hinter dem Ofen hervorlockt, wofür geben wir dann Geld aus?
Genau dafür ist aber das Geld: Man muss solche sperrigen Sachen
den Menschen auf’s Aug drücken. Denn der Mensch ist, wie
gesagt, von Natur aus eher faul.
Das Geld ist dafür da, dass der Künstler die Möglichkeit
hat, den Leuten etwas zu zeigen, dass sie sich freiwillig –
oder ohne sanfte Überredung – nicht anschauen würden.
Es muss nicht gefallen, was subventionierte Kunst tut. Es muss nicht
verändern WOLLEN, oder, wie es so schön heisst: Grenzen
sprengen WOLLEN. Es geht darum, dass sich jemand – auch unkonventionelle
- Gedanken macht, die aus ihm oder ihr herausMÜSSEN. Gezielt
auf Schockwirkung hin arbeiten, heisst allerdings auch noch lange
nicht, dass da Gedanken verarbeitet werden, die uns weiterführen.
Kann sein, muss aber nicht.
Ich vertraue persönlich eher jenen Künstlern, die anecken,
nicht weil sie etwas erzielen, sondern weil sie einfach so sind, so
denken, so fühlen. Sie sind die Speerspitze, der Mutant, der
die Zukunft vorwegnimmt. Und man darf sie nicht mundtot machen, sonst
bleiben wir stehen.
Diese Mutationen, die unsere Gesellschaft weitergebracht haben, gingen
meistens in eine Richtung, die ausser den Künstlern niemand vorhersah.
Gezielte, geplante Mutation will immer nur noch mehr von bereits Bekanntem
erreichen.
Zudem: der Subventionsgeber, der
Staat, ist per definitionem nicht fähig zur ziellosen Mutation
ohne Anstoss von aussen. Und daher kann und darf er auch nicht oder
nur bedingt entscheiden, welche Veränderung ansteht.
Man darf nicht Subventionen mit Inhalten verknüpfen. Das ist
der ganze Trick.
Und das ist auch die ganze Schwierigkeit. Denn wie sonst kann man
entscheiden, was förderungswürdig ist und was nicht?
Kulturpolitiker, die ein gutes Gespür haben, die die nötige
Sensibilität und Wachheit haben, und die vor allem nicht parteiisch
und kurzsichtig denken, die werden immer seltener.
Und das (vorwiegend jüdische, aber das ist eine andere Geschichte)
Mäzenatentum der Vor und Zwischenkriegszeit gibt es nicht mehr.
Vordergründig scheint es das Einfachste zu sein, den Markt alles
regeln zu lassen. Keine Subventionen, und die Leute kriegen das, was
sie brauchen und wollen und aus.
Aber es gibt eben auch Dinge, bei denen man erst im Nachhinein weiss,
dass sie wichtig sind.
Und noch ein kleines Postskriptum:
Auch Politikverdrossenheit kann durch mehr Kunst und Kultur bekämpft
werden, im Übrigen. Denn die Menschheit will angeregt werden,
sonst wird sie faul. Denkfaul und Lebensfaul. Und nur Kunst und Kultur
können diese Aufgabe übernehmen. Und zwar immer NEUE Kunst
und immer wieder erneuerte Kultur.
Volkstänze allein sind da nur marginal hilfreich.
4. Dezember 03
Lange nichts mehr eingetragen - Tourneen und
die Vorbereitung des neuen Programms haben meinen Kopf gefüllt.
Aber jetzt ist wieder etwas eingetreten, was mich veranlasst, wieder
zu schreiben: Es gibt eine Studie, die das Europäische Büro
zur Beobachtung von Rassismus in Auftrag gegeben hat - und dann nicht
veröffentlichen wollte. Weil die Studie besagt, dass das enorme
Ansteigen von Antisemitismus und vor allem gewalttätigem Antisemitismus
auch in Europa verstärkt von Muslimen getragen wird.
Für mich scheint hier offensichtlich, dass nicht gemerkt wird,
wie sehr nach 9/11 ganz allgemein in Europa der Antisemitismus gestiegen
ist.
Erstaunlicherweise.
Man sollte meinen, dass der Anti-Islamismus
steigen würde, nach den terroristischen Taten der letzten Monate
und Jahre:
Aber nein.
Fast im Gegenteil. Eine Welle der "lasst
uns toleranter sein"-Sager bricht über uns herein, "Lasst
das Kopftuch doch gelten!" "Sharon ist an der Radikalisierung
der Terroristen schuld!" - und mit Sharon, natürlich, gleich
alle Juden der Welt.
Und, viel wesentlicher: Allerorten ist zu hören: "Wir dürfen
die Muslime nicht schuldig erklären für ihre schwarzen Schafe!"
Dürfen wir das nicht?
Natürlich - jeder darf/soll/muss die Religion haben dürfen,
die er oder sie wünscht - und niemand darf deswegen Ressentiments
pflegen. Ganz klar.
Trotzdem ist meiner Meinung nach angesagt, den Gedanken der Toleranz
nicht zu strapazieren.Ich halte es nicht für "tolerant"
wenn man es zulässt, dass der Nachbar die Ehefrau allnächtlich
windelweich prügelt, oderdie Kinder. Ich halte es nicht für
tolerant, wenn man dem Nachbarn "nachsieht", dass er sich
daran erfreut, vom Fensterbrett aus vorbeigehende Hunde zu erschiessen.
Oder Menschen. Und ich halte es nicht für "tolerant",
wenn man dem Nachbarn durchgehen lässt, dass er sukzessive den
gesamten Bezirk mit einfachen Milchmädchenrechnungen überzieht,
als Heilsbotschaften getarnt, die dazu führen, dass niemand mehr
in der Gemeinschaft integriert ist.
Das aber geschieht beim Islam. Und
- um Zustimmung aus der falschen Ecke vorzubeugen: Nicht der Islam
ist schuld. Es sind nur die Islamisten, die ihre eigene heilige Schrift
so menschenverachtend und gefährlich auslegen. Es gibt genügend
islamische Menschen, die einfach eine Religion haben, und das ist
auch völlig okay so.
Anti-Islamismus ist das Schlechteste
nicht.
Sage ich jetzt mal ganz provokant.
Aber ich mache einen Unterschied zwischen Anti-Muslimisch sein, und
Anti-Islamismus. Nicht gegen die, die eine Religion haben, so ganz
für sich - das ist deren Problem. Aber gegen die, die dieser
Religion - verzerrend - das Wort reden.
Nicht gegen die Menschen - aber gegen die Religion, gegen das Gedankengut,
dass damit zunehmend verbunden wird.
Mit Anti-Islamismus
meine ich, dass es auch wesentlich ist, IM ISLAM selbst mit einer
Diskussion anzufangen, mit dem Ziel, die Auslegung der Religion zu
reformieren.
Antisemitismus ist schlecht, und Anti-islamismus nicht?
Im Grunde kann man die beiden Anti-ismen ja nicht vergleichen, denn
bei dem Einen ist die Ausgrenzung vorwiegend rassisch motiviert, bei
dem anderen unabhängig von Herkunft rein religiös.
Soll heissen: ein zum Judentum Übergetretener hat sicherlich
weniger mit Ressentiments von Andersdenkenden zu kämpfen als
ein zum Islam Übergetretener.
Aber der Islam ist - so viel ich darüber gelesen habe - eine
Religion, die in ihrem Selbstverständnis bisher viel zu wenig
Möglichkeiten für ein "mit der Zeit gehen" beinhaltet,
was dazu führt, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime
eher fundamentalistisch geprägt ist - im Gegensatz dazu ist sowohl
im Christentum als auch im Judentum der radikale, orthodoxe Zugang
die Minderheit - und damit keine Gefährdung für die restliche
Welt.
Ich habe den Eindruck, dass es
vorwiegend zwei Faktoren sind, die in meinen Augen den Islam (nicht
als Religion im ursprünglichen Sinn, sondern als das Leben ALLER
beeinflussende Strömung!) zu einer tatsächlichen Gefahr
werden lassen: Der eine Faktor ist natürlich, wie überall,
die mangelnde Bildung seiner Proponenten, die auch daraus resultierende
Armut und der immense Mangel an Perspektiven für die eigene Lebensplanung
- und die engen Netze, die in genau dieser Situation dazu führen,
dass die erste WIRKLICHE Hilfeleistung, die diese Menschen bekommen,
von Organisationen der Mullahs ist. In deren Interesse es wiederum
liegt, die mangelnde Bildung ihrer Adepten beizubehalten.
Der zweite Faktor liegt in meinen
Augen aber auch in der Religion selbst begraben. (Nicht notwendiger
Weise im KORAN, aber in dessen mehrheitlicher Auslegung durch die
Religionsführer!!!)
Denn ein wesentlicher Teil des islamischen (oder islamistischen) Selbstverständisses
ist eine diffuse Mischung aus :"Benützt die Produkte und
Erzeugnisse der westlichen Länder für Eure Zwecke - ihr
selbst aber lebet ausserhalb dieser Logik nur für Allah"
Also: Demokratie, umfassende Bildung in anderen Dingen als Religion
werden abgelehnt als "Teufelswerk", die Hierarchisierung
und der Tagesablauf sind in einer Weise geregelt, dass ein produktives
Zu- und Mit-tun mit der ausser-islamischen Gesellschaft unmöglich
ist - und aber man darf sich sehr wohl der Segnungen der westlichen
Welt bedienen, der Waffen, der Propaganda, der technischen Erzeugnisse.
Enorm viele Muslime gehen in den
Westen, um zu studieren, mit dem Einzigen Ziel, das dabei erworbene
Wissen GEGEN den Westen einzusetzen. Die Frauenbehandlung trägt
sicherlich auch zur Radikalisierung der Gesellschaft bei, weil das
kalmierende Element mundtot gemacht wird. Und die heilsbringende Lehre:
Wenn Du GEGEN die Ungläubigen bist, wenn du NUR dem alten Glauben
treu bleibst, nur dann kannst du Heil finden.
Also: Je mehr man zur vordemokratischen Gesellschaft zurückkehrt,
desto näher ist man Gott, und was immer Du an Schlechtem erfährst,
es ist NUR, weil Du noch nicht genug die modernistische Welt verlassen
hast.
Das ist aber eine Glaubensform,
die gerade diejenigen anspricht, die keine Perspektive haben - sie
müssen letztlich nur NOCH MEHR so ungebildet und abgeschlossen
leben wie sie es bisher kannten, um glücklich zu sein - jedes
"Unglück" wird auf einen Aussenfeind geschoben: Islamisch
sein, - in der Mullah-Ausformung, wohlgemerkt! - heisst: Dagegen sein,
einsperren, wegsperren, ausmerzen, um Frieden zu finden. Das beisst
sich naturgemäss mit der gesamten restlichen Welt, denn SO eingesperrt,
dass man auch kein Fernsehen, keinen abgepackten Orangensaft, kein
Auto hat, will man ja auch nciht sein...
Dazu kommt auch eine Geschichts-schreibung, die in ihrer Scheuklappigkeit
umwerfend ist. Geschichte zu studieren heisst im Islam, die alten
super-religiösen Denker zu ehren und zu heiligen. Punkt.
Das heisst, ich meine, man muss
im Islam selbst eingreifen, auch als nicht-Muslim, um die
reformistischen Denker zu unterstützen, die den Koran der Zeit
und dem heutigen Wissenstand anpassen wollen - weg vom Kopftuch, weg
vom ausschliesslich rituellen Waschen - um nur zwei Beispiele zu nennen,
die in zb der jüdischen Religion bei der überwiegenden Mehrheit
schon längst passiert sind - wir haben bei den Orthodoxen ja
auch eine Art "Kopftuch", den sogenannten Scheitel - aber
wer hat das heute schon.
Nebenbei gesagt: In vermutlich jeder Religion können die "Orthodoxen"
zu einer Bedrohung für die gesamte Gesellschaft werden - wenn
sie eine relevante Mehrheit haben. Aber von allen Religionen hat eben
nur der Islam bei seinen Adepten eben diese Mehrheit. Es gibt - überspitzt
ausgedrückt - den Islam nur in seiner orthodoxen Form - und DAS
ist die Gefahr.
Sonst habe ich die Angst, dass
- gerade WEIL die Religion in ihrer derzeitigen mehrheitlichen
Ausprägung für perspektivelose junge Menschen so
ansprechend ist, durch den Schutzfaktor vor eigenen Fehlern - wirklich
eine Bedrohung werden kann.
Denn es ist inzwischen eine wissenschaftlich bewiesene Binse, dass
die Radikalität und die Gewaltbereitschaft gerade in jenen Gesellschaften
enorm ansteigt, wo die Perspektivelosigkeit gegeben ist, die Aufstiegsmöglichkeiten
fehlen, wo viele junge Männer keine oder zu wenig Möglichkeiten
haben, den offenbar genetisch gegebenen persönlichen Karrieredruck
(in welcher Ausprägung auch immer) zu verwirklichen.
Daniel Cohn-Bendit hat mit Recht die oben genannte Studie gegen Willen
des Instituts für Rassismusforschung in's Netz gestellt.
Der Antisemitismus und seine Verfechter sind auch die Garantie dafür,
dass der Islam ungehindert in seiner perversesten Ausführung
erstarken kann.
Indem Bin Laden und seine Mitstreiter als die "Bösen"
ausgemacht werden, bekämpfen wir ein Symptom und nicht die Ursache.
die Ursache ist eine Religion, die in ihrem Selbstverständnis
gegen die restliche Welt spricht. Doch aus lauter Angst vor mangelnder
Toleranz wollen wir nicht sagen, wer etwas falsch macht.
Der Kopftuchstreit:
Meine Meinung ist: es geht nicht darum, ob das
Kopftuch jetzt "tolerierbar" ist oder nicht. Das geht am
Kern vorbei - oder besser: Es ist eine unnütze Diskussion.
Wenn man aber - im deutschsprachigen Raum, denn in Frankreich herrschen
andere Traditionen, daher darf man auch diese Diskussionen nicht vermischen
- hierzulande das Kopftuch verbieten würde, würde man den
Islamisten und den Rassisten nur Unterstützung geben. Das Kopftuch
als NORMAL zu sehen, das sollte das Ziel sein. Verbotenes polarisiert,
regt auf oder an. Wenn etwas "wurscht" ist, dann haben es
Ausgrenzer schwer.
25. Oktober 03
Es geht wieder mal um GATS.
(Bin ich die Einzige, die sich darüber Gedanken macht?)
GATS bedroht ja nicht nur die „herkömmlichen“ Dienstleistungsbetriebe,
Wasser, Strom, Telefondienste – es bedroht auch massiv die Kultur
unsere jeweiligen Länder.
Denn auch Kunst und Kultur dürften laut GATS nicht subventioniert
werden.
"Juhuu!"
Rufen jetzt alle, "Diese übersubventionierten Theater, das
nervt ja sowieso, diese sogeannte „Hochkultur“, die eh
niemanden interessiert."
Aber leider.
Um die geht es noch am Wenigsten, denn die finden schon ihre Sponsoren
aus der Wirtschaft. Macht ja was her, wenn man so prominent in Bayreuth
beworben wird.
Aber Kultur ist eben
nicht nur brav inszenierte Oper und Konzerte - ganz im Gegenteil.
Kultur ist auch: Wie spricht man miteinander, was sind "Manieren",
wofür hat man Schamgefühl (ist ja auch ganz unterschiedlich
in den verschiedenen Ländern), was isst man, wie grüsst
man sich, wie kleidet man sich, wie hält man's mit der Pünktlichkeit,
was liest man, worüber lacht man, kurz: Wie sieht man die Welt,
und was sind die in einer Gesellschaft "allgemeinen" Interessen,
Diskussionen, was ist die Lebensart.
Kultur ist nebenbei auch:
Das Fernsehen.
Das Fernsehen ist inzwischen Kulturvermittler Nummer 1.
Und wie sieht die Kultur, die uns das Fernsehen (jetzt schon!) vermittelt,
aus?
Amerikanische Serien.
Also amerikanische handshakes, amerikanische Prüderie, amerikanische
Witze.
Nichts gegen sie. Aber bitte nicht in diesem Übermass, dass sich
die Deutschen garnicht mehr der Unterschiede bewusst sind. Oder die
Griechen, oder die Italiener.
Wenn wir uns die „Urmutter“
des Fernsehens, das Kino, ansehen, haben wir ein wunderschönes
Beispiel: Vor einigen Jahren kam in Deutschland der Film: „Der
bewegte Mann“ heraus – und war ein Überraschungserfolg.
Eine – an Time Warner/Sony gemessen - kleine Firma hatte diesen
Film ermöglicht. Und weil der Film so ein Erfolg war, kamen dann
auch Filme wie „Lola rennt“ oder „Good bye Lenin“
und viele andere . Mit wenig Geld, und keine jahrelang nachwirkenden
Meisterwerke, aber solide, innovative – und vor allem: sehr
in der deutschen Kultur verhaftete Filme. Die auch ein Publikum fanden.
Und die die Alltagskultur beeinflussten.
Die Franzosen haben schon
lange eine starke eigene Filmindustrie, die eine ganzen Reihe von
Künstlern dadurch erhält. (Künstler, die dann, weil
sie eine Einkommensbasis haben, auch andere, sperrigere Dinge machen
können.)
Diese Filme werden subventioniert. Zumindest die ersten Filme, bis
die jeweilige Filmfirma sich eine relativ solide Basis schaffen kann,
oder bis der jeweilige Drehbuchautor oder Regisseur sich einen Namen
gemacht hat.
Auch das sind aber „Dienstleister“
– und damit wären sie von GATS eingeschlossenn. Man dürfte
keine Subventionen mehr geben, oder doch enorm stark eingeschränkt.
Damit kommen nur die zum Zug, die schon Geld haben.
Also, die grossen Filmfirmen, die mit „Rambo“ und ähnlichem
den globalen Markt anstreben.
Zurück zum Fernsehen. Die
hiesigen Fernsehbosse haben im Allgemeinen nicht den Mut, innovatives
auf den Spielplan zu setzen, und wenn, dann spät in der Nacht,
wenn es eh keiner sieht.
Sie machen es sich leicht, haben wohl auch starkem Druck von grossen
Firmen standzuhalten.
Manche Programme indes werden subventioniert, und können es sich
(noch) leisten, auch Schwierigeres in’s Programm zu hieven.
Die Privaten Sender bezahlen höchstens „Den Fernsehdoktor“,
"Autobahn Cobra" und so – Serien, die rein von amerikanischen
Inhalten abgekupfert werden, und auch ebenso prüde, gewaltbetont
und dennoch moralisch „heilig“ sind - und genau betrachtet
nicht der europäischen Kultur entsprechen.
Leider ist GATS ja auch nicht
auf rein europäische Inhalte und Dienstleister angelegt. Es betrifft
letztlich die ganze industrialisierte Welt.
Es wäre ja schön, könnte Europa sich zumindest darauf
einigen, europäische Kultur zu erhalten, wenn schon keine Eigenstaatliche.
Aber Europa hat noch nicht begriffen, wie sehr es bereits –
auch in den einzelnen Ländern – der amerikanischen Einheitskultur
unterlegen ist. Es wird immer noch um „Eigenstaatlichkeit“
gestritten, und die „kulturelle Hegemonie“ beschworen
– wo es längst klar ist, dass die einzige Chance Europas
ist, sich dem Druck der Transnationalen Konzerne – und damit
Amerikas – mit einer Stimme zu widersetzen. Stattdessen wird
oberflächlich zwischen den einzelnen kleinen Ländern herumdiskutiert,
und die USA setzen derweil GATS durch, und lachen sich in’s
Fäustchen.
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Und nochmal zum Thema „Kultur“.
Die sogenannte Hochkultur, so heisst es, wird allgemein immer mehr
zum Elfenbeinturm, aber die „normalen Menschen“ bleiben
bei Pop und Kino.
Jetzt will ich der Einfachheit halber in diese „Hochkultur“
nicht nur Oper und klassische Konzerte rechnen, sondern auch moderne
E-Musik, moderne Maler (sogar Nitsch gilt immer noch als einer, eigentlich
lächerlich) und vor allem: Theater.
Man hört – in Deutschland mehr als in Österreich,
aber auch hierzulande: Wieso sollen wir die Theater so stark subventionieren?
Oder die Zwerg-Verlage, die unverständliche Bücher herausbringen.
Ich bin der festen Überzeugung:
Nur weil wir es (vielleicht: noch) nicht verstehen, heisst noch lange
nicht, dass es keinen Sinn macht, zu unterstützen. Auch Musik
von zB Shakira wäre ohne die Vorreiter, die niemand damals verstand,
heute nicht da. Es sind genau die Künstler, die wir eben nicht
verstehen, die wir ablehnen.
Wobei ich jetzt nicht andeuten will, die Welt wäre ohne Shakira
leerer – aber nur zum Beispiel.
Es sind die Avantgardisten, die
für uns und unsere Kultur längerfristig wirklich wichtig
sind, denn Kultur bedeutet auch: wer sprengt welche Grenzen und wie.
Weil das heisst: Wie läuft die Entwicklung und wohin.
Ja. Opern und überhaupt die
„brave Kultur" findet sicherlich weiter Sponsoren in der
Wirtschaft.
Aber was ist mit der Subkultur? Was ist mit der jungen Kultur? Der
neuen Musik? Wir verMusikantenstadln total - und zwar auch in Deutschland.
Jeder stellt sich lustige amerikanische Comixfigürchen in sein
Heim und lässt ansonsten den lieben G*tt oder wen auch immer
schalten und walten. (Kurzfristig auftauchende Aussenseiter, die verblüffender
Weise doch ein grösseres Publikum ansprechen können, werden
schnell mit viel Geld mundtot gemacht - zur Massenware erklärt,
überlegt sich keiner mehr genau, was sie eigentlich mal gesagt
haben - siehe zB Eminem)
Die Avantgarde war bisher
immer der Teil der Kultur, der unsere Zukunft vorweggenommen hat;
die Gegenwart ist so, wie es die Avantgarde vorausgesehen hat. In
Film, Theater, Musik, Architektur und Wort.
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Die „Unkultur“ oder:
Das Handwerk stirbt aus.
Ich habe voreiniger Zeit –
weiter unten auf der Seite – eine wütende Antwort auf einen
Artikel von Georg Kreisler geschrieben. In seinem Artikel hat er "das
Böse" für die immer stärker werdende Unkultur
verantwortlich gemacht. Ich war der festen Überzeugung: Er übertreibt.
Die Möglichkeiten, sich der verdummenden Massenwaren zu verweigern,
sind gegeben - man muss es nur TUN.
Aber trotzdem bin ich
seitdem irgendwie aufmerksamer geworden, und auch selbst immer pessimistischer.
Wenn man nichts mehr zu sehen bekommt, das zumindest handwerkliche
Qualität aufweist, ganz zu schweigen von inhaltlicher - woran
soll man sich orientieren, als Konsument?
Ich sehe, dass (in sogenannten
Intellektuellen Kreisen) "Künstler" gelobt werden,
für eine gute Idee, und zwar trotz mangelhafter
Umsetzung.
Die Umsetzung krankt, weil eben einfach das Handwerk nicht stimmt,
die Grundierung.
Das ärgert mich sehr.
Aber das Handwerk ist bei "Inhalten" nicht mehr so gefragt.
- Ebenso wie jeder Gouverneur werden kann, der sich in den Medien
gut darstellt, kann auch jeder "Künstler" werden, der
eine (!) gute Idee hat.
Handwerk gehört nicht mehr zum Deal - das ist nur noch in der
Wirtschaft nötig.
Ich habe zunehmend den Eindruck, dass die Hauptursache dafür,
dass das Handwerk als Grundlage für Inhalte uninteressant geworden
ist, die ist, dass das Publikum ja keine Möglichkeit hat , es
einzufordern.
Weil "das Publikum" nicht mehr so richtig weiss, was Handwerk
ist, in der Kunst. Weil man einfach nciht mehr sehen kann, was gutes
Handwerk ist - ausser bei den Dingen, wo die Inhalte uninteressant
sind.
Als ob Handwerk und Inhalt gleichzeitig nicht existieren könnten.
Die Menschen bekommen zudem auch garnicht das Instrumentarium in die
Hand , um entscheiden zu können, ob etwas Sinn macht, ob es gedanklich
weiterführend ist oder nicht - weil sie nirgends vergleichen
oder gar lernen können, ob das, was sie vorgesetzt bekommen,
auch fundiert ist.
Es splittet sich in zwei Teile, das gesamte kulturelle und auch künstlerische
Leben: Der Teil, der gutes Handwerk ist - und nicht mehr, (also zB
Action-filme, amerikanische Sitcoms, Musicals oder gewisse Modern
Dance-Abende) - und der als "Kunst" und "Kultur"
gelobt wird, nur weil er handwerklich perfekt ist und der Teil, der
gute Ideen hat, die zum Nachdenken anregen, die andere Sichtweisen
aufzeigen - die aber handwerklich unter aller Sau sind. (Schlingensief,
Underground Künstler-Gruppen wie zB Gelatine, off-off-Theater)
Dann gibt's noch Zwitterwesen, die sich den oben genannten zwei Möglichkeiten
entziehen. Das sind jene, bei denen sowohl Handwerk als auch Inhalt
einfach sauschlecht sind – die deutschen Comedy-Formate sind
dafür das beste Beispiel;
und jene bei denen sowohl Handwerk als auch "Message" (um
es mal so banal auszudrücken) so halbherzig "okay"
sind. "Wir sind Helden“ könnte man unter diesen einreihen:
ganz gute Ideen, immer wieder mal dazwischen haben sie es sich "leicht
gemacht", und musikalisch sind sie "jo, eh okay", keine
Perfektion, aber eben zumindest auch nicht totaler Schrott (Aber wenn
man so etwas dann sieht/hört, ist man direkt froh und wird Fan,
denn die Ansprüche sinken ja).
Wenn dann zufällig
einer kommt, der in Handwerk und Inhalt fundiert
ist, gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder, Kollegen und
Produzenten halten ihn/sie so klein wie möglich, damit er/sie
nicht beispielgebend werden kann - oder, er/sie wird sofort von der
Industrie umarmt und auf diese Weise banalisiert.
Klar, das hat es immer
schon gegeben.
Aber durch die Massivität, die es jetzt in der globalisierten
Entwicklung bekommt, (und durch das drohende GATS auch, nb) gibt es
immer weniger Raum für Nischen, wo sich etwas Eigenständiges
entwickeln kann, wo man die Möglichkeit bekommt, auch als Publikum
zu "lernen" wie man beurteilt.
Man wird durch die ausschliessliche
Einwirkung der Massenmedien und der Industrie zunehmend kritikunfähig
gemacht - und das ist die Entwicklung, die ich sehe und vor der ich
mich fürchte.
Solange der Staat die
Möglichkeit hat – und sie im Übringen endlich nützen
würde- da in kleinem Rahmen gegenzusteuern,( zB bei Verlagen
oder Theatern unterstützend zu wirken) hat man zumindest einen
Rettungsanker. (Genau das kann allerdings durch GATS der Staat dann
nicht mehr tun.)
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Ich habe vor einiger
Zeit bei einer Gala für den Österreichischen Nationalratspräsidenten
Heinz Fischer eine fulminante Rede seines deutschen „Gegenstücks“
Wolfgang Thierse hören dürfen, der auf’s
Dringlichste gegen diese allgemeine Hysterie, alles müsse privatisiert
werden, sprach.
Ich war ihm sehr dankbar.
Denn die dem Privatisierungswahn Verfallenen haben leider übersehen,
dass sich die Rahmenbedingungen stark geändert haben.
Bisher konnte man noch sagen, die kleine bis mittelgrosse Wirtschaft
kann diese Rolle ruhig vom Staat übernehmen - denn die sind die
Einzigen, die letztlich an einem "mündigen" Bürger
interessiert sind. Denn nur ein mündiger Bürger wählt
aus. Dadurch würden sich Werbewirtschaft, Fernsehen, ja jede
Form von Medium vielleicht doch etwas mehr um Niveau bemühen
müssen, letztlich vielleicht sogar die Politik.
Ein frommer Wunsch.
Denn durch massives Einwirken der Transnationalen Konzerne (TNCs)
– die ja auch GATS betreiben - verschwinden die kleinen Wirtschaftstreibenden
immer mehr, und die Weltkonzerne werden so vielschichtig in ihren
Einflussbereichen, dass niemand mehr weiss, von welcher Firma er was
kauft.
Und grosse TNCs sind natürlich – auch um diese Entwicklung
voranzutreiben, bzw beizubehalten - nicht an mündigen Bürgern
interessiert, sondern an braven Konsumenten.
Das ist die Entwicklung,
die der Privatisierungswahn letztlich bringen wird. Jeder wird zunehmend
machtlos – nur die grossen Konzerne bestimmen das Weltgeschehen.
Vielleicht ist das langfristig gesehen sogar ein Weg zum Weltfrieden,
denn wenn alles einem Konzern gehört, mit wem soll der streiten?
Aber bis es dahin kommt, haben wir alle – wenn wir es überlebt
haben – unsere Eigenständigkeit und damit unsere Kultur
und Identität verloren.
Gerade fällt mir ein, dass
Erich Kästner genau dieses Bild vorweggenommen hat: In seinem
Kinderbuch „der 35. Mai“ kommt eine Maschine vor, in die
auf der einen Seite lebende Kühe hineinlaufen, und auf der anderen
Seite kommen fertige Taschen, Schuhe, Steaks etc heraus. Aber diese
Maschine läuft immer schneller, und frisst immer mehr und braucht
immer mehr...bis sie sich am Ende selbst auffrisst.....
31. Juli 03
Diese Diskussion in Deutschland und England
wegen des Irak-Krieges steckt fest. Es kommen immer die gleichen
Argumente:
Wo
sind die Massenvernichtungswaffen?
Warum geht er nicht auf andere menschenverachtende Diktaturen
los - wenn das doch der Grund für den Einmarsch im Irak war?
Bush
ist nicht rechtmässig gewählt. Im eigenen Land hat er
ebenso diktatorische Züge. Und
und Und.
Wahrheit kontra Realität:
Nur, weil das aus humanitärer Sicht irgendwie alles stimmt, heisst
es noch nicht, dass es nicht andere Arten gibt, es zu betrachten .
Nicht erwähnt werden:
a.) die strategischen Gründe des Einmarschs und vor allem:
b.) dass dadurch, dass es nicht mehr zwei gleich starke Machtblöcke
gibt, der Imperialismus international wieder schrankenlos ausgebrochen
ist, und Amerika sich schlicht und ergreifend rechtzeitig - im Gegensatz
zu Europa - dessen bewusst wird und danach handelt.
Es ist keine Frage von Bush. Der ist nur ein williger Erfüllungsgehilfe
.
Die normative Macht des Faktischen:
Man mag den Einmarsch in den Irak (und Bushs innenpolitisches Gebaren)
moralisch verwerflich finden - es ist eine weltpolitisch durchaus
zielführende Politik.
Wann in der Geschichte der Menschheit haben denn einzelne Menschenleben
eine Rolle gespielt?
Wer glaubt noch daran, dass man sein persönliches Wohlergehen
als Staatsmacht mit humanistischen Gedanken sichert ?
Solche Kriege (eigentlich: ALLE Kriege) werden nicht aus den Motiven
"richtig oder falsch" geführt, sondern nur wegen "zielführend
für mich oder nicht". Das ist eine Tatsache - auch wenn
es eine grausliche Tatsache ist.
Gegen Tatsachen zu polemisieren - und damit die Realität
zu verweigern- heisst aber im Umkehrschluss, dass man sich
bewusst in eine Situation begibt, wo man der Schwächere gegenüber
genau diesen Tendenzen ist.
Mit einem Wort - egal, wie man es findet, als Staat MUSS man mitspielen,
um nicht von vornherein der Looser zu sein. Für uns in Europa
ist das vermutlich eh schon zu spät - daher wird auch von Regierungen
und Medien zumindest das moralische Lamentieren gefördert - damit
man sich innenpolitisch wenigstens noch a bissel halten kann. (Wer
glaubt ernsthaft, die Franzosen waren gegen den Krieg aus humanitären
Überlegungen? Oder Deutschland? Die hatten hochkarätige
Verträge mit den Irakischen Ölfirmen und Angst, dass diese
Verträge nach einem Einmarsch verfallen. Das ist alles. Und Spanien
und England hatten keine Verträge dort, und erhoffen sich natürlich
jetzt welche )
Wir sind zu spät um noch mitzumischen, also schimpfen wir moralisch.
Saure Trauben, das ist alles.
Es hat nichts damit zu tun, dass ich das vielleicht richtig oder auch
nur annehmbar fände - ich hoffe, das konnte ich schon lange deutlich
machen. Aber es ist eine Tatsache, da kann man seiern soviel man will.
Wir machen letztlich genau das Gleiche wie die Rechten mit den Einwanderern:
Sie übersehen bzw ignorieren, dass Migration eine bereits längst
laufende Tatsache ist - sie versuchen noch immer,
sie zu stoppen, anstatt damit umzugehen, dass sie IST.
Und wir übersehen das faktische Moment im menschenverachtenden
Imperialismus und versuchen, ihn durch Diskussionen wegzubringen,
anstatt uns wirtschaftliche und politische Strategien zu überlegen,
um nicht untergebuttert zu werden. Europa ist doof, langsam und Realitätsverweigernd.
13.Juli 03
Ich kann's nicht lassen: Vor
kurzem erschien ein Artikel in der österreichischen (Qualitäts)Zeitung
"Der Standard",
der mich empört und verletzt hat. (Wobei ich finde, dass
es gut ist, eine Diskussion anzuzetteln!)
Der Autor ist Zeithistoriker an der Uni Graz (am "Zentrum
für jüdische Studien" - auch so eine sonderbare
Erfindung).
Trotzdem ist der Artikel meiner Meinung nach latent antisemitisch.
( Manche Leute sind so bemüht, nicht gegen Juden zu sein
- dass sie antisemitisch sind)
Dazu muss man wissen, dass die österreichische Israelitische
Kultusgemeinde pleite ist - unter anderem deshalb, weil sie praktisch
nichts restituiert bekam, weil sie sich ihren Schutz (!) und die
Renovierung der (zT historischen) Synagogen selbst bezahlen muss.
Unser "Herr" Bundeskanzler würde ihnen einen Teil
des benötigten Geldes leihen (!) - aber Zuschüsse verweigert
er standhaft. Darüber ist eine matte Diskussion ausgebrochen
- matt deshalb, weil sich hier zu wenig Leute aufregen, über
das, was passiert - überhaupt, wenn es den Juden passiert.
Trotz dieser nur für Österreich relevanten Ausgangsposition
greift dieser Artikel jedoch in eine Diskussion ein, die meines
Erachtens auch für den gesamten deutschsprachigen Raum wesentlich
ist.
Jedenfalls ist nachstehend der Artikel zu lesen, und darauf folgend
mein Leserbrief an den "Standard":
Was wäre Wien ohne jüdische Kultur?",
fragten österreichische Intellektuelle unlängst an dieser
Stelle in einer Unterstützungserklärung für die
Israelitische Kultusgemeinde. Ähnlich auch der Tenor eines
Kommentars der Schriftstellerin Gabriele Braunsberg, die ihrem
Appell u. a. mit einem Verweis auf Hugo Bettauers Roman "Die
Stadt ohne Juden" Nachdruck verlieh.
Bettauers Buch wie auch andere Publikationen, die in den 1920er-Jahren
über die kulturellen Leistungen von Juden in Österreich
und Deutschland erschienen, stellten eine Reaktion auf die antisemitisch
motivierte Ausgrenzung der Juden dar und sollten die Unverzichtbarkeit
der Juden für ein reges kulturelles und geistiges Leben herausstreichen.
All diesen Arbeiten lag die Annahme zugrunde, dass Juden zur Kultur
der Mehrheitsgesellschaft beitragen, sie dadurch bereichern und
in ihrer Bedeutung steigern.
Die Vorstellung eines jüdischen Beitrages hat sich bis heute
erhalten; sie findet sich exemplarisch in vielen Studien zur Kultur
des Wiener Fin de Siècle - und nun auch als Begründung
für eine Subventionserhöhung der IKG. Der Begriff des
jüdischen Beitrages leidet jedoch an einer gewaltigen Unschärfe,
die seinen Gebrauch eigentlich verleiden müsste.
Dies zeigt sich bereits, wenn man ergründen möchte,
was und wie viel an einzelnen Künstlern jüdisch ist,
ob sie als Juden oder vornehmlich als Intellektuelle, Kulturschaffende,
tätig sind, was es mit dem Begriff des "getauften Juden"
auf sich hat und worin das trotz Konversion nicht abzulegende
Jüdische in den einzelnen kulturellen Leistungsträgern
besteht etc.
Verzerrte Realität
Das Konzept eines jüdischen Beitrages (zur österreichischen
Kultur) muss aber auch aus anderen Überlegungen hinterfragt
werden. Es impliziert nämlich die Vorstellung, dass Juden
eine eigenständige gesellschaftliche Gruppe mit spezifischer
Kultur bilden, aus der heraus Leistungen entstehen, die gleichsam
wie Mosaiksteine in das Bild einer österreichischen Kultur
eingefügt werden können. Die Vorstellung einer gesellschaftlichen
Sonderrolle traf historisch aufgrund verschiedenster Beschränkungen
und Zwänge, denen Juden ausgesetzt waren, in bestimmtem Maße
zu; gleichzeitig war aber die Interaktion zwischen Juden und Nichtjuden
durch eine Vielzahl von Berührungspunkten viel enger als
gemeinhin angenommen. Juden und Nichtjuden existierten nicht nebeneinander,
eher miteinander - mehr noch: Sie wirkten konstitutiv aufeinander.
Vor diesem Hintergrund kann es auf die eingangs aufgeworfene Frage,
was Wien ohne jüdische Kultur sei, im Grunde nur eine Antwort
geben, will man nicht ins Spekulative abgleiten: anders.
Es gibt genügend historische Gründe für eine Erhöhung
der öffentlichen Subventionen an die IKG, und auch gegenwärtige,
wie den Antisemitismus, der zu kostenintensiven Schutzmaßnahmen
jüdischer Einrichtungen zwingt. Der Hinweis auf die Bedeutung
des Beitrags der jüdischen Kultur für Wien ist aber
ein unbefriedigendes Argument, weil er die Realität verzerrt
und implizit sogar einer Stereotypisierung den Weg bereiten könnte.
Klaus Hödl *Der Autor ist Zeithistoriker
am Zentrum für Jüdische Stu-
dien an der Universität Graz.
Erschienen in der Zeitung "Der
Standard"
in der Printausgabe 12/13.Juli 03
Und hier mein Leserbrief
in der ungekürzten Version:
Selbstverständlich hat es einen unübersehbaren jüdischen
Beitrag zu Kunst und Kultur und vor allem zur kulturellen Lebendigkeit
gegeben: das tiefe und als Teil des eigenen Selbstverständnisses
jedem (auch aus ärmeren Schichten) Kind anerzogene INTERESSE
an geistiger und kreativer Tätigkeit, das sich unter anderem
auch in reger Sponsorentätigkeit messen lässt.
(Lassen wir mal die hohe Anzahl an jüdischen KulturSCHAFFENDEN
beiseite.)
Da die Bildungsinstitutionen in der Hand der Politik verständlicherweise
kein Interesse an interessierten, aufgeklärten Bürgern
hatten (und haben!), ist nicht zuletzt den jüdischen Bevölkerungsschichten
massgeblicher Anteil an der Entstehung von jenen künstlerischen
Errungenschaften zuzurechnen, mit denen sich die Republik bis
heute brüstet.
Konsequenterweise ist ein vergleichbar niveauvolles Kulturleben
nach dem zweiten Weltkrieg im deutschprachigen Gebiet nie mehr
erblüht.
Abgesehen davon, dass das LEUGNEN von eigenständigen,
dem jüdischen innewohnenden Mentalitätsunterschieden
ebenso rassistisch ist wie deren Herabwürdigung, beinhaltet
die Aussage des Autors noch eine weitere Niedertracht: Man soll
die Juden zwar fördern, aber bitte nur mitdem Argument von
vergangen Untaten, und im Hinblick auf negative Begleiterscheinungen
wie heutigen Antisemitismus.
Dass auch heute und auch für die Zukunft wertvolle Beiträge
von jüdischen Bürgern in Österreich zu erwarten
sein könnten - davon möchte der Autor lieber nichts
hören.
Judentum in Österreich scheint auf vielen Seiten doch nur
ein Anbeten der Asche hervorzurufen - wenn es darum geht, eine
lebende Flamme zu entfachen, ziehen alle den Schwanz ein.
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03.Juli 03
Und immer noch (siehe weiter
unten auf der Seite) : um GATS kümmert sich niemand?
DAS macht mir echt Angst.
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Friedmann "Diskussion": Ich möchte
hier eine Stellungnahme der Österreichischen Jüdischen
Gemeinde wiedergeben, der ich mich vollinhaltlich anschliesse.
(Nachtrag nach dem "Ende der Affaire"
- an meiner Meinung hat sich nichts geändert - ich finde
nach wie vor, dass untenstehende Erklärung gilt.)
Der Vorstand der IKG-Wien hat sich aus gegebenem
Anlass bei seiner Plenarsitzung vom 24.6.03 mit der sog. "Affäre
Friedman" befasst und folgende Stellungnahme beschlossen:
1.Die IKG kommentiert die gegen Michel Friedman gerichteten
Anschuldigungen nicht, zumal das Untersuchungsverfahren noch nicht
abgeschlossen ist, der Beschuldigte sich noch nicht geäußert
hat und alles, was im Raum steht, zum gegenwärtigen Zeitpunkt
keinerlei Beweis-, sondern höchstens Gerüchtewert hat.
2.Allerdings sind einige Umstände zu augenfällig, um
unerwähnt zu
bleiben:
- Die Kontroverse Möllemann-Friedmann wurde medial behandelt,
als wären nur diese zwei Personen die Kontrahenten. Völlig
unkommentiert blieb die Tatsache, daß eine große Geldsumme
arabisch-islamistischer und außereuropäischer Provenienz
nach Deutschland geflossen ist, mit dem offensichtlichen Ziel,
den lokalen Antisemitismus zu schüren und die Bürgerrechte
der deutschen Juden nachhaltig zu schädigen.
Dass die deutsche Bevölkerung nicht in diese Falle gegangen
ist, gereicht ihr zur Ehre. Der maßgebliche Beitrag, den
Michel Friedman bei der Abwehr dieses Angriffs geleistet hat,
war beachtlich und hat ihn umso
mehr zu einem Symbol und zu einem vorrangigen Angriffsziel von
Rassisten inner- und außerhalb Deutschlands gemacht.
- Vor diesem Hintergrund lässt der Zeitpunkt, der sogenannten
"Affäre Friedman" einen Zusammenhang zur vorherigen
Möllemann-Kontroverse, aber auch zu dessen Unterstützern
vermuten.
Auffällig ist weiters die Eile der zuständigen Behörden,
die Bürgerrechte des Verdächtigten zu verletzen und
die sogenannte "Affäre" zu einem Zeitpunkt in die
Öffentlichkeit hinauszuposaunen, als höchstens eine
Verdachts-, mit Sicherheit aber keine Beweislage
bestanden hat.
Die nicht unwichtige Frage "Cui bono?" (Wem nützt
es?)
ist bis heute nicht gestellt worden.
3.Aus den angeführten und aus mitmenschlichen Gründen
erklärt die IKG Michel Friedmann ihr Mitgefühl und drückt
ihm für seine jahrzehntelangen Leistungen um die Demokratie,
um das europäische und nicht zuletzt um das österreichische
Judentum ihren tiefempfundenen Dank aus und wird ihm ihre brüderliche
Solidarität nicht versagen.
Dr. Ariel Muzicant
Präsident
Israelitische Kultusgemeinde Wien
Wien, am 25.6.2003
***************************************************************************************
1.
Juli 03
Wieder
einmal: ein Artikel von Georg Kreisler, erschienen in der Zeitschrift
"Campo de Criptana"
und bei "Hagalil"
- und meine persönlichen Gedanken dazu.
Er ist ja nun mal mein Vater, auch wenn
er das scheint's nicht wahrhaben will. Und so mache ich mir halt
auch meine Gedanken....
Vorläufig
die Amerikaner
Von Georg Kreisler
Der österreichische
Moderator der Sendung "Kulturzeit" in 3SAT, Herr Grandits,
sagte gestern sinngemäß: Da die Amerikaner im Irak
das Recht mit Füßen treten, machen es ihnen andere
Völker nach. In Thailand erschießt jetzt die Polizei
die Drogenhändler, ohne sich die Mühe zu machen, sie
zu verhaften, eine klare Rechtsverletzung, und daran ist Amerika
schuld – noch nicht die Juden, nein, vorläufig nur
die Amerikaner, sagt er.
In den 20er Jahren
schrieb Friedrich Holländer einen Text zur Melodie der Habanera
aus der Oper Carmen:
An allem sind die Juden schuld,
die Juden sind an allem schuld,
allem schuld.
Warum sind denn die Juden schuld?
Kind, das verstehst du nicht,
sie sind dran schuld.
Die Hetze gegen Amerika
war in der Sendung, die behauptet, etwas mit Kultur zu tun zu
haben, in den letzten Wochen gnadenlos. Die abstrusesten Themen,
wie oben, kamen da zur Sprache, nur um Amerika eins auszuwischen.
Vielleicht sollte man allerdings Herrn Grandits zugute halten,
dass er zumindest so aussieht, als merkte er das nicht. Die Augen
starr auf den Teleprompter gerichtet, leiert er seine Ansagen
herunter, verspricht sich, zögert vor Worten mit mehr als
drei Silben und betont immer wieder das Falsche. Nun gut, sagt
man sich, er und diese Sendung sind halt ein weiteres Indiz der
Unkultur, die sich in Europa ausbreitet, des Dilettantismus und
somit des Kampfes gegen Kunst und Kultur.
Im Fernsehen ist
es die "Quote", die gegen die Kunst kämpft, im
Theater die traditionsverachtenden Regisseure mit ihren ahnungslosen,
sich wichtig machenden Zeitungskritikern, in der Literatur die
profitverhafteten Verlage mit ihren immer ungebildeter werdenden
Lektoren, die um ihre Posten bangen und vermeinen, sich den kulturlosen
Zeitläufen anpassen zu müssen, in der bildenden Kunst
sind es die Leute, die neue Ideen schon für Kunst halten,
in der Musik die Experimentierer und so weiter. Aber wenn man
genau hinschaut, ist es mehr als das: es ist das Böse, das
gegen Kunst und Kultur kämpft und zumindest kurzfristig auch
triumphiert. Und jetzt ist dieses Böse eben wieder auf den
Antisemitismus gestoßen, im Westen nichts Neues.
Natürlich hat
das auch mit Quote zu tun. Endlich kann man laut sagen, was man
bisher nur heimlich dachte.
Man kann sogar Massendemonstrationen
veranstalten, und die Leute wissen schon, wer gemeint ist, nämlich
vorläufig die Amerikaner. Laut einer Umfrage in Frankreich,
denkt jeder dritte Franzose, dass es besser gewesen wäre,
wenn die Iraker gesiegt hätten. Und ein Schweizer Künstler
sagte dieser Tage zu mir: "Georg, du bist mein Freund, aber
Sharon ist ein Kriegsverbrecher."
Es gibt also wieder
"auch anständige Juden", und einer von denen bin
diesmal ich.
Fast alle meine Freunde
hier in der Schweiz und anderswo sind Christen, und sie wünschen
mit bestimmt nichts Böses. Ich bin überzeugt, dass sie
mich in künstlerischer Hinsicht wie auch charakterlich schätzen,
ja sogar lieben. Sie zeigen mir immer wieder, dass sie es gut
mit mir meinen, sie sind hilfreich und ehrlich, obwohl sie wissen,
dass ich Jude bin. Sie sind nicht die einzigen, ich treffe auch
fremde Leute, die nichts von mir wissen, außer, dass ich
Jude bin.
Sie kennen weder
meine Lebensgeschichte, noch meine Ansichten, sie wissen nicht,
ob ich verheiratet, homosexuell oder Erotomane bin, aber sie wissen,
dass ich Jude bin. Sie haben manchmal noch nie einen Juden zu
Gesicht bekommen, aber sie wissen, dass ich einer bin. Sie lehnen
jeglichen Antisemitismus ab, aber sie wissen, dass ich Jude bin.
So viele Parallelen
zur Hitlerzeit fallen einem alten Menschen wie mir ein, so viel
hat man schon damals im "Stürmer" und im "Völkischen
Beobachter" gelesen. Der Urfeind ist wieder da, egal ob er
da ist oder nicht. Der Stumpfsinn mündet wieder in die Barbarei,
der Abstand zwischen Kapitalismus und Kannibalismus wird von Tag
zu Tag kürzer.
Während der
Hitlerzeit war ich in Amerika. Ich fühlte mich wohl dort,
wenn auch ein wenig fremd. Nach dem Krieg kam ich zurück
nach Europa, aber ein Zuhause-Gefühl wollte sich auch da
nicht einstellen. In den letzten Wochen hat sich das jedoch geändert.
Ich werde wieder verfolgt, denke wieder an Flucht, habe wieder
Angst, kurz, ich fühle mich wieder zuhause.
Georg Kreisler, 1922
in Wien geboren, 1938 in die USA emigriert; Kabarettist, Schriftsteller,
Schauspieler und mehr. 1942 erhielt Kreisler die amerikanische
Staatsbürgerschaft und lebt seit einigen Jahren in der Schweiz.
Erschienen in: Campo de Criptana, 2/2003
hagalil.com 19-06-03
Wie gesagt - ich kann nicht anders: Ich
muss meinen Senf dazu geben - also hier ist er:
Georg
Kreisler ist wieder einmal erbost. In obigem Artikel, der so abstrus
ist, dass ich lange überlegen musste, ob dazu überhaupt
etwas zu sagen ist, stellt er wieder einmal „Amerikahetze“
fest, und nicht nur das: er sieht dies als Indiz für eine
schon in den Startlöchern lauernde Judenhetze.
Der missing Link zwischen diesen beiden Themen, (das Unbehagen
angesichts der Tätigkeit der Regierung Bush und den Antisemitismus)
ist interessanter Weise ein Moderator der Sendung „Kulturzeit“.
Und, dialektisch nicht zimperlich, vermischt er das Ganze in der
Folge ansatzlos mit massivem Kulturpessimismus.
Wie gesagt,
ich habe überlegt, ob man dazu überhaupt
etwas sagen soll – und wenn ja, ob nicht beissender Spott
die einzige Antwort sei.
Aber dieser Artikel, so verwegen seine Form auch
sei, greift dennoch Themen auf, die Georg Kreisler ganz offensichtlich
wichtig sind. Der Artikel scheint zwar in kürzester Zeit
und ohne neuerliche Überprüfung heruntergeklopft, das
bestätigt aber nur, dass ihm die Aussage, die er tätigt,
offensichtlich nah und wichtig ist.
Deshalb möchte auch ich
ernsthaft darauf eingehen.
Es gibt verschiedene
Formen von „Antiamerikanismus“. Die weitaus häufigste
will die Amerikaner vor einer menschenverachtenden Regierung schützen
– sie aufrütteln. Natürlich ist da auch ein gewisser
Selbstschutz, da unbestreitbar die Amerikaner ( = die Mächtigen
des Landes; Konzerne, Regierung) auch Europa ziemlich umfassend
im Griff haben.
Wie auch immer: Das hat absolut nichts mit Otto Normalamerikaner
zu tun.
Aber selbstverständlich gibt es hüben wie drüben
Idioten, die über’s Ziel schiessen.
Immerhin, die „American Pizza“ bei der Firma Wagner
ist noch nicht zur „Freedom Pizza“ verkommen, wie
dies ja angeblich den „French Fries“ passiert ist.
Und wir regen uns auch nicht darüber auf, dass „die
drüben“ gentechnisch manipulierte Nahrungsmittel als
risikoloses Zukunftsgeschäft bedenklos anbauen....
Auch dass Kyoto wegen der amerikanischen Politik ein Papiertiger
bleibt, ist für „den gemeinen Amerikaner“ folgenlos.
Dem mit massiven Druck an Europa herangetragenen „Wirtschaftsliberalismus“
begegnen die Machthabenden hierzulande eher mit vorauseilendem
Gehorsam – obgleich man am Beispiel Argentinien hervorragend
studieren kann, wohin das führt.
Und last not least ist unsere einzige Sorge angesichts der in
den Staaten momentan herrschenden Medien- und Meinungszensur,
dass dieses Beispiel hierzulande auch Schule machen könnte.
Kurz: Ich sehe eigentlich
- vor allem in den herrschenden Schichten – fast ZU WENIG
Antiamerikanismus, zumal dieser wie gesagt John Doe sowieso nicht
wirklich betrifft. (Laut neuesten Umfragen sind übrigens
inzwischen nahezu 40% der Amerikaner selbst auch eher skeptisch,
was ihre Regierung betrifft. - Alles Antiamerikaner?)
Jedenfalls: Den wenigsten Europäern ist es um ein Desavouieren
des Landes und aller seiner Bewohner zu tun.
Eher geht es darum, die Regierenden eines starken Landes ein bisschen
in seine Schranken zu weisen.
Leicht ist das nicht:
Wenn ein Land und seine Bevölkerung ZU Antiamerikanisch wird,
muss das Land damit rechnen, Bomben auf seinen Kopf zu bekommen.
Wenn ein Land und seine Bevölkerung ZU antisemitisch wird,
müssen DIE JUDEN damit rechnen, Bomben auf den Kopf zu bekommen.
Das ist der ganze Unterschied.
Und damit wären wir beim Antisemitismus – den es unzweifelhaft
immer noch gibt.
Hat er es noch immer nicht kapiert? Es hat noch nie einen Grund
gegeben, antisemitisch zu sein. Im Gegenteil, die Gegenden mit
dem grössten Antisemitismus haben meist die wenigsten Juden.
Dennoch muss es möglich
sein, jemanden, dessen Handlungen man nicht gut heisst, auch verbal
angreifen zu können, ohne deshalb sofort des Antisemitismus
geziehen zu werden. Es mag überzogen und diskussionswürdig
sein, zu sagen: „Sharon ist ein Kriegsverbrecher“
– aber antisemitisch ist es erst, wenn man sagt: „Sharon
ist ein jüdischer Kriegsverbrecher“. Natürlich
ist oft genau das gemeint, natürlich wird dieser Zusammenhang
"jaja, die Juden" immer wieder hergestellt. Aber oft
auch nicht. Ich glaube, man muss differenzieren können -
und wie gesagt: Kritik muss möglich sein.
Israel ist heute ein Land wie jedes andere, und muss sich den
gleichen Massstäben stellen. Die Palästinenser übrigens
auch – und ja, da wird vieles verzerrt oder unvollständig
berichtet. Ähnlich wie zB in Tschetschenien wird oft nur
sehr einseitig berichtet. (Wobei ich die Situation in Tschetschenien
keinesfalls mit der in Israel vergleichen möchte!)
Aber ist es nicht sinnvoller, konkret zu reagieren, anstatt didaktische
Worthülsen von sich zu geben? (Die übrigens nicht mehr
Beweiskraft bekommen, nur weil die Sätze schön formuliert
sind.)
Ich will jedoch diese
Gleichstellung Antiamerikanismus=Antisemitismus einer Geisteshaltung
zuordnen, die ich inzwischen bei vielen Emigranten erlebt habe.
Sie wurden von Amerika aufgenommen, und das vergessen sie nie.
Das kann ich verstehen – wenn ich es auch gerade bei einem
bisher so weitsichtigen und fairen Denker wie Kreisler nicht erwartet
hätte.
Doch leider ist das
eben nicht der einzige - ja ich muss es so nennen – Unfug,
der in diesem Artikel Platz gefunden hat.
Denn im Weiteren stellt Georg Kreisler fest, dass es „das
Böse“ schlechthin sei, dass diese Welt beherrsche.
Das haben wir alle schon öfter gehört. Das Ganze gipfelt
für mich aber in der Feststellung, dass „in der Musik
die Experimentierer“ ebenfalls zu diesem ominösen „Bösen“
gehören.
Und das ist ein neuer Gedanke.
Was, wenn man das Schönberg oder Miles Davies oder Elvis
gesagt hätte?
Pardon – das HAT man gesagt.
Wenn Kreisler anfängt,
eine alles überschattende Kulturverödung zu beklagen
– wohl, weil er meint, Massen-„Kultur“ sei das
Einzige, was passiert – hat man das Gefühl, die Worte
eines kleinbürgerlichen Pensionisten zu lesen. Man möchte
ihm zurufen: „Erinnere Dich an Deine Jugend! Was haben die
„Alten“ da alles gestöhnt von Kulturverlust!
Glaubst Du wirklich, heute ist es anders?“
Freilich, wer heute ohne Internet lebt, seine Kulturvermittlung
nur noch aus dem Fernsehen bezieht, der kann es nicht besser wissen
– denn das Fernsehen macht Quote, da hat er ja Recht.
Die zutiefst künstlerischen Leistungen zum Beispiel eines
Eminem, eines Schlingensief, eines „Stiller Haas“,
die interesanten Arbeiten von „LaLaLa Human Steps“
und wie sie noch alle heissen mögen – nicht zuletzt
die hochinteressanten Arbeiten der unzählbaren jungen Künstlergruppen
in den verschiedensten Sparten – die werden vom Fernsehen
nicht vermittelt, mit denen muss man sich schon selbst auseinandersetzen,
und ich gebe zu, das ist vielleicht am Anfang sperrig: Diese Art
der Ironie muss man erst verstehen lernen.
Aber das ist ja das Wesen auch des künstlerischen Fortschritts:
Dass er für die ältere Generation anfangs unverständlich
ist – weil eben neu und anders. Ebenso wie es auch ein Merkmal
von Kunst sein darf, nciht sofort als "Kunst" erkennbar
zu sein, oder sich gegen leichtfertige Interpretation zu sperren
- etc.
Es mag immerhin sein, dass Kreisler in der nicht gerade als Avantgardistisch
verschrieenen Schweiz doch ein wenig mehr abgeschnitten ist, als
er meint.
Aber auch hier: Ich hätte angenommen, dass gerade ein zur
moralischen Instanz gereifter Autor wie er sich mehr Mühe
zur Informationsbeschaffung macht.
Gerade Eminems Texte
sind den Kreislerschen näher als er vielleicht möchte
– Derartig bösartige, ironische Seitenhiebe auf die
eigene Gesellschaft gibt es nicht so oft. Und schon garnicht so
brilliant interpretiert und vorgetragen. (Die Musik ist hierbei
auch nicht schlechter als die klassischen „Vamps“
bei , zum Beispiel, „Geben Sie acht“ oder der „Telefonbuchpolka“.
Sie ist Mittel zum Zweck – und das ist in dieser Kunstform
legitim. Und sie ist mit ausgesprochenem Kunstverstand produziert.)
Und dass es bei Schlingensief nicht das Event selbst ist, welches
das Kunstobjekt darstellt, wird auch zu selten verstanden, leider.
Diese Art der Kulturvermittlung und des Kultur-Verisses passiert
erst in der Rezeption – und gerade das ist das Geniale daran.
HipHop steht in direkter Tradition von Kästner und Tucholsky.
Es gibt diverse Kunst in den neuen Medien, es gibt unglaublich
interessante Kunst- und Kultur-Events auf den Strassen, in den
Hinterhöfen – ja sogar am Land.
Massenkultur ist durch das Fernsehen lauter geworden: Man kann
sie nicht mehr so leicht überhören. Aber das heisst
noch lange nicht, dass sie heute mehr Übermacht hat, als
sagen wir vor 30 Jahren. Und es heisst ebenfalls nicht, dass es
nichts Spannendes, Zukunftsweisendes, Grenzüberschreitendes
mehr gibt. Man muss nur hinschauen wollen.
Und ich habe den Verdacht, das will Kreisler nicht. Er will plakative
Sätze wider den Antisemitismus zum Besten geben – anstatt
zum Beispiel sein „Jude-Sein“, von dem alle ja so
gut Bescheid wissen, dazu zu nützen, eine neue Sicht des
Judentums gerade in dieser zwiespältigen Zeit zu zeigen.
Es gäbe so vieles zu sagen, das nicht einfach nur negativ
und verängstigt alles ablehnt, was passiert. Es gälte,
ein diffenzierteres Bild des Judentums in der Diaspora zu zeichnen.
Es gälte, sich für eine stärkere Unterscheidung
zwischen „den Juden“ und „Israel“ einzusetzen.
Nur zum Beispiel.
Aber ich heule, glaube ich, den Mond an.
Denn es ist einfach und wirkungsvoll, wenn man negative Bilder
zeichnet.
Ich schätze, ab einem gewissen Alter werden wir alle den
einfachen Weg gehen wollen.
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29. Mai 03
Gedanken zum Theater, zur Zukunft
und zur Intelligenz des
Publikums.
Gestern war ich in Wien im Theater. Und
zwar mit Freunden aus 3 Generationen. Unser Alter betrug zwischen
25 und 65 Jahren.
Und die verschiedenen Wahrnehmungs-Ebenen, das, was jede Generation
sehen "wollte" und wie der Abend wahrgenommen wurde,
was also ein Publikum "braucht" - das alles war daher
enorm unterschiedlich.
Und hat mir klar aufgezeigt, was heutzutage die Schwierigkeit
ist, wenn man das Theater einer schlüssigen aber dennoch
heutig orientierten Ansiedlung unterziehen möchte.
Ein junges Publikum will sich nicht mehr - so wie zB ich, mit
Anfang Vierzig - im Theater "berühren" lassen in
dem Sinn, schon garnicht von Figuren, die eine gestrige Geschichte
erzählen. Die Generation der zwischen 20 und 30-jährigen
erwartet mehr den Event-Charakter. Wohl ist es wichtig und wird
wahrgenommen, dass Figuren "menscheln", aber rein eine
Geschichte zu erzählen wird häufig nicht als ausreichend
empfunden - mit dem was sonst im Leben an Wahrnehmungsschienen
geboten wird.
(Man denke daran, dass zB in Video-Clips ganz alltäglich
das Bild eine Geschichte erzählt, die Texte eine völlig
Andere, die Musik eine dritte - und wieder unterschiedliche -
Wahrnehmungsschiene ist, und dann oft noch Schrift mit einer vierten
Ebene dazu kommt, alle diese Ebenen haben manchmal nichts miteinander
zu tun - und all das wird gleichzeitig wahrgenommen!)
Kammerspiele im klassischen Sinn sind daher im Theater vielleicht
nur in Ausnahmefällen - wenn zum Beispiel der Inhalt enorm
heutig ist, oder wenn es reiner Klamauk ist - zukunftsträchtig.
Das Theater kämpft mit Publikumsschwund bei gleichzeitigem
Geldmangel, denn die Politik hat sich aus der Verantwortung entlassen.
Also hofft das Theater, sich demgemäss neu orientieren zu
können – siehe die aktuelle schwedische "Romeo
und Julia" Inszenierung, die ganz offen versucht, den Event-Charakter
mit dem Theater zu verbinden.
Diese Inszenierung, im Moment bei den Wiener Festwochen rappelvoll
ausverkauft, ist nur symptomatisch für viele neue Produktionen
weltweit, die sich bemühen, andere, zusätzliche Ebenen
zu eröffnen: Mit gleichzeitig laufenden Videos, Lichtspielen,
Tanz- oder Show-Einlagen, auch, indem man das Publikum auffordert
wie im Mittelalter während eines laufenden Stückes zu
kommen und zu gehen, wie es beliebt. Oder, indem man das Publikum
in irgendeiner Weise "teilnehmen" lässt, Schlagwort
Interaktivität - etwas, dass dem Film verwehrt bleibt.
Aber einfach "eine Geschichte gut und wahrhaftig zu erzählen",
das ist mehr und mehr "out".
Es werden etliche Diskussionen über die Zukunft, oder, kulturpessimistisch,
das „Sterben“ des Theaters geführt.
Es wird verlangt, dass man "back to the roots" sollte,
denn das Geschichten erzählen sei die "höhere",
die "wahrhaftigere" Kunst.
Oder: Die Zerplitterung der Wahrnehmungsebenen a´la Video-Clip
kann – so höre ich oft als Argument - nicht die nämliche
Empfindungstiefe bringen - das halte ich übringens für
aufgelegten Blödsinn, denn die Steigerung der Informationsmenge
hat immer schon bei der jeweils jüngeren Generation auch
eine Steigerung der Aufnahmefähigkeit bewirkt.
Aber diese Diskussionen empfinde ich als reichlich müssig
- ähnlich wie die "Das Boot ist Voll-Diskussion".
Man muss nicht über vollendete Tatsachen dikutieren. Es IST
so, dass das Theater immer häufiger weggeht vom reinen Kammerspiel,
ebenso wie es eine Tatsache ist, dass die Menschen migrieren.
Die Frage ist: sind es Rückzugsgefechte, die das Kammerspiel,
den klassischen Chanson-Abend, den reinen Theaterabend doch immer
wieder aufleben lassen in einzelnen Produktionen? Oder ist das
eine Nische, die bleiben wird? Kommt sogar irgendwann eine Renaissance?
(Das ist auch ein Argument, dass ich oft höre: die allgemeine
Fixierung auf das Virtuelle würde zwangsläufig einen
Rückschlag des Pendels bringen – eine Sehnsucht nach
den echten Menschen. Halte ich nebenbei für durchaus realistisch.)
Jedenfalls: Ich persönlich glaube, dass es, ähnlich
wie im Musikbereich, eine Aufsplitterung des Mainstreams ist,
die sich immer mehr zementiert.
Es gibt nicht mehr "ein" Publikum. Ein einzelner Mensch
kann mit der gleichen Begeisterung HipHop und Underground Rock
hören wie Schubert und Schönberg. Und ebenso auch Schwarzenegger
anschauen und Cineastische Intellektuellen-Filme.
Und eben "den wahren Menschen" im Theater suchen - aber
auch Helge Schneider oder grosse Special Effects auf der Bühne
lieben.
Der "Konsumismus" jedenfalls ist en vogue - nicht nur
bei der Nahrungsaufnahme, wo es ja auch "hip" ist, zum
Japaner oder zum Thai zu gehen - ohne dass man sich deswegen mit
der jeweiligen Kultur auseinandersetzt.
Theater wird also konsumiert, wie Fernsehen. Mittun, denken gar,
das ist vielen zu mühsam - das eigene Leben erschöpft
genug. Und denken wird immer anstrengender.
Was das aber nun für ein allfälliges Überleben
des Theaters bedeutet, weiss ich auch nicht. Im Moment versucht
es häufig, die sprichwörtliche „Wollmilchsau“
zu sein: für jeden Geschmack, für jede Generation gleichzeitig
etwas. Ob das des Pudels Kern ist, bezweifle ich allerdings.
Dennoch: Das Theater muss sich ändern, um gleich zu bleiben
- vermutlich.
Der Gedanken zweiter Teil:
Das
weitaus grössere Problem ist die Machbarkeit dieser von mir
geforderten "Änderung". Und zwar vor Allem die
finanzielle Machbarkeit - Ideen gibt es genug!
Denn obwohl ich überzeugt bin, dass es so etwas wie einen
„Mainstream“ immer weniger gibt, wird, so fürchte
ich, trotzdem bleiben, dass die „leichtere Kost“ mehr
Menschen als zahlendes Publikum anzieht, als Dinge, die zum Nachdenken
auffordern.
Das heisst aber auch, dass sich Sponsoren nur finden lassen, wenn
man die sogenannte „Masse“ anzieht.
Und das kann leicht dazu führen, dass künstlerische
Menschen, die Grenzen zu sprengen versuchen, rar werden.
Ohne diese aber bleibt die Kunst stecken.
Gerade
in Europa ist – anders als in den USA – ehrenamtliche
Arbeit und Sponsorentum wenig entwickelt. (Dass man Sponsortätigkeit
nicht von der Steuer absetzen kann, ist ein weiterer Stein im
Weg!)
Also werden Sponsoren einen gewissen Werbeeffekt von ihrem finanziellen
Engagement erwarten, und dieser stellt sich naturgemäss erst
ein, wenn zu erwarten ist, dass möglichst viele Menschen
mit dem künstlerischen Produkt in Verbindung kommen.
Was wiederum bedeutet, dass alles, was per definitionem experimentell
ist, nicht – oder nur äusserst begrenzt – stattfinden
kann.
Ohne diese avantgardistische Vorleistung aber verkommt mit der
Zeit alles, was dem theatralischen Bereich zuzuordnen ist, zur
TuttiFrutti-Musikantenstadel-Show. Und trägt somit zur oft
beklagten „Verdummung des Publikums“ (ich bevorzuge:
Erwartungslosigkeit des Publikums) bei. Denn was soll man da diskutieren?
Was soll man da „Neues lernen“? Was werden da für
Grenzen gesprengt, für Gedanken angeregt?
So gesehen ist die Entwicklung allerdings folgerichtig: Ebenso
wie Schulstunden gekürzt werden, wird auch das erwachsene
Publikum zum reinen Konsumenten gemacht.
Für die Politik ist diese Entwicklung wünschenswert.
Aber die Wirtschaft – und hier vor allem die kleineren Wirtschaftstreibenden!
- sollte langsam merken, dass ein mündiger Bürger, ein
denkender Konsument, die letzte Waffe ist, die ihr tatsächlich
im Kampf um die Pfründe bleibt – will sie nicht auch
gänzlich von Politik und Transnationalen Konzernen verschluckt
werden. Nur ein mündiger Bürger kann der Kleinwirtschaft
- und auch den kleineren Medien! - beistehen.
Und eine kontroversielle Kunst trägt massgeblich zu dieser
Mündigkeit der Bürger bei – wenn sie denn stattfinden,
angekündigt und damit wahrgenommen werden kann.
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Gedanken zur Frauenbewegung
Es gibt viele Gesetze,
viele Zahlen und Fakten, an denen man festmachen kann, wie stark
und wie selbstverständlich auch heute noch die Diskriminierung
von Frauen und Mädchen ist.
Ich bewege mich nun aber hauptsächlich in den sogenannten
freien Kreisen, ich kenne Künstler, Selbstdarsteller, Freaks,
und politisch links stehende, im Widerstand zur herrschenden Regierung
aktive Menschen.
Über die alltägliche Diskriminierung der Frau kann ich
meist nur das sagen, was ich lese – nicht das, was ich persönlich
erfahre.
Ich lebe im Grunde privilegiert - auch wenn Schauspielerinnen
& Sängerinnen immer noch niedrigere Gagen bekommen, als
ihre männlichen Kollegen, auch wenn zB bei Malerinnen immer
noch ausschlaggebend in der Kritik ist, dass sie Frauen sind –
es wird bei männlichen Malern nie extra betont, dass sie
die Dinge aus der männlichen Sicht sehen. Trotzdem ist frau
in Künstlerkreisen eher gleichberechtigt als in, sagen wir,
Bäckerkreisen.
Wie sehr aber die Zurücksetzung der Frau trotzdem noch in
den Köpfen auch der jungen, aufgeschlossenen Menschen ist
– manchmal sogar in jenen, die sich antirassistisch und
antidiskriminierend betätigen, das ist nur sehr schwer zu
beschreiben.
Vor allem wird es selten wahrgenommen, auch von uns Frauen nicht.
Denn leider sind wir es so gewöhnt, die zweite Geige zu spielen,
dass wir gar nicht mehr merken, in welch kleine Verästelungen
des täglichen Lebens das hineinreicht.
Ein Beispiel: 2 Männer und 2 Frauen gehen mit einander essen.
Binnen kürzester Zeit ist das Tischgespräch entweder
eines, das ein Mann aufgebracht hat, oder es unterhalten sich
die zwei Frauen miteinander, und die zwei Männer ebenfalls
miteinander. Nun ist es aber keineswegs so, dass sich die Frauen
über Kosmetik und die Männer über Motorräder
unterhalten – oder zumindest, es muss nicht sein.
Sehr oft reden beide Paare sogar über das gleiche Thema!
Aber eben nach Geschlechtern getrennt. Wenn eine Frau ein Thema
anreisst, wenden sich die Männer sehr bald einander zu. Das
passiert regelmässig, und quer durch alle Gesellschaftsschichten.
Wenn bei einer Gruppe eine Diskussion im Gange ist, zählen
sie mal die Redeminuten der jeweiligen Geschlechter! Und zwar
auch unter den Leuten, bei denen das Thema „Gleichbereichtigung“
angeblich längst bearbeitet ist.
Das Tragische dabei ist: Wir Frauen tragen nach wie vor kräftig
dazu bei. Wir schweigen, wir geben klein bei, wir denken uns unseren
Teil. Oder: wir merken eben garnicht, wo wir benachteiligt sind,
und weniger ernst genommen. Das nächste Problem ist, dass
es unleugbar auch Frauen gibt, die sich in der herrschenden Ungleichheit
sehr wohl fühlen. Sie „bedienen“ die Klischees
und sie lassen sich gerne als „Weibchen“ behandeln,
weil es so einfach ist, weil „es funktioniert“, weil
es der anerkannte Weg ist. Und sie übersehen dabei, wie viel
persönliche Freiheit sie damit aufgeben – weil Freiheit
eben etwas Schwieriges ist.
Aber eine Konsequenz aus dem sogenannten Geschlechterkampf ist
für mich immer stärker spürbar: Immer mehr Frauen
arbeiten lieber mit anderen Frauen, als mit Männern.
Denn die Mär von der Kolleginnen-beissenden Frau ist entweder
genau eine solche, eine Mär, oder es ist eine Frau, die sich
dann andererseits sehr gerne den männlichen Kriterien unterwirft.
Die quasi mehr von Männern sozialisiert ist, als von sich
selbst und ihren eigenen Fähigkeiten.
Die meisten Frauen, die ich kenne, arbeiten besser und vor allem
lieber mit anderen Frauen, als mit Männern, gehen lieber
zu weiblichen Ärzten als zu Männlichen – und zwar
egal ob nun zum Gynäkologen oder zum Tierarzt – alles,
was an Arbeit, an Projekten ansteht, funktioniert offensichtlich,
zumindest in der jüngeren Generation, besser unter Gleichgeschlechtlichen.
Und das ist für mich eigentlich eine erschreckende Konsequenz
der jetzigen Debatte.
Anstatt die unleugbar vorhandenen Unterschiede zwischen Mann und
Frau als Bereicherung, als Ergänzung seiner selbst anzusehen,
werden sie durch WERTUNG herabgewürdigt, und damit jeglicher
Vereinigung zu einem gleichberechtigten Ganzen der Riegel vorgeschoben.
Und zwar von beiden Seiten.. Und damit sind wir auch beim allgemeinen
Problem der Diskriminierung, der Xenophobie und des Rassismus:
Auch sie beruhen auf Angst vor dem Neuen, auf Angst vor der eigenen
Kraft, auf Angst vor der allgemeinen Freiheit, kurz: auf der Unfähigkeit,
etwas oder jemand der „anders“ ist, nicht als Bedrohung
sondern als Bereicherung zu empfinden. Wenn man aber alles in
ein Schächtelchen geben kann, und diese Schächtelchen
dann BEWERTET, das gibt einem dann vordergründige Sicherheit.
Das man sich damit – nein, das WIR uns damit selbst in Schächtelchen
einsperren – das fällt uns leider zu spät auf.
***************************************************************************************
((pte,
20. Mai 2003 11:43) - Heute, Dienstag, führt die vor knapp
einem Jahr gegründete European Digital Rights Initiative
http://www.EDRi.org auf einigen
europäischen Flughäfen Protestaktionen durch. In Amsterdam,
Wien und Brüssel wendet sich die EDRi gegen die Forderung
des US-amerikanischen Bureau of Customs and Border Protection
http://www.cbp.gov , wonach Fluggesellschaften persönliche
Daten ihrer Passagiere weitergeben müssen. "Die Weitergabe
von Daten aus den Passenger Name Records an US-Behörden oder
gar die Gewährung des Online-Zugriffs auf diese Daten verstösst
klar gegen die geltenden Datenschutzvorschriften der EU und der
Schweiz!", schreiben die Aktivisten in einer Aussendung.
Das
Organisationskomitee der Schweizer Big Brother Awards http://www.bigbrotherawards.ch
unterstützt die Kampagne der EDRi und fordert in die USA
Reisende auf, bei den Fluggesellschaften zu protestieren und ihr
Auskunftsrecht geltend zu machen (Artikel 8 des Eidgenössischen
Datenschutzgesetzes, DSG, SR 235.1) sowie eine Kopie des Briefes
an den Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten http://www.edsb.ch
zu senden. Besonderen Unmut bei den Aktivisten erregt der Umstand,
dass die Passagiere nicht einmal über die Datenweitergabe
informiert werden, geschweige denn dass ihre Zustimmung, wie rechtlich
erforderlich, eingeholt wird. Ausserdem werden nicht nur Namen,
sondern auch so genannte servicebezogene Daten, wie zum Beispiel
Informationen zu Anschlussflügen, die Kreditkartennummer,
medizinische Angaben oder auch Angaben zur Essenswahl an die Behörden
geleitet.
Entsprechend
wurden mehrere Fluglinien für die schweizerischen Big Brother
Awards nominiert. Die Unternehmen wiederum werden von den US-Behörden
unter Druck gesetzt. Wenn sie keinen Online-Zugriff auf ihre Datenbanken
gewähren, sollen ihnen die Landerechte in den USA entzogen
werden. Gegen diese Vorgehensweise könnte nur gemeinsamer
Widerstand der Fluglinien Erfolg bringen..
********************************************************************************************
Ich mag nicht mehr
über Krieg und die Kolonisierung der Welt durch die USA reden.
Ich mag nicht mehr darauf hinweisen, dass sogenanntes "Pro-palästinenser
- tum" allzu häufig mit Antisemitismus verbunden ist.
Ich mag nicht mehr darauf hinweisen, dass Anti-amerikanismus erstens
dumm und zweitens unbegründet ist, weil es nur die Medien
sind, die behaupten, die Amerikaner stünden mehrheitlich
auf der Seite ihrer momentanen Führer. Aber ich mag auf einen
berühmten Kollegen von mir hinweisen: Michael Moore. Seine
Seite hat immer aktuelle interessante Artikel (auch von anderen
amerikanischen Prominenten). Wer halbwegs gut englisch kann, möge
sie doch mal besuchen
.
********************************************************************************************
Brrüssel
(pte, 11. April 2003 17:05) - Die EU-Kommission http://europa.eu.int/comm/index_de.htm
hat angekündigt, die Irak-Wiederaufbau-Verträge, die
von den USA bereits an US-Unternehmen vergeben wurden, einer genauen
Kontrolle zu unterziehen. Damit soll verhindert werden, dass einerseits
gegen WTO-Regeln (World Trade Organisation)
http://www.wto.org verstoßen wird, andererseits, dass
europäische Unternehmen diskriminiert werden. Dies berichtet
die Financial Times heute, Freitag. Die Prüfung der Verträge
könnte die Spannungen zwischen Teilen Europas und den USA
wegen unterschiedlicher Haltungen zum Irak-Krieg weiter verschärfen.
Inzwischen wurde ein sieben-Mrd-Dollar-Vertrag zur Brandbekämpfung
irakischer Ölfelder konkurrenzlos an Halliburton, "zufällig"
ehemaliger Arbeitgeber von Vizepräsident Dick Cheney, vergeben,
berichtet die New York Times ebenfalls heute.
*************************************************************************************************************
Ein Artikel von Georg
Kreisler erschienen in "Die Jüdische" - und eine
Antwort von mir.--- Original Message -----
From:
Die Jüdische
To: office@sandrakreisler.de
Sent: Friday, April 11, 2003 8:52 AM
Subject: Georg Kreisler über Medien und Israel
www.juedische.at
Eine Glosse, aber
nicht nur
Georg Kreisler
Ich habe mich zwar
immer für einen Intellektuellen gehalten, aber das muss ein
Irrtum sein. Im Jahr 1914 waren die meisten Intellektuellen für
den Krieg, und da wäre ich dagegen gewesen. Allerdings war
ich damals noch nicht geboren, Pech! Und im Jahr 1933 waren die
meisten Intellektuellen für Hitler, da wäre ich gegen
Hitler gewesen. Allerdings war ich schon damals ein Jude, Kunststück!
Aber heute sind doch die meisten Intellektuellen für Saddam
Hussein, pardon, ich meine: gegen die Amerikaner – nein,
auch das nicht, nur gegen Bush, sagen sie. Aber da bin ich ja
schon wieder kein Intellektueller. Der Intellektuelle Heribert
Prantl schreibt in der «Süddeutschen Zeitung»
nicht gegen Bush, sondern: «(Die Amerikaner) haben die Uno
verhöhnt, die Nato diskreditiert und die transatlantische
Freundschaft gering geschätzt.
Sie haben der Weltöffentlichkeit
die Fetzen der UN-Charta vor die Füsse geworfen und der Weltöffentlichkeit
die Fehde erklärt. Sie schieben Freiheit und Recht beiseite.
Der Bombenkrieg ist eine Annäherung der Weltmacht an die
Barbarei. Die Weltmacht als Wüterich.» So viel blühenden
Propaganda-Unsinn habe ich damals auch im Jahr 1938 im «Völkischen
Beobachter» gelesen, als es statt gegen die Amerikaner gegen
die Tschechen ging. Gegen die Tschechen sagt Heribert Prantl diesmal
nichts, aber in einem anderen Teil der «Süddeutschen
Zeitung» desselben Tages lese ich: «Ist Deutschland,
ein Land der Coca-Cola-Trinker und der sexuellen Freizügigkeit,
verbündet mit Israel?» Und gleich daneben wird von
einem Rendsburger Arzt berichtet, der die Behandlung von US-Bürgern
ablehnt, er sieht es nicht ein, Verbrecher zu behandeln, sagt
er.
Und das erinnert
mich daran, dass man in Wien ab 1938 als Jude auch nicht zu einem
arischen Arzt gehen durfte, so stand es damals in der Zeitung,
weil man einem deutschen Arzt nicht zumuten könne, Verbrecher
zu behandeln. Na ja, sage ich mir, ich lebe ja nicht in Deutschland,
sondern in der Schweiz, also greife ich zur «Basler Zeitung»
des gleichen Tages. Da liest man zwar auch die tendenziösen
Titel «US-Rakete tötet Frauen und Kinder» und
«Bush übt bereits Durchhalteparolen» und überhaupt
nichts Böses über Saddam Hussein, aber was Juden betrifft,
berichtet die «Basler Zeitung» kommentarlos: «Bei
einer Friedensdemonstration in New York wurde skandiert: ‹Occupation
is a crime in Iraq and Palestine›.»
Welche Okkupation
damit gemeint war, verschweigt die «Basler Zeitung»,
und auch mir fällt keine ein, da ja weder Irak noch Palästina
besetzt sind. Die «Basler Zeitung» berichtet auch
von einer Friedensdemonstration in Paris, bei der allerdings von
Frieden keine Rede war: «Eine Gruppe von Jugendlichen, die
ihre Gesichter mit Palästinensertüchern vermummt hatten,
stürzte sich mit dem Ruf ‹Y a des juifs› (für
Nichtintellektuelle: ‹Dort sind Juden› auf Französisch,
nicht auf Arabisch) auf am Strassenrand stehende Angehörige
der jüdischen Vereinigung Hashomer Hatzair, die in diesem
Quartier ihr Lokal hat. Mehrere Mitglieder dieser Jugendorganisation
wurden dann mit Holzknüppeln angegriffen und verletzt.»
Und in der gleichen Ausgabe schreibt ein Filmkritiker: «Frida
Kahlo war Latina, Halbjüdin, Kommunistin und bisexuell»,
bevor er den Film «Frida» gründlich verreisst.
Es versteht sich
von selbst, dass dieser Intellektuelle diese vier Bezeichnungen
negativ wertet, wobei der Ausdruck «Halbjüdin»
eine Erfindung des «Dritten Reichs» ist, weil sie
voraussetzt, dass Juden eine Rasse sind, was ja Unsinn ist. Aber
schliesslich hat auch Saddam Hussein beteuert, dass er nicht nur
die Amerikaner bekämpft, sondern auch die zionistische Weltverschwörung,
darauf muss ein Intellektueller Rücksicht nehmen. Nun hat
mir schon meine Mami im Vor-Hitler-Wien eingeschärft: «Bubi,
fall nicht auf! Am besten ist, nicht gesehen zu werden.»
Und meine Mami hatte immer Recht. Allerdings ist dann der Hitler
trotzdem nach Wien gekommen. Aber so weit ist es noch nicht, gerade
in der Schweiz muss man nicht deswegen gleich auf gepackten Kofern
sitzen.
Man kann ja einfach
alle öffentlichen Plätze und Gebäude vermeiden
und sich auch in Parkgaragen, Schwimmbädern und Restaurants
nicht blicken lassen. Zu Theatervorstellungen, Filmen und Konzerten
kann man im letzten Moment kommen und erst Platz nehmen, wenn
der Zuschauerraum bereits verdunkelt ist. Kurz vor Ende der Vorstellung
sollte man, um ja nicht gesehen zu werden, rasch nach Hause gehen,
womöglich auf Nebenstrassen. Wenn das persönliche Erscheinen
in einem öffentlichen Gebäude unumgänglich ist,
kann man sich ein grosses Kruzifix umhängen und wenn nötig
vorher die Nase operieren lassen.
Wenn jemand sagt:
«Nicht alles, was der Hitler gemacht hat, war schlecht»,
sollte man Einverständnis nicken und auf die deutschen Autobahnen
hinweisen. Wenn rabiate Antisemiten behaupten, dass Amerika nur
von Juden wie Bush, Cheney, Rumsfeld, Rice und Powell regiert
wird, kann man ihnen ins Ohr flüstern: «Übrigens,
die Protokolle der Weisen von Zion gibt es jetzt auch als Film.»
Aber dann sollte man auch in der Schweiz einen Lebensmittelvorrat
anlegen, sich seiner Blutgruppe vergewissern, feuerfeste Kleider
tragen, die Lebensversicherung überprüfen, die Haustiere
verkaufen und sofort viel intensiver beten als bisher. Zu empfehlen
wären Samos oder Tonga.
© 2003 tachles
Jüdisches Wochenmagazin
"die jüdische"
10.04.2003 22:11
----- Original Message -----
From: sandra.kreisler
To: Die Jüdische
Sent: Friday, April 11, 2003 3:22 PM
Subject: Antwort auf den Artikel meines Vaters: "Georg Kreisler
über Medien und Israel "
Jetzt ist also Georg Kreisler kein Intellektueller mehr. Wenn
er sich als solcher definierte, nur weil er angeblich immer gegen
den Mainstream aufgetreten ist, scheint fraglich, ob er je einer
war. In den 60er Jahren war er jedenfalls nicht „gegen den
Mainstream“, sondern gegen das Establishment, das ist ein
fundamentaler Unterschied. Zu sagen, dass 1933 „die meisten
Intellektuellen für Hitler“ waren ist natürlich
zumindest polemisch.
Aber wenn er nun insinuiert, dass George W. Bush diesen Krieg
aus lauteren Motiven führt, weil nämlich Saddam Hussein
ein böser Mensch ist, dann scheint er tatsächlich kein
Intellektueller zu sein.
Georg Kreisler hat
trotzdem Recht.
Er hat selbstverständlich
recht, wenn er darauf hinweist, dass Saddam Hussein ein gefährlicher,
bösartiger und menschenverachtender Diktator ist, und wenn
er meint, dass das irakische Volk die Freiheit verdient.
Er hat Recht, wenn
er sagt, dieser Krieg werde auch benützt, um antisemitische
und antiamerikanische Ressentiments zu schüren.
Er hat vor allem
Recht, wenn er das als eine Gefahr sieht, die in ihrem Ausmass
jetzt noch nicht einzuschätzen ist.
Und dass die Medien
hier eine mehr als unrühmliche Rolle spielen, kann gar nicht
oft genug betont werden.
Aber wenn er meint,
dass das ausreichende Gründe sind, um FÜR einen solchen
Krieg zu sein, dann hat er unrecht.
Nur weil manche Leute aus den falschen Gründen für eine
gute Sache sind, macht das die Sache an sich nicht schlecht.
Das gilt allerdings
sowohl für Kriegsgegner als auch für Kriegsbefürworter.
Die Kriegsgegner
haben – egal aus welchen Motiven sie gegen diesen Krieg
waren – verloren: Der Krieg ist eine Tatsache.
Aber bei den Kriegsbefürwortern stellt sich jetzt die Frage,
ob sie nicht doch den Bock zum Gärtner gemacht haben.
Bis heute ist es
mir schleierhaft, warum es angeblich keine andere Möglichkeit
gab, um Saddam zu entmachten, als Bomben auf ein ausgehungertes
Land zu werfen.
Das heisst, nein, natürlich ist es mir nicht schleierhaft,
denn Saddam an sich war ganz offensichtlich nicht das wirkliche
Thema dieses Krieges.
Es ist meines Erachtens
Skepsis angesagt, wenn Bush und seine Berater von einer irakischen
Demokratie reden, die sie erstellen wollen. Nicht nur, weil eine
solche „Demokratie“, von aussen oktroyiert, von vornherein
zum Scheitern verurteilt wäre, sondern vor allem auch deshalb,
weil Herr Bush es schon in seinem Land nicht für notwendig
erachtet, die Menschenrechte zur Gänze zu achten.
Ich persönlich
kann mir nicht vorstellen, dass ein Präsident, der seine
eigene Wahl erschlichen hat, darauf zunächst Günstlinge
einsetzt, und mit G*tt im Mund sofort daran geht, die Unterstützung
der Armen zu beschneiden, die Umwelt weiter zu schädigen
und die restliche Welt zu verärgern just bei der Demontage
einer Diktatur plötzlich humanistische Motive hat.
Meine persönliche
Skepsis beginnt schon bei der personellen Auswahl, die die US
Regierung zu treffen gedenkt. Einmal ganz abgesehen davon, dass
die USA in dieser Hinsicht noch nie ein glückliches Händchen
hatten, scheint mir ein Herr Jalabi, der hauptberuflich Bankenbetrüger
ist und sein Land seit über vierzig Jahren nicht mehr betreten
hat, nicht wirklich ein Garant dafür, an etwas Anderem als
persönlicher Bereicherung interessiert zu sein.
Ich will gar nicht
anfangen aufzuzählen, wie viele Herrscher von US Gnaden sich
als komplette Fehlentscheidungen erwiesen haben, der, Zitat, „Faktor
der Stabilität“ Milosevic sei nur als jüngstes
Beispiel genannt. (Oder Frau Plavsic, die gerade wegen Verbrechen
gegen die Menschlichkeit zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt
wurde. )
Ich frage mich auch, warum just diese Diktatur plötzlich
angriffswürdig war, aber die vielen anderen Schreckensherrschaften
auf dieser Welt – die zufällig weder Bodenschätze
aufweisen, noch geo-strategisch ähnlich interessant sind
– der UNO überlassen werden.
Ich finde es ebenso
unerträglich wie Georg Kreisler, dass den Leuten erzählt
wird, „Amerika“ führte diesen Krieg, und „die
Amerikaner“ seien so böse Menschen. Mindestens ebenso
unerträglich wie die - auch - amerikanischen Medien, die
behaupten, es sei eine Mehrzahl der US-Bürger für den
Krieg.
Und dass sich, ganz egal was auf der Welt passiert, immer ein
Grund findet zu sagen „die Juden“ seien an allem schuld,
ist ebenfalls eine grausige Tatsache auf die immer wieder hinzuweisen
ist.
Ausserdem, lieber Vater, auch wenn wir als Juden von den antisemitischen
Äusserungen, und wir als Amerikaner von den antiamerikanischen
Äusserungen persönlich betroffen sind, sollten wir nicht
einäugig die antimuslimischen Äusserungen, die es ebenso
gibt, übersehen.
All das sind aber
immer noch nicht ausreichend Gründe, um Herrn Bush, Herrn
Rumsfeld, Herrn Cheney oder Frau Rice zu entlasten. Dieser Krieg
war nicht notwendig. In diesem Krieg ging es nicht darum, Saddam
Hussein zu entmachten.
Aber Bomben werfen bringt eben mehr, als nur einen Diktator zu
stürzen: Man kann an der Zerstörung eines Landes ebenso
viel Geld verdienen, wie an dessen Wiederaufbau.
Und im Nachkriegs-Irak werden wir erleben, dass die vorgenannten
Herrschaften nichts anderes im Sinn hatten, als eine neue Form
der Kolonisierung zu erreichen. Wir sehen jetzt schon, dass es
Diktaturen gibt, die „in Ordnung“ sind, und solche,
die es „zu bekämpfen“ gilt - völlig unabhängig
davon, wie menschenfreundlich sie sich gerieren.
Ich bin nur neugierig,
wer als Nächster drankommt.
Zuschrift auf die
Eintragung vom 6. April
Sent: Monday, April 07, 2003 3:04 PM
Subject: onlinetagebuch
> Verehrteste
Frau Kreisler, mir ging Ruck durch das Hirn, als ich es
> las.......die Rolle der Amerikaner im 2. Weltkrieg. Ich kann
es ja nicht
> mehr hören, diese Lobhudelei. Zum einen, weil der Grossvater
des jetzigen
> Bush mit Hitler durchaus seine Geschäfte getätigt
hat, bevor er die
> Deutschen angeblich befreit hat. Zum anderen, weil ich mich
immer wieder
> fragen muss, warum die Amerikaner denn erst angekommen sind,
als es galt,
> die Russen am weiteren Vormarsch zu hindern. Der Krieg war
doch schon
vorbei
> und das Morden in den KZ hätte meiner Meinung nach schon
viel eher beendet
> werden können.
> Und irgendetwas muss ich überhört haben, in diesen
ganzen Kriegsdebatten,
> nämlich die antisemitischen Untertöne. Bitte helfen
Sie mir auf die
Sprünge,
> sofern es Ihre Zeit erlaubt.
>
> mfg I.G.
>Liebe Frau G.
Sie haben Recht.
Die Amerikaner haben es bis jetzt gut verstanden, Ihr Eingreifen
in allerlei
lokale "Konflikte" als Hilfestellen - und sonst gar
ncihts! - zu bemänteln.
Ja, es hat geholfen. Aber, und das darf man auch nciht vergessen,
1.) sie
haben sehr sehr lange gewartet, und wäre Pearl Harbor nicht
passiert, wer
weiss, ob sie überhaupt eingegriffen hätten. 2.) Sie
haben sehr wohl vor
allem auf Ihre Gewinnmaximierung geschaut, das war nicht rein
humanitäres
Engagement. Hiroshima und Nagasaki (vor allem Nagasaki) passierten,
nachdem
die Deutschen kapituliert hatten, und bei den Japanern war es
auch nur eine
Frage der Zeit. Nagasaki war sogar NACH der Kapitulation Japans.
Es gibt noch viel darüber zu sagen. Aber trotzdem ist es
natürlich ein Fakt, dass durch die
Amerikaner und die Russen und die Engländer die Nazis vertrieben
wurden.
(wieso schreiben Sie "angeblich befreit?")
Die antisemitischen Untertöne sind da. Es beginnt schon bei
der ständigen
Junktimierung von Sharon = Israel = "Die" Juden.
Juden, die nicht in Israel leben, werden automatisch eingerechnet
in das zugegebenermassen diskutierbare Handeln von Sharon. (Die
grosse Friedensbewegung in Israel wird sowieso nirgends erwähnt)
Und auch Sharon handelt nicht ganz so, wie das unsere Medien verbreiten.
Es ist diskussionswürdig. Es ist nicht alles falsch.Es
gibt jede Menge Fakten, die für sein Handeln sprechen, die
hierzulande kaum erwähnt werden. Aber Sharon wird zunhemend
als Ursurpator dargestellt, der grundlos alles einfach niederbrennen
lässt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin in seiner
Siedlungspolitik auch nicht seiner Meinung. Aber
ich finde seine gewalttätigen Reaktionen zumindest verständlicher
als die
Bushs. Ausserdem wird zunehmend insinuiert, dass Bushs Politik
vorrangig mit
einer "Vasallentreue" zu Israel, und mit angeblichen
jüdischen Geldern "von
der Ostküste" in Zusammenhang steht. Die Gleichsetzung
Israels mit "den"
Juden macht dann dieses Konglomerat latent Antisemitisch, ganz
grundsätzlich. Die negative Rolle, die die restlichen arabischen
Länder in
der Palästinenserpolitik spielen wird nie erwähnt. Es
wird auch nie erwähnt,
in welchem Masse die Palästinenser von den restlichen arabischen
Ländern
instrumentalisiert werden.
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06. April 03
Lange Zeit stand hier nichts Neues. Viel Arbeit, viel Urlaubs-Sehnsucht
und eine schwere Grippe haben das vereitelt. Zudem ist so vieles
passiert, über das ich mir selbst noch nicht klar war.
Nicht, dass ich jetzt alles hundertprozentig wüsste. Aber
immerhin bin ich bereit, Dinge zur Diskussion zu stellen.
Aus Zeitungen und TV erfahre ich zum Beispiel Neues über
Georg Kreisler.
Er ist GEGEN die EU.
Er ist „für“ den Krieg im Irak, zumindest ist
er GEGEN die Friedensdemonstranten.Ich bin in beiden Fällen
nicht seiner Meinung, mehr noch, es macht mich traurig, sie zu
hören.Seine Argumente im Falle Irak/Amerika sind, soweit
ich sie aus den Berichten destillieren kann, folgende: Saddam
Hussein ist ein bösartiger und gefährlicher Diktator.
Amerika ist entschlossen, seinem Treiben ein Ende zu setzen. Die
Demonstrationen gegen Amerikas Kriegseintritt haben viele Antisemitische
und Antizionistische Untertöne.
So sehr ich ihm darin
Recht gebe, so wenig kann ich daraus irgend einen Schluss ziehen,
der diesen Krieg rechtfertigen könnte.
Zumal es nur sehr, sehr wenig Kriege gibt, die zu rechtfertigen
sind – gerade in modernen Zeiten, wo es jede Menge andere
Möglichkeiten gäbe, unliebsame Herrscher zu „entsorgen“.
Nicht so spektaktuläre, zugegeben.
Und auch nicht so "schnelle".
Nicht so wirtschaftsfördernde, vermutlich.
Und vor allem: Keine, die einem dann die Macht in der betreffenden
Gegend überlassen.
Ja, es gibt besorgniserregende
Antisemitische und Antizionistische Töne im Umfeld der Kriegsgegner.
Andererseits: nur, weil manche aus den falschen Gründen eine
Meinung vertreten, ist nicht unbedingt die Meinung selber falsch.
Wenn jemand zum Beispiel "Geiz" als "Typisch jüdisch"
apostrophiert, macht das den Geiz nicht besser. Er hat halt nur
nichts mit jüdisch zu tun.
Auch der Anti-Amerikanismus als Solcher scheint mir, wenn auch
verständlich, so doch gefährlich und falsch. Ja, die
Amerikaner scheissen uns mit ihren Werten, ihren Speisen, ihren
Filmen, ihren Firmen von oben bis unten zu. Aber wir täten
das genauso, hätten wir die Macht und das Können dazu.
Und das, was wir als "naiv" und "kindlich"
bezeichnen, als "Cowboy-tum" und "Hooliganism"
- ist einfach eine andere Kultur, ebenso anders wie die Kultur
im Islam oder sonstwo - nur weil sie uns omnipräsent scheint,
schlägt häufig das Unverständnis über eine
andere Kultur um in Anti-.
Es ist ganz normale Xenophobie, und um nichts besser als der Fremdenhass
gegenüber Polen oder Vietnamesen oder Jugoslawen.
Denn natürlich geht es nicht um "Amerika". Es geht
um die derzeitige Führungsriege dort.
Ich bin selbst amerikanische
Staatsbürgerin, und ich vergesse keineswegs die Rolle, die
Amerika im 2. Weltkrieg gespielt hat.
(Allerdings auch nciht die negativen Aspekte, wie
zum Beispiel die Atombomben, und wann und warum sie gezündet
wurden, oder dass man lieber Dresden als die Schienen und Strassen
nach Auschwitz bombardiert hat - das hätte keinen "Nutzen"
gebracht...)
Aber das war nicht Mr Bush, damals, und es war ein anderes Amerika,
wesentlich weniger skrupellos in der Erfüllung der eigenen
Machtansprüche. Skrupellos genug, ohne Zweifel, aber immer
noch weniger als heute.
Aber: Amerika ist bisher noch nie dadurch aufgefallen, dass es
längerfristige funktionierende Strategien zum Wohle der Menscheit
entwickelte, und ich sehe keine Anzeichen, dass sich das ändern
könnte.
Amerika hat inzwischen eine Tradition im „falsche Leute
als Machthaber einsetzen“. Amerika hat auch eine Tradition
im „eigene Rechte/Werte über alles Andere stellen“.
Das ist verständlich, aus deren Sicht, jeder hat es gern,
wenn alle Anderen einem Untertan sind.
Aber aus meiner Sicht ist das nicht richtig, und ich hoffe, auch
nicht aus europäischer Sicht.
Ich habe also den Eindruck, Amerika beginnt zu kolonialisieren,
und das zu einer Zeit, da alle Anderen es aufgeben.
Ich habe aber vor allem Anderen sehr stark den Eindruck, dass
sich Mr Bush, Mr Cheney, Ms Rice und wie sie alle heissen keinen
Deut um die Menschenrechte scheren, und keinen Deut darum, ob
dort unten endlich Demokratie einkehrt. Sie scheren sich auch
nicht um dort gewachsene Traditionen oder Lebensmuster. Sie wollen
IHRE Rechte dort verstärken, das ist alles. Und zwar auf
dem Rücken einer ohnehin schon gebeutelten Zivilbevölkerung.
Sie wollen Armeen stationiert haben, und sich sukzessive den gesamten
arabischen Raum zu Willen machen, wirschaftlich, personell, strategisch.
Saddam ist nichts weiter als "ein guter Aufhänger".
Sie hoffen, dort eine amerikanische Wirtschafts-"Demokratie"
etablieren zu können, und sie hoffen, dass die anderen Länder
in der Umgebung daran teilhaben wollen.
Überdies scheint mir inzwischen, dass sie sich dieses Ansinnen
von der EU finanzieren lassen wollen - und ich befürchte
stark, dass die EU sich auch hier über den Tisch ziehen lässt.
Ich bin der festen Überzeugung, dass es in diesem Krieg nicht
um "Menschenrechte" geht, auch nicht um Angst vor zukünftigen
Angriffen gegen "uns" - sondern um rein wirtschaftliche
und geostrategische Überlegungen.
(Im Übrigen bin ich nicht sicher, ob die arabische
Kultur, die ja keine Aufklärung erlebt und daher ganz andere
Wertvorstellungen hat, auch tatsächlich so reagiert, wie
sich das Mr Bush vorstellt)
Vermutlich würde
Europa, wäre es schon so einheitlich, wie es anstrebt, auch
ähnlich handeln, und - in diesem Falle G*ttlob - ist es noch
uneinig.
Andererseits bin ich stinksauer auf Blair und Aznar, die aus lauter
Angst vor einer Deutsch/Französischen Übermacht "sicherheitshalber"
bei den Amis mitmachen – DAS wird nicht zu einer Europäischen
Einheit beitragen.
(die Briten zahlen im Übrigen einen ziemlich
hohen Preis: sie lassen sich als Prügelknaben instrumentalisieren
- an der FRONT sind nur sie - und werden von den Amis auch noch
zum Dank bombardiert ;-) - und wenn wir ehrlich sind: Frankreich
und Deutschland sind nur deshalb gegen diesen Krieg, weil sie
Angst um ihre profitablen Verträge mit den Irakischen Ölfirmen
haben)
Und damit wären
wir beim Thema Europa.
Ja, ich bin auch skeptisch, vor allem nach eben diesem Ausscheren
von Blair und Aznar. Europa ist eine Vision. Ob es je mit einer
Zunge reden kann, ob die vielen Vorteile, die es bringen könnte,
je Wirklichkeit werden, ist zweifelhaft. aber: Soll man es deswegen
garnicht erst versuchen?
Kreislers Argument dagegen ist vor allem die kulturelle Gleichmacherei.
Die sehe ich allerdings mindestens genauso stark im Kommen, ohne
eine EU, nur dann eben von amerikanischer Seite. Wirtschaftliche
Stärke bedingt kulturelle Übermacht.
(Ganz zu schweigen von der kulturellen "Gleichmacherei"
(oder: Annäherung) die durch die Globalisierung ganz allgemein
entsteht, das Internet, TV, andere Medien)
Und den Versuch, zumindest einige europäische Werte in dieser
„Einheitskultur“ unterzubringen, sollte man doch wenigstens
machen, oder?
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26.Februar 03
Die Frage, ob Türkei zur EU gehören soll,
spaltet die Gemüter.
Meins auch.
Denn einerseits hänge ich natürlich wie wir alle an
alten Vorurteilen. Nicht nur im negativen Sinne. Es ist doch schön,
wenn man noch etwas exotisch finden darf, und es fällt schwer,
etwas exotisch zu finden, das angeblich Europa ist.
Amerika ist dafür. Klar, die wollen die Türkei als verlängerten
Nato-Arm in der EU zementieren, und geopolitisch ist die Lage
ja nicht zu verachten.
Die EU ist uneinig. (naja, what else is new?)
Zunächst dachte ich mir: Die Türkei ist doch nicht Europa,
die Türkei ist der Anfang vom Morgenland – das ist
doch auch schön. Und in mir sind selbstverständlich
auch die Bilder von dem Kurden „Problem“ – vor
allem davon, wie unsagbar mies damit umgegangen wird - , von Folter,
von anatolischen Berghütten mit schwarzgekleideten Mammas
und bewaffneten Schnurrbartträgern.
Aber inzwischen ist mir, spät aber doch, eingefallen, dass
es schwarz gekleidete Mammas auch im Burgenland gibt, und bewaffnete
Schnurrbartträger in Tirol. Auch wir haben durchaus Bevölkerungsgruppen,
die man als Großstädter nicht so leicht als „EU-reif“
apostophieren würde. Jedes EU-Land hat die. Und verkauft
sie als Klischee des ganzen Landes - um den Tourismus zu fördern.
Also was ist die EU? Eine politische Gemeinschaft? Eine Werte-Gemeinschaft?
Eine Religions-Gemeinschaft? Schlicht geologisch zu definieren?
(Wo bleibt dann Russland?) Oder doch nur rein wirtschaftlich motiviert?
Mir scheint inzwischen immer mehr, dass diejenigen, die die Türkei
draussen haben wollen, dazu tendieren, die EU als christliche
Gemeinschaft positionieren zu wollen, denn politisch spricht natürlich
einiges dafür, die Türkei zu integrieren, und rein wirtschaftlich
gesehen ist es vermutlich ähnlich wie damals, als die DDR
aufgelöst wurde: Einerseits zu früh, um nur positiv
zu wirken, andererseits: Wie lange hätten man warten können?
Vor allem: was hätte das Warten gebracht?
Inzwischen frage ich mich: wieso verlangen wir immer nur von den
Anderen, dass sie über ihren Schatten springen? Wir müssen
auch Bereitschaft dazu haben.
Und wieso sperren wir uns gegen Länder, die eine muslimische
Mehrheit haben? Nur wegen der Religion? Ist das nicht doch eher
mittelalterlich gedacht? Was würden wir sagen, wenn die Türkei
eine jüdische Mehrheit hätte? Trauten wir uns dann auch,
so offen dagegen zu reden?
Ist es denn tatsächlich der Islam, der „so anders“
ist? Oder nicht doch eher das, was daraus gemacht wird –
und zwar mit unserer Hilfe, das sollten wir nicht übersehen!
Wir ignorieren, dass es auch in Europa – im unstrittigen
Europa, nicht innerhalb der EU – Muslime gibt, die sich
jahrelang sehr wohl hervorragend mit den anders-religiösen
Nachbarn verstanden haben – und erst von Christen in eine
Aussenseiterpostion – und damit zum Fundamentalismus - gedrängt
wurden: In Bosnien.
Das Osmanische Reich reichte einst weit nach Europa hinein. Gut,
das ist noch kein Argument, denn das Römische Reich reichte
auch weit in heute eindeutig arabische und afrikanische Länder
hinein – ohne dass diese auch nur einen Gedanken daran verschwenden,
eventuell europäisch zu werden.
Aber ich fürchte, längerfristig gesehen müssen
wir uns eine andere Strategie ausdenken, als muslimische Menschen
immer nur als „ganz weit von uns entfernt“ zu sehen.
Und umgekehrt.
Religionsgrenzen sind eine nicht zu unterschätzende Gefahr,
und das sollten wir eigentlich alle schon längst gelernt
haben. Es ist wichtig, dass beide Seiten die jeweils andere Religion
als einfach nur eine weitere Facette der menschlichen Existenz
verstehen lernen. Sonst öffnen wir jeglicher Hetze Tür
und Tor.
Kurzfristig bringt es sicherlich Probleme, die Türkei zu
integrieren. Finanzielle Probleme. Kulturelle Probleme.
Aber ich hoffe und glaube, dass es langfristig die einzige Möglichkeit
ist, beide Seiten zu der für uns alle so wichtigen Toleranz
zu erziehen. Nur so kann man Extremismus entgegenwirken. Islamistischen
Tendenzen, Christlich-fundamentalen Tendenzen. Überhaupt
religiösem Eiferertum. Nur so kann man modernistisch einwirken
auf verhärtete Strukturen.
Zuerst werden wir alle verlieren, denn die Türkei wird nicht
so schnell „reich und modern“, wie sie es sich erhofft.
Und wir werden zunächst auch mehr bezahlen, als man uns jetzt
vorrechnet.
Aber mit den Jahren wird es vielleicht endlich möglich sein,
durch eine von oben verordnete Zusammengehörigkeit alte Feindbilder
abzubauen. Und endlich zu lernen, religiöse Lebensentwürfe
als das zu sehen was sie sind: keine Bedrohung an sich, sondern
eine Privatsache, die zu akzeptieren ist.
Und mit den Jahren – wenn wir das lernen können –
ist die EU nicht nur ein rein politisch und wirtschaftlich orientiertes
künstliches Gebilde – sondern tatsächlich eine
Werte-Gemeinschaft.
Vielleicht täte auch uns ein bisschen mehr Kemalismus gar
nicht so schlecht.
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14.Februar 03
Warum gibt es noch keinen Aufschrei wegen der GATS
Verhandlungen?
Das GATS ist die massivste Bedrohung im Wohlergehen
jedes Einzelnen Bürgers seit
der Erfindung der Steuern.
Es handelt sich um recht unschuldig klingende Verhandlungen
der Europäischen Union zum Thema Dienstleistungen.
Konkret geht es darum,
dass ALLE Dienstleistungen privatisiert werden MÜSSEN. Das
heisst aber auch: Wasserversorgung, Strom, öffentliche Verkehrsmittel,
Schulen, Krankenhäuser etc.
Und das heisst, dass all diese Dinge nicht nur einem freien Markt
unterworfen werden, was auf den ersten Blick ja nicht so schlimm
klingt, sondern ganz konkret bedeutet es, dass die Leiter dieser
Unternehmungen keinerlei Verantwortung gegenüber ihren Kunden
haben. Sie können die Preise erhöhen wie sie wollen,
sie können die Nachfrage bedienen oder auch nicht, sie können
- wenn es rentabler erscheint - zum Beispiel ganze Landstriche
ohne Wasserversorgung lassen.
Es gibt inzwischen weltweit etliche ziemlich erschreckende Beispiele,
was passiert, wenn zB der Zugs- oder Postbusverkehr privatisiert
werden, oder der Strom. In Californien hat es mangelhafte Stromversorgung
gegeben, täglich wurde bis zu 90 Minuten lang der Strom abgestellt:
Die Firma hatte einfach nicht genug eingekauft, tja, Pech.
In London gab es massive Probleme mit
dem Nahverkehr. An der Sicherheit wurde gespart
- es gab Unfälle. Züge zu weniger profitablen Gegenden
wurden einfach eingestellt - ganze Landstriche waren ohne Zugsversorgung.
Es gibt hunderte solcher Beispiele. Auch mit der Wasserversorgung.
Stellen Sie sich vor, Sie haben einen privaten Wasseranbieter,
der der Meinung ist, es ist zu teuer, in Ihre Almhütte Wasser
zu liefern. Entweder die Wasserpreise steigen für Sie in's
unermessliche, oder er schaltet einfach das Wasser ab. Oder der
Anbieter findet, die Wasserreinigung sei nicht kostendeckend.
Weg damit. Vielleicht macht er es erst mal, und lässt Sie
das nicht wissen - dann merken Sie es erst, wenn Ihre Kinder allerlei
Krankheiten vom Wasser bekommen. UND DER DARF DAS!
Es erstaunt mich masslos, dass diese Verhandlungen derzeit so
wenig beachtet werden. Denn die Industrie macht selbstverständlich
Druck, dass das Abkommen durchgeht. Und die EU ist geneigt, diesem
Druck nachzugeben. Und wohlgemerkt: Es geht nicht darum, dass
die Länder ihre kommunalen Dienstleistungen privatisieren
DÜRFEN. Es geht darum, dass sie MÜSSEN.
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5. Februar 03
Die Franzosen sind
sicher nicht zuletzt auch deshalb so vehement gegen einen Krieg,
weil sie ein massives Problem mit arabischen Einwanderern haben:
Einerseits die ständige Bemühung, den Rassismus in den
Vorstädten nicht eskalieren zu lassen, andererseits doch
keine kleine Bedrohung von Unruhen der arabischstämmigen
Bevölkerung im Falle eines Kriegsbeitritts.
Ich habe den Eindruck,
dass das starke Gefühl der Europäer gegen einen Krieg
im arabischen Raum überhaupt stärker von strategischen
Überlegungen als von reinem Pazifismus gestützt ist.
(Nicht zu vergessen: die Verträge mit den Irakischen Ölfirmen!)
Immerhin sind durchschnittlich 70% aller Europäer nach jüngsten
Umfragen gegen einen Krieg.
Dem folgt eine Romantisierung der muslimischen Welt – die
sicherlich begrüssenswert ist: Alles ist besser, als der
steigende Rassismus. Vermutlich wird in absehbarer Zeit nach dem
„japanischen Trend“ in der Haute Couture der „muslimische
Trend“ folgen. Pluderhosen, Turbane etc.
Auf diese Weise wird der Islam vermeintlich „domestiziert“,
die Angst vor dem Unbekannten weicht möglicherweise einer
– um nichts weniger desinformierten – Form der Heroisierung.
Ähnlich wie bei den Zigeunern, bei den Asiaten – oder,
wenn auch in anderer Form, bei den Juden.
Diese Art des „positiven Rassismus“ ist zumindest
angenehmer für die Opfer. Das kann allerdings nur die innenpolitischen
Szenarien entschärfen. Aber es ändert nichts an der
realen aussenpolitischen Bedrohung, die aus unserer Sicht von
jenen Völkern ausgeht, die sich im wirtschaftlichen und politischen
Hintertreffen befinden.
Aus der Sicht des Westens bleibt nichts anderes übrig, als
die Aufklärung und die damit verbundene Individualisierung
an diesen Völkern nachzuholen. Es ist verständlich,
wenn auch nur aus „unserer“ Sicht, die stark religiös
fundierte Geschichte der arabischen Länder relativieren zu
wollen.
Als humanistisch denkender Mensch befindet man sich damit allerdings
zwischen Scylla und Charybdis.
04. Februar 03
Was mich am Meisten
stört bei dieser ganzen Irak-Diskussion ist dies:
Es scheint nur zwei Möglichkeiten zu geben:
Krieg
oder
Nichts Tun
Das finde ich enorm eingleisig. Selbstverständlich gäbe
es eine dritte Möglichkeit – mindestens.
Mit dem Geld, das so ein Krieg kosten würde, könnte
man jede Menge anderer Dinge ausprobieren.
Ich sehe ein, dass Saddam eine Bedrohung darstellt. Aufgrund seines
Charakters, aufgrund der geografischen Lage, aufgrund der Erfahrungen
der Vergangenheit.
Ich sehe nicht ein, dass Krieg die einzige Lösung ist, um
sich seiner Macht zu entledigen.
Übrigens: eine
wichtige Seite, für jene, die gegen einen Krieg sind, ist
diese.
Die Kettenbriefe, die angeblich für die UN sind, sind leider
ein kompletter Schwindel.
Aber weiter im Text:
Die Amerikaner haben eine Tradition, sich stets der falschen Verbündeten
zu bedienen. Das macht mir auch in diesem Fall Sorgen. Nur mit
Krieg werden sie Saddam nicht loswerden.
Dazu kommt: sie wollen eine Riegierung stürzen – aber
warum auf den Köpfen der Zivilbevölkerung?
Auch als grundsätzlich
pazifistisch denkender Mensch kann man nicht a priori jeden Krieg
ablehnen: Im zweiten Weltkrieg waren wir sehr froh, als endlich
von den Amerikanern eingegriffen wurde. Andererseits hätte
man auch da – hätte man nicht so lange gewartet –
andere Möglichkeiten gehabt, um Hitler zu stoppen.
Natürlich ist
es nicht rein humanitäre Sorge, die die Amerikaner umtreibt,
das ist jedem klar. Das war es auch nicht in Somalien, nicht einmal
im Kosovo (da ging es um eine Bestätigung des Rufs, nachdem
er durch Somalien und – dadurch bedingt - das Nichts-tun
in Ruanda so ins Wanken gebracht worden war). Es sind aber auch
nicht ausschliesslich das Öl und innenpolitische Erwägungen,
die Bush zum Krieg drängen lassen.
Den so gefeierten
Artikel von John le Carré halte ich persönlich aber
für ziemlichen Schrott. Er ist uninformiert, geladen mit
Vorurteilen und rein auf emotionellen Begründungen aufgebaut.
Die Entgegnung zu diesem Artikel von Leon de Winter im dieswöchigen
Spiegel ist jedenfalls interessant zu lesen, wenn ich auch hier
den Eindruck habe, dass zu leichtfertig die Argumente von Fouad
Ajami (in "Foreign Affairs") übernommen werden.
Ich masse mir nicht
an, klüger zu sein als die genannten, oder gar informierter
als die führenden Kriegstreiber oder – verhinderer.
Es gibt unzweifelhaft jede Menge für eine Entscheidung wesentliche
Informationen, die dem „Plebs“ vorenthalten werden.
Aber ein Krieg, das
ist wahrscheinlich jedem klar, kann niemals „punktgenau“
sein – zumal er ja immer auch darauf abzielt, auch das kulturell
erworbene Selbstverständis des bekriegten Volkes zu zerstören
– sonst hätte ja ein Sieg letztlich keine längerfristige
Wirkung.
Auch im letzten Irak-Krieg wurden bewusst kulturelle Artefakte
und Bauten zerstört, Moscheen, Bibliotheken, etc.
Wenn man sich aber bewusst macht, wieviel von dieser kulturellen
Herkunft ein Teil auch UNSERES kulturellen Selbstverständnisses
ist - man denke nur an den Ursprung unserer Zahlen, unserer Medizin,
man denke an Hamurabbi etc – dann hiesse ein Krieg letztlich
auch eine Zerstörung unserer Herkunft – und damit wesentlich
freiere Bahn für eine Übernahme amerikanischer kultureller
Werte. Ich halte das nicht für übertrieben – es
ist nur ein Mechanismus, der wesentlich längerfristiger wirkt,
daher nicht leicht wahrgenommen wird. Dennoch, so meine ich, ist
er den Kriegsherren sehr wohl bewusst.
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