Dies ist ein offenes Online-Tagebuch.
Ich möchte hier Erlebnisse und Gedanken möglichst unzensiert notieren.
Feedback ist natürlich erwünscht.
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Ich werde jede Zuschrift beantworten, und immer erst um Erlaubnis fragen, bevor ich sie auf diese Seite stelle.

04.04.06
Nach langer Zeit wieder
ein Eintrag - und der steht hier aus Frust.
Die lange Zeit dazwischen habe ich(haben wir) genutzt, um ein neues Projekt aus dem Boden zu stampfen Wortfront®, eine Produktionsfirma, und hier insbesondere unser neues Team Kreisler&Stein.
Das Projekt ist gelungen, die Musik funktioniert, die Shows kommen an. Das freut.
Der Frust kommt durch die offenbare Unmöglichkeit, sich selbst, - überhaupt etwas, das nicht gängigen, herkömmlichen Mustern entspricht, zu VERMARKTEN.
Vermarkten müssen wir aber, sonst können wir natürlich nicht leben.
Und daher entstand dieser Essay.

Ist Musik, die nicht in die Schublade passt, entbehrlich?
Ganz klar: Ja.
Jedenfalls bisher ist meine Erfahrung, dass alle Kultur-Vermarkter, also Zeitungen, Radiostationen, TV etc lieber auf der sicheren Seite dessen stehen, was sie in eine kleine Schachtel einordnen können.
Sie sagen dann: „ja, MIR würde es ja gefallen – aber das Publikum….“ Und vergessen dabei, dass auch sie letztlich „Publikum“ sind.
Konkret: unsere Musik ist für Popsender zu intellektuell – dort bekommen wir zu hören, das sei doch eher „Kleinkunst“. Die sogenannten „Intellektuellen Sender“ wiederum titulieren sie als Popmusik.
Die elektronik-beats Aficionados sagen, durch die kammermusikalischen Elemente sei es zwar interessant, passe aber nicht in’s Format. Und die klassisch orientierten Sender sagen: „durch die Beats ist es nicht klassisch genug“. Die Literatur-Presse sagt: Metrisch seid Ihr klar im HipHop. Die HipHopper sagen: Nur durch die Metrik ist es noch nicht HipHop – Ihr macht Chansons. Und so fort.

Und alle sagen: „Ihr macht aber tolle Sachen!!!“

Wenn wir Gigs aufstellen – meist in Kleinkunst-Tempeln, obwohl wir vermutlich mehr in Clubs passen würden – ist das Publikum begeistert. Leute, die wir nie gesehen haben, warten nach den Shows auf uns, um uns zu sagen, wie sehr wir gefallen haben – das gibt uns den Mut, weiter zu machen. Aber: natürlich wollen wir von unserer Musik auch leben können, und nur das WISSEN, dass wir mehr Leute ansprechen könnten, könnten wir sie nur erreichen, bringt keine Butter auf’s Brot.
Wir hören immer wieder: „ich bin ein klarer Fan – aber vermarkten kann ich euch nicht, das ist zu speziell, was Ihr macht“

Fakt ist: jeder sehnt sich nach etwas, das mal „was Neues“ ist – aber keiner traut sich, es auch zu vermarkten.
Wenn sie es nicht einordnen können, haken sie es unter „Kleinkunst“ ab – und Kleinkunst hat kleines Publikum, ist also nicht interessant.
Ich bin immer noch der festen Überzeugung, dass gerade das, was NICHT Mainstream ist, ein grösseres Publikum erreichen kann.
Denn bei all der Mainstream-Hörigkeit wird ein grosser Teil des Publikums vergessen: die urbanen über 30jähren, die A-Schicht, die trotzdem nicht elitär gesonnen ist. Das sind gar nicht so wenige. Großstädtisch lebende und denkende Menschen, die ein bisschen Futter für’s Hirn wollen, aber nicht angestrengt werden. Die sich auch in ihrem Lebensgefühl erkannt und gespiegelt sehen wollen. Die Musik möchten, die „fährt“, bei der man aber auch die Texte öfter hören kann, und wieder was Neues entdecken.
Wortfront macht diese Musik, und ebenso, wie ich Jahrelang gekämpft habe, dass das Open Mind Quartett "wahrgenommen" wird, werde ich nun kämpfen, dass Kreisler&Stein einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird.
Beim Open Mind Quartett habe ich den Kampf erst nach 6 Jahren aufgegeben. Wortfront wird meine Geduld auch auf die Probe stellen, das ist klar. Aber ich stehe ja erst am Anfang.....

16.6.05
Die Leute, die heute Kunst schaffen, koppeln sich komplett ab von einem
kulturellen Wertekanon - und die, die diese Werke rezensieren, sind sowieso
abgekoppelt -und können daher garnicht beurteilen, ob, dass und warum die
Künstler sich davon abgekoppelt haben.
Mit einem Wort: Rucksack ist out. Woher ist out. Das wohin ist schwebt im
luftleeren Raum.

Es gilt nur noch die schnelle Beurteilung, wie in der Politik, so auch in der Kunst? Kein Wunder, dass heute Showmaster, Schauspieler, Sänger nach Ihrer Meinung gefragt werden, als intellektuelle Vorbilder gelten. Kein Wunder, dass Journalisten nicht mehr nach dem Gehalt ihrer Aussagen beurteilt werden, sondern nach der Griffigkeit des Textes.
Leicht naserümpfend, wie der Spiegel alles beurteilt - dann muss es auch stimmen. Wenn ich Texte suche, die mir etwas Neues sagen, die mir Gedanken geben, mir Zusammenhänge aufgehen lassen - kurz, will ich etwas lesen, das gescheiter ist als ich, dann sind die Autoren meist jenseits der 60, gelten schon als "altmodisch".

Ja, man muss im "Heute" bleiben, ja, man darf das "Neue" nicht sofort verurteilen, nur weil es einem fremd ist - Malerei, Musik, Literatur die sich nicht auf grosse Vorbilder berufen - in Zustimmung oder Ablehnung - sind deswegen nicht weniger wert. Aber ohne einen bewussten Zusammenhang mit der eigenen Geschichte kann man doch auch nicht Geschichte weitertreiben?
Ein geschichtliches Bewusstsein das sich in Politik erschöpft darf nicht allein kulturbildend wirken - so öffnet man Tür und Tor einem rein wirtschaftlich orientierten Denken. So verliert der Mensch die Standfestigkeit.

Und vor allem: es macht mir Angst.

5.4.05
Der Papst ist tot. Und Millionen Menchen trauern. Und die Zeitungen sind voll.
In dem Internetforum, in dem ich mich bewege, wird das gerade diskutiert. Durchaus kontroversiell. Und ich habe mich echauffiert. "Man darf die Trauer der Menschen nicht kleinreden", wird gesagt. Das tue ich nicht. Aber trotzdem regt mich dieser Papst, der Vatikan, der Stellenwert seines Todes auf.

Ich habe Folgendes geschrieben:
Ich spreche den Leuten ihre Trauer nicht ab. Auch denen, die um Lady Di getrauert haben, spreche ich ihre Trauer nicht ab.
Jeder kann sich selbst aussuchen, warum er traurig sein soll, und wie sehr er oder sie ein von den Medien und anderen Einflüsterern gezeichnetes Bild akzeptieren will.
Ich finde es jedenfalls auffällig, dass man einerseits das Sterben und die Krankheit des Papstes so inszenierte, und das Sterben der Schiavo so verdammte - andererseits im Namen von Religion und anderen Götzen Menschen bedenkenlos leiden und sogar abkratzen lässt - nur weil Krieg ist, oder weil sie eben ein Scheiss Leben in einem Scheiss Land erwischt haben. Gerade in den letzten Wochen hat sich dadurch sehr deutlich gezeigt, welchen Stellenwert diese Kirche und dieser Papst dem erfüllten Leben einräumen.
Der Papst war ein reicher Mann mit x Krankenschwestern und Ärzten und Tonnen an Leuten, die ihm jeden Wunsch von den Augen ablasen. (Ganz abgesehen von den Tonnen an Einflüsterern)
Jetzt wird auch noch gefeiert, dass er so öffentlich "gelitten" hat. Sorry, aber wenn er so gelitten hätte, wie jeder alleinstehende Mindestrentner in Deutschland im Alter leidet, hätte mich das definitiv mehr berührt.

Einerseits wird der Tod verdammt, andererseits wird das Leben bedenkenlos erschwert. (ganz abgesehen davon, dass wie gesagt manches Sterben sehr wohl kritiklos in Kauf genommen wird - Aids, zum Beispiel.) Dieses Bild, das die katholische Kirche, und dieser Papst, von Tod und Leben zeichnen, halte ich für nicht nur unlogisch und lebensfern, sondern in the long run auch für extrem gefährlich.

Klar kann der Papst Ereignisse in der Menschheitsgeschichte beschleunigen, verstärken, ihr Bild in der Öffentlichkeit bestimmen - zu einem gewissen Teil. Das ist eine Macht, die ihm von Menschen verliehen wird, und von Menschen undifferenziert als "seine Macht" (manchmal sogar "SEINE Macht" ) verstanden wird.
Das finde ich ebenso bedenklich.
Er ruft keine Ereignisse HERVOR - aber genau das wird ihm zugesprochen. Er BEDIENT Gegebenheiten. Dieser Papst hat das besonders gut verstanden.

Nein, tut mir Leid.
Weder kann ich besonders traurig sein, nur weil eine mediale Machtgestalt gestorben ist, noch kann ich mich besonders echauffieren, wer denn die nächste mediale Mahtgestalt werden wird. Die Leute scheinen Führer zu brauchen, und vorgesetzte Führer zu fressen. (Bei diesem Papst eh nicht so sehr - noch nie gab es soviele Kirchenaustritte wie unter diesem Papst, noch nie so wenig Priesternachwuchs.)
Ich interessiere mich auf eine distancierte Weise, so wie ich mich interessiere, wenn in Amerika ein neuer Präsident gewählt wird, oder in Russland, oder in Frankreich - denn es kann symptomatisch sein für die Entwicklung in der Gesellschaft.

Aber TRAUERN kann ich, wenn in Ruanda ein Völkermord stattfindet, und keiner was tut - auch dieser Papst übrigens nicht.(Obwohl sowohl die Hutu als auch die Tutsi ja angeblich Christen waren)
Oder wenn ich sehe, wie neben unserem Haus die Obdachlosen auf der Strasse schlafen, da kann ich trauern, dafür kann ich auf die Strasse gehen und demonstrieren, dass es mich berührt.
Auch hier hat der Papst nichts getan - und der Vatikan ist immerhin so reich, dass sogar Bill Gates dahinter verblasst. Ein paar Goldtöpfe, ein Paar Allianz-Versicherungs-Aktien hergeben, und damit den Armen helfen - DAS hätte mich beeindruckt.
Mediengesabbere beeindruckt mich nicht.
Hat er irgendwo eigenes GELD eingesetzt, um auch nur ein LEBEN zu verbessern? Vielleicht sogar eines von einem Nicht-katholiken, der Herr Toleranz-Plauderer?
Hat er irgendwo eine TAT gesetzt, die konkret auch nur einem Menschen in tatsächlicher Not geholfen hat? Hat er je einem Armen auch nur ein Goldkettchen geschenkt? Er hat geredet, no, super. Nicht einmal da - ich kann mich nicht erinnern, dass er dazu aufgerufen hat, behinderte Waisenkinder zu adoptieren, obdachlose Frauen zu unterstützen, Arbeitslose einzustellen. Die Schweizergarde besteht aus gutbezahlten grossgewachsenen Männern. Wenn er das zum Beispiel als Signal umgewandelt hätte, in eine Garde aus Schwerstbehinderten, Männern und Frauen jeglicher Herkunft und Hautfarbe - DAS hätte mir imponiert.

Was mir auch imponieren würde: Wenn der nächste Papst schwarz wäre. Als Signal. Oder offen schwul. Ich glaube, da kann ich Wetten dagegen abschliessen.

Der Vatikan lässt sogar seine eigenen Kirchenhäuser vergammeln - wenn nicht dieses Kirchenhaus selbst - bzw deren Pfarrer - unter den Gläubigen Spenden sammelt. Ist Kirchensteuer zweckgebunden?
Die Caritas, die ja eine katholische Aktion ist, muss selber schauen, dass sie Geld auftreibt - der Vatikan gibt nix.

DER hat aber soviel Kohle, soviel Aktien, soviele Beteiligungen an durchaus weltlich agierenden Firmen - und das ist nicht nur gebundenes Kapital - das sind auch tatsächliche Schatzkammern, die man in nullkommanix zu Geld machen kann, und damit zB in Afrika Wasserpumpen bauen lassen könnte. DAS könnte mich beeindrucken.
Es kann mich nicht beeindrucken, wenn man Kondome in Afrika angesichts Aids verbietet. Und es kann mich ebenso nicht beeindrucken, wenn man weiss, dass gesellschaftspolitische grosse Veränderungen im Osten anstehen, und die dann befürwortet - im Wissen, dass man es eh auf Dauer nicht ändern kann, nur verzögern - oder eben rechtzeitig auf der Siegerseite stehen.

Der Vatikan ist eine antiquierte weisse männlich- chauvinistische Machtgemeinschaft, ohne jegliche Skrupel, wenn es darum geht, ihr eigenes Überleben zu sichern. Es wurde und wird in dieser Gemeinschaft gelogen, vertuscht, unterdrückt, (auch gemordet!) was das Zeug hält. Und der Papst ist ihr Boss. Warum soll mich kratzen, wenn da einer stirbt?

Es gibt allerdings Tonnen an kleinen Priestern, Nonnen und Gläubigen, die mich sehr wohl beeindrucken, die ihr Lebtag lang sich abstrampeln, um den Ärmsten der Armen zu helfen, um zuzuhören, mitzuleiden, mit zu arbeiten, um das Leben in ihrer unmittelbaren Umgebung zu verbessern. DIE beeindrucken mich. Die Hundertschaften an gläubigen Christen, die das Christentum als LÉBENSRELIGION verstehen und ausüben.
Die nicht als erstes mal darauf achten, dass verarmte Schwangere nur ja ihre Kinder nicht abtreiben, auf dass diese dann auch ein Scheissleben haben werden; die nicht überzeugt davon sind, dass Kinderprostituierte nur ja Aids kriegen sollen auch noch; die nicht Leute in's Gefängnis stecken oder bedenkenlos pfänden, wenn sie die Kirchensteuer nicht zahlen (passiert in Österreich zum Beispiel tagtäglich) - ich könnte hier ewig fortsetzen, was im Namen des Vatikans an Scheusslichkeiten passierte und passiert.
Es gibt auch kleine Priester und katholische Gefolgschaft, die so sind wie es der Vatikan und der Papst vorleben. Dem "kleinen" Menschen gegenüber gleichgültig, realitätsfern, Lebens- und Lustfeindlich.
Aber es gibt eben auch andere, welche, die den katholischen Gedanken erfasst haben, und danach leben. Die auch gegen den Willen de Papstes Schwulen Kommunion gewähren, oder Wiederverheirateten.
Die haben mein Mitgefühl, meinen Respekt, meine Solidarität.
Der Vatikan?
Der Papst?
Ein von einer winzigen Schicht indolenter Nomenklatur gewählter Führer, der Massenhysterie erzeugt, und in Abgehobenheit von den wahren Zuständen dieser Welt Verhaltensweisen einfordert, die in keiner Weise der Wirklichkeit Rechnung tragen.
Wie soll der meinen Respekt erlangen? Weil er Goldene Jäckchen trägt? Weil die Zeitungen es behaupten?
Weil es Millionen Menschen gibt, die diesen Zinnober nicht durchschauen, und glauben, der sei was besonderes gewesen?

Esst Scheisse, Millionen Fliegen können nicht irren.


22.03.05
Ein - wie ich meine - interessanter Briefwechsel:

----- Original Message -----
From: Gabriele K ö XXXX
To: office@sandrakreisler.de
Sent: Sunday, March 20, 2005 10:04 PM
Subject: Liederabend im Brucknerhaus Linz

Sehr geehrte Frau Kreisler!
Mit großem Vergnügen hab ich Ihren Liederabend in Linz gehört und genossen.
Es ist mir wichtig, zu einem Ihrer Sager Stellung zu nehmen:
Zum Lied über die “kleinen kulturlosen Männer mit den nichtssagenden Frauen an ihrer Seite” haben Sie Bezug zu Wolfgang Schüssel genommen.
Vielleicht mögen Sie meinen, dass in einer sozialdemokratisch dominierten Stadt wie Linz so ein politischer Sager gut ankommt.
Ich meine, dass eine erstklassige Sängerin wie Sie solch plumpe Parteianmache nicht notwendig hat.
Wahrscheinlich wissen Sie es, ich darf es trotzdem festhalten: Wolfgang Schüssel ist abseits seiner politischen Karriere und Funktion ein sehr kunstsinniger Mitmensch: ein erstklassiger Cello-Spieler, äußerst belesen, ein Freund und Intimkenner des Werks von Josef Mikl ...... und er hat zudem keine nichtssagende Frau an seiner Seite, sondern eine versierte und sehr selbständige Psychotherapeutin.
Ob´s nun ein plumper Untergriff war oder eine bewusst eingesetzte und gezielte Politlüge: es war mir ein Anliegen dazu Stellung zu nehmen.
Wie gesagt: darüber hinaus war´s ein wirklich feiner Abend!
Mit herzlichem Gruß aus der werdenden Kulturhauptstadt Linz
Gabriele KöXXXX
************************************
Und hier meine Antwort:

----- Original Message -----
From: sandra kreisler
To: Gabriele K öXXXX
Sent: Monday, March 21, 2005 12:43 AM
Subject: Re: Liederabend im Brucknerhaus Linz


Liebe Frau KöXXXX
zunächst möchte ich mich für Ihre ehrliche Stellungnahme bedanken, ich freue mich wirklich, wenn ich auch Feedback bekomme, das nicht einfach "Lobhudelei" ist, und es ist selten, dass mir jemand sagt, dass er/sie nicht meiner Meinung ist - ich finde das wichtig!

Es ist so: Das LIED spricht von der Frau der "kleinen Männer mit der riesengrossen Macht" - ich selbst sagte - in bezug auf kleine Männer mit grosser Macht - "wie konnte GK vor 20 wissen, dass es heute einen Wolfgang Schüssel geben wird?"- und bezog mich im Anschluss darauf, dass es oft kleine Männer sind, die die grosse Macht haben. Seine Frau kenne ich nicht, und sprach sie auch nicht an.
Sie muss selbst damit umgehen können, mit einem solchen Mann verheiratet zu sein.

Das Lied spricht von einem pars pro toto, und ich meine, das ist auch deutlich erkennbar.

Auch die schlimmsten Diktatoren umgeben sich mit etablierten Künstlern, lesen Brecht und zitieren Goethe oder sonstwen und haben vielleicht auch nette Frauen (wenn auch mit Morbus Kitahara) - das heisst noch lange nicht, dass sie eine Ahnung haben, was Kunst und Kultur alles sein kann/soll/muss.

Herr Schüssel mag jedenfalls soviel Cello spielen, wie er will - er ist dennoch kein Freund der Kunst. Er ist massgeblich daran beteiligt, dass das innerste Wesen, genauer: der Samen der LEBENDIGEN und zukunftsträchtigen Kunst und Kultur in Österreich verkümmert, da er nicht daran interessiert ist, dass Kunst polarisiert, aufregt, abstösst, zum Nachdenken und In-Frage-stellen anregt. (Ich wage übeerdies zu bezweifeln, dass er ein Freund von Mikls Arbeit wäre, wenn Josef Mikl nicht international anerkannt wäre, sondern ein noch junger, unbekannter und auch abseits der Kronen Zeitung polarisierender Künstler.) Auf jeden Fall aber sorgt er nicht dafür, dass Kunst das KANN - aufregen, polarisieren, in Frage stellen.

Er sorgt nicht dafür, dass seiner - wie Sie sagen - privaten Haltung auch öffentliche Taten folgen - eher im Gegenteil.
Das Veröffentlichen eines Volksliederbuches mit anderen Spitzen der Regierung (in dem nebenbei gesagt auch etliche Lieder aus einer Vergangenheit, die Österreich lieber vergessen würde, aufscheinen) bei gleichzeitigem Abwürgen jeglicher Unterstützung für junge Künstler (man denke nur an die Steuer- und Sozialgesetzgebung, die Künstler dafür bestraft, dass sie unregelmässig verdienen) um nur ein Beispiel zu nennen, lässt mich jedenfalls bei der Nennung des Namens Schüssel an alles mögliche denken, aber sicher nicht an einen Freund der Kunst und Kultur.
Verdiente, spannende Künstler, die am Rande des finanziellen Offenbarungseides leben müssen zu ignorieren, öffentlich diffamierende Plakate gegen Künstler wortlos zu akzeptieren, alle österreichischen Kulturinstitute im Ausland abzuschaffen, Kunstsponsoring und Kunstkauf nicht steuerlich absetzbar zu machen - das und x Beispiele mehr zeigen, dass Herr Wolfgang Schüssel eben NICHT an einer lebendigen Kunst und Kulturszene in Österreich interessiert ist. (Von dem Aushungern der Hochschulen und Kunstakademien will ich garnicht erst anfangen.)
Herr Schüssel mag Cello spielen, aber es tut es im kontextfreien Raum.

Wenn er privat so ein grosser Freund der Kunst ist, und dann aber in seiner öffentlichen Gebarung derart kurzsichtig mit Österreichs Künstlern, Kritikern, Vordenkern umgeht, so ist das sogar noch schlimmer, als wenn er garnichts davon verstünde.
Seit er die Macht in der Regierung hat, sind sukzessive ALLE nicht etablierten künstlerisch arbeitenden Menschen abgewürgt worden, zuerst die, die öffentlich bekannt haben, nicht für die ÖVFP-Regierung zu sein, und dann alle anderen, die nicht entweder Volks- Volkstümliche oder Hochkultur gemacht haben.
Diese polarisierenden Künstler sind aber diejenigen, die Kultur am Leben erhalten, weil sie ganz allgemein dafür sorgen, dass Kunst und Kultur sich weiter entwickeln. Mit Herrn Morak hat sich Herr Schüssel einen Adlatus genommen, der ganz in seinem Sinne agiert.
Und glauben Sie mir, es ist kein Zufall, dass ich und viele andere Künstler ausgewandert sind.

Es bleibt aber nicht bei der Kunst.
ALLE nicht-staatlichen Organisationen, die sich mit den schwächsten unserer Gesellschaft befassen, sind in ihren Mitteln derart massiv gekürzt worden, dass sie kaum noch effizient arbeiten können, und zu einem grossen Teil schon zusperren mussten.
Die staatlichen Stellen für Behinderte, Ausländer, Frauen, Kinder, Arbeitslose, Obdachlose, Strafentlassene etc pp arbeiten schon lange nicht mehr wirkungsvoll, und sie bekommen auch weiterhin immer weniger Mittel.
Dafür kriegen wir schöne Abfangjäger, die wir jetzt nicht einmal effizient einsetzen können, weil man ganz plötzlich lernte, dass jeder Pilot dafür einen speziellen für ihn persönlich angepassten Helm braucht, der pro Stück über 100.000.- Euro kostet. Die will man sich jetzt nicht mehr leisten können, und auch die Kosten der Instandhaltung der schönen Abfangjäger sind völlig neu... Und die Wirtschaft kriegt Steuerentlastungen, und die Frauen sollen zu Hause die Kinder hüten.

Das neoliberale Wirtschaften des Herrn Schüssel ist nur einer von vielen Gründen, warum ich ihn erstens ablehne und zweitens explizit auf der Bühne ansprach.
Auch seine Haltung zu Asyl und Ausländergesetzgebung, sein Verhalten während der von ihm so genannten "Sanktionen", seine öffentlichkeitswirksamen angeblichen "Wiedergutmachungen" - bei gleichzeitiger finanzieller Aushungerung der jüdischen Gemeinde, (Welcher Staat auf dieser Welt lässt seine eigenen Staatsbürger selbst zahlen, wenn sie Polizeischutz BENÖTIGEN?) sein Verhalten mit der FPÖ (ich prophezeie, dass auch diese Regierung wieder platzen wird, und absehbar war es schon von vornherein), seine Zustimmung zu GATS und den untergeordneten Verträgen - es gibt Tonnen an Gründen, warum ich ihn expressis verbis nannte.
Er ist für mich ein hervorragendes Beispiel für einen nur an der Machterhaltung interessierten, kurzfristig taktierenden und gegen die Schwachen, gegen die Künstler, gegen die Ränder der Gesellschaft - also letztlich: gegen die Mehrheit des Volkes! - agierenden Regierungschef.
Und DEHALB habe ich ihn als Beispiel gewählt. Wenn ich das auch in einer, wie sie sagen "roten Stadt" tat, so war mir das wurscht. Ich sage es an jedem österreichischen Spielort, seit es das Programm gibt, es ist mein Text, den ich bewusst so schrieb.
Nebenbei - Linz ist nicht im luftleeren Raum, und ich halte Oberösterreich nach wie vor für überwiegend schwarz-braun gesinnt. Und wenn nicht überwiegend, dann definitiv einfach ZU SEHR.

Bei Politlügen kann ich jedenfalls definitiv mit Herrn Schüssel nicht mithalten, deshalb versuche ich es auch gar nicht.

Es freut mich, dass Ihnen mein Programm gefallen hat, es würde mich aber noch mehr freuen, wenn Sie nicht nur im Theater sondern vor allem auch in ihrem politischen Bewusstsein ein wenig mehr auf die Zwischentöne achten würden, und sich vielleicht auch ausserhalb der Hofberichterstattung informieren.
Liebe Grüsse, sk

----- Original Message -----
From: Gabriele K ö XXX
To: sandra kreisler
Sent: Monday, March 21, 2005 10:55 PM
Subject: Re: Anfrage

Liebe Frau Kreisler!
Ich stehe zu allen Aussagen, die ich treffe und Sie können daher meinen Brief veröffentlichen, gern mit Namensnennung.
Ich bitte aber von einer Adressveröffentlichung abzusehen, wobei ich weiß: wer mich finden will, findet meine Adresse.
Zu Ihrem Brief möchte ich nur insofern Stellung nehmen: ich halte es mit Paul Watzlawick “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?” Sie haben Ihre Wirklichkeit, ich habe meine und ich bin sehr froh, dass wir in einer Demokratie leben, wo unterschiedliche politische Ansichten neben einander existieren können und damit alle Gruppen und Meinungen ihren Platz haben.
Als Kleinunternehmerin bin ich gar nicht weit weg von der Einkommenssituation von Künstlern, auch in meinem Fach gibt es Zeiten der guten und der schlechten Konjunktur. Auch ich lebe von Aufträgen und wenn es keine gibt, hab ich kein Einkommen. Allerdings glaube ich, dass es mir hier in meinem Land recht gut geht trotz aller Höhen und Tiefen, ich bekenne mich zu diesem Land und diesem Staat und zahle auch hier meine Steuern und meine Versicherungen.
Ich liebe dieses Land und bin gleichzeitig der Meinung, dass wir viele Probleme derzeit nicht hätten, wenn andere - frühere – politisch Verantwortliche bereits vor 20 Jahren auf die bevorstehende Generationenproblematik richtig reagiert hätten statt das Thema zu negieren oder zu vernachlässigen.
Aber wie gesagt, ich bin froh, dass wir die Freiheit unterschiedlicher Sichtweisen haben.
Mit besten Grüßen
Gabriele KöXXX

Es gibt noch Hoffnung, wenn unterschiedliche Sichtweisen so behandelt werden können. Ich möchte hier Frau KöXXXX nochmals für ihre Offenheit danken!!



25.Januar.05

Auschwitz-Gedenken.
Wie unterschiedlich wird damit umgegangen.
Österreich wiederholt seit ein paar Jahren die Formel: „Wir haben zu spät eingestanden, dass auch Österreicher unter den Tätern waren.“ Das ist nett. Nur leider ist es eine Formel, die in diesem Land gefunden wurde, um die tatsächliche Arbeit an der Denkungsart nicht ausführen zu müssen. Es ist ein Leerwort. (Und das ist nicht die neue Rechtschreibung.) Weder wird die Vergangenheit bearbeitet, noch werden Lehren für die Gegenwart oder gar die Zukunft gesucht. Österreich macht eine kleine Verbeugung, das ist äusserlich, denkt sich: “Is ja wurscht, Verbeugen kost’ nix,“ und macht weiter wie bisher auf „wir haben damit nichts zu tun“.

Deutschland betätigt sich ehrlich und erschüttert des Flagellantentums. „Ohhh, wir waren sooo böse, könnt Ihr uns verzeihen? Wir haben gaaanz viele tote Juden auf unserem Gewissen.“ Lebende auch, möchte man ihnen zurufen.
Und: Wenn es darum geht die NPD heute zu zügeln, fällt ihnen nichts ein.

Die UNO gedenkt heuer zum ersten Mal. Ein guter Schritt. Und wann werden sie gedenken, dass sie –trotz des Wissens darum! – in Ruanda nicht rechtzeitig eingeschritten sind?
Nur so als Beispiel.

Denn: Konzepte, eine neue Denkungsart zu entwickeln sind noch immer nicht gefunden worden – wurden sie gesucht? Man erkennt es rechtzeitig, wenn Ausgrenzung, wenn ein Genozid in grösserem Mass vorbereitet wird. Auch in Ruanda hat man es gesehen. Aber man sagt immer erst etwas, wenn es zu spät ist. Erst lässt man mal geschehen – es könnte sich der Niedergang einer Nation ergeben, das ist gut für die Wirtschaft.

Nicht nur, wenn es um ferne Länder geht, hat man es gerne, wenn Blutvergiessen ansteht. Auch hierzulande an den Ursachen für Radikalisierung zu arbeiten, ist nicht wirtschaftskonform.

Wir haben einen Bodensatz der Radikalen, das ist bekannt, und zwar, weil die Menschen Angst vor der Zukunft haben, und kein kulturelles Gerüst mehr bekommen. (Das ihnen nb auch diese Angst nehmen könnte). Die sind so zwischen 10 und 20 Prozent, und da kann man ein bissel weinen und sich offiziell sorgen – aber im Grunde ist das normal.
Stimmt ja auch.
Aber das es zunimmt – SO zunimmt - und dass man da sehenden Auges hineinläuft, ohne etwas zu verändern, das ist nicht mehr normal.
Aber das ist das klassische postmoderne Denken: Es wird geklagt und beweint und geschimpft - nur wird nichts geändert, es werden keine Änderungen angestrebt, ja man versucht nicht einmal, sich Konzepte auszudenken.
Alle wissen, (oder glauben zu wissen) woran es liegt, keiner möchte etwas ändern – und ich glaube fast, das ist, weil man insgeheim denkt:“Es kann sich ja irgendwann auch als praktisch erweisen, wenn man Sündenböcke hat“.

Gerade weil diese Angst vor der Zukunft ja begründet ist, angesichts der einheitlichen Verherrlichung des Neoliberalismus – irgendwann hat man so viele „Globalisierungsverlierer“, dass man für sie Sündenböcke brauchen wird, sonst geht es den Reichen an den Kragen.

Diese Sündeböcke aber sind nicht die NPD! Die Sündenböcke in Deutschland sind auch heute noch die, die anders „aussehen, beten, reden“ – und die brauchen die alle Parteien gleichermassen. Die Vorbereitung zur Entmenschlichung von ganzen Bevölkerungsgruppen wird hier geleistet – und toleriert, denn man könnte es mal brauchen.

Und ansonsten wird weiterhin die "Trauerarbeit" an toten Juden ausgeführt. Denn DIE waren ja toll, und wir waren so böse.

Auch Philosemitismus – zumal der deutschen Art – ist eine Art Ausgrenzung. So etwas kann allzuleicht kippen.
(Man ist bemüht, die Ausgrenzung heutzutage bei anderen Bevölkerungsgruppen vorzunehmen, das immerhin. Das kann mich allerdings nicht beruhigen, denn die Geschichte hat gezeigt: Wenn irgendwo Menschengruppen misshandelt werden dürfen, nimmt man die Juden auch noch gleich mit.)

Man hat nichts gelernt.
Symptomatisch, wie in der „Zeit“ die Rede von Elie Wiesel vor der UNO rezipiert wird: Jedes Wort, das er über HEUTIGES Übersehen von Konflikten, von heutigen „Untermenschen“, von heutiger Ausrottung sagte – und er sagte viel! – wird einfach nicht wiedergegeben. In aller Breite aber das Beklagen der Vergangenheit.

Heute passieren nach wie vor unentschudlbare Morde, Hetzjagden auf Menschen, Ausgrenzungen. Im Sudan, in Ruanda, in Tschetschenien und und und, man kann sie garnicht alle nennen.
Aber die ehemaligen Täter begnügen sich mit „Nie wieder“ – Worten und ignorieren ansonsten alle „Schon wieders“ in der schönen Welt. Es könnte geopolitisch, wirtschaftspolitisch schaden, sich einzumischen.

Und die europäischen Juden? Ein paar „Mahner“ darf es geben, immerhin, in Deutschland. (Wobei vermutlich wohlgelitten ist, wenn die sich gegenseitig in die Haare kriegen). In Frankreich ist’s sogar noch ein wenig mehr. Da gibt es immerhin Juden in politischen Parteien.
In Österreich gibt es nicht einen einzigen Juden, der zum Beispiel als Moderator am Fernsehschirm erscheint. Oder sonstwie in einer gehobenen Position ist. Eine Nachrichtenredakteurin, immerhin. Die hat wenigstens nie öffentlich gesagt, dass sie Jüdin ist, und auch sonst ist sie brav.

Aber: ist es normal, dass bei Feiertagen die jüdische Religion nicht wie selbstverständlich einbezogen ist? So wie in Amerika, wo es normal ist, happy holidays zu sagen – und WENN merry christmas, dann auch automatisch happy channukka. Oder gemischtreligiösen Weihnachtsschmuck aufzuhängen? Oder in ganz normalen Geschäften auch zu Pessach oder zum jüdischen Neujahr Grusskarten aufliegen zu haben?
In Zürich werden die Ansagen auf dem Flughafen auch in hebräisch gesprochen. Zugegeben: Hebräisch ist eine Sprache, die sehr wenige sprechen. Aber Israelis sind Touristen, mehr als zum Beispiel Polen oder Slowenen, und gerade nach Europa, nach Deutschland und Österreich, fahren viele. Und gerade in Deutschland wäre es nett, wenn man, statt sich selbst wegen toter Juden zu geisseln, die Lebenden besonders freundlich begrüssen würde.

Und: bei Juden haben die Deutschen klarerweise besondere Verantwortung. Aber genau diese Verantwortung zeigten sie meiner Meinung nach besser, wenn sie zB buddhistische, jüdische, muslimische Feiertage wahrnehmen würden, in Verkauf, in den Medien, als wenn sie ständig darüber weinen, wie schlecht sie mal waren.
Weil damit eine „Normalität des Andersartigen“ einkehren könnte. Der vielbeschworene Pluralismus auch gelebt würde.
Anstatt weiterhin verschwitzt als leere Worthülse öffentlich beschworen.

19. Juni 04

Hier hat sich schon lang nichts getan.
Ich bitte um Verzeihung.
Die Ereignisse überschlagen sich. Ich möchte mich an dieser Stelle bei all jenen entschuldigen, die mir Kommentare zu Artikeln gesandt haben, und ich habe noch nicht reagiert. Zum Teil sind die Kommentare inzwischen von den Ereignissen überholt worden, und ich habe auch keine Kraft, aktuellere Gedanken hier auf die Seite zu stellen.

Ich bin im Moment beschäftigt mit:
* CD-Aufnahmen zu einer "Kreisler singt Kreisler", sowie zu einer Weihnachts-Single & Vorbereitungen zur Duett-CD mit Roger Stein
*Modifikationen des Weihnachtsprogramms
*Vorbereitung zu vier verschiedenen Programmen, die jeweils einmal zur Aufführung gelangen
*Renovation unserer Wohnung in Berlin (urgh! Ausmalen, Spachteln, Wände einziehen, Sandra mit Lackflecken in den Haaren und Staub allüberall - wer je eine Wohnung selbsttätig renovierte, weiss, wovon ich rede)

Ich pendle also ein mal die Woche zwischen Berlin und Wien, immerhin an die 10 Stunden Fahrt, renoviere dort,
schreibe hier, nehme hier auf, installiere dort ein Studio,(mit takräftiger Hilfe, ich könnte das nie allein!!) mache Sprecherjobs für Radio und Fernsehen hüben und drüben, dazwischen versuche ich, mit meinen neugefundenen Freunden im Diskussionsforum zu/über Georg Kreisler(und inzwischen auch jeder Menge anderer Themen) relativ regelmässigen Kontakt zu halten - , dazwischen will man ja auch mal was lesen, sich informieren, Zeit mit Familie verbringen..... kurz: es ist einfach alles ein bissel viel.

Jedenfalls möchte hier mal einen Artikel von Ralph Giordano zu Ansicht&Diskussion stellen, die dieser in der noch von Theodor Herzl gegründeten und bis heute florierenden Zeitschrift Illustrierte Neue Welt veröffentlichte.

"Schluß mit Rücksicht, Taktik, Defensive: Die grenzenlose einseitige Schuldzuweisung an Israel durch weite Teile der veröffentlichten Meinung in Deutschland wird von uns nicht länger schweigend hingenommen – es muss endlich tacheles geredet werden! Äußert sich da doch eine Parteinahme, die Israel fortwährend und ganz selbstverständlich auf die Anklagebank katapultiert. Dem setzen wir unsere Parteinahme entgegen.
Der geplante Tod von Scheich Jassin und Abdel Asis Rantisi? Europa – deine Heuchler! Warum soll die gezielte Tötung zweier Männer, die unzählige gezielte Morde angeordnet haben, schlimmer sein als diese Morde? Wieso allenthalben das verräterische Ungleichgewicht der Empörung? Es ist widerwärtig zu erleben, wie empfindungslos sich weite Kreise über die israelischen Opfer hinwegsetzen – und das ausgerechnet in Deutschland, das bekanntlich auf eine lange Tradition als Weltmeister der Selbstbeweinung zurückblicken kann. Wollen ungefährdete Deutsche tatsächlich und allen Ernstes die Israelis besserwisserisch belehren, wie deren Staat und Regierung ihre Bürgerinnen und Bürger vor den Mordanschlägen von Hamas, Jihad und Hisbollah zu schützen hätten? Herunter vom hohen Ross!
Ich kann mir nur allzu gut vorstellen, was hierzulande los wäre, wenn in den letzten zwei Jahren zwischen Flensburg und München, Köln und Frankfurt an der Oder dreitausend Tote durch Terrorakte zu beklagen gewesen wären, darunter neunhundert durch Selbstmordattentäter. Längst würde Panik und Chaos ausgebrochen sein, und die Rufe nach dem „Starken Mann“ und der Todesstrafe wären immer lauter zu hören. Es ist höchst fraglich, ob die Demokratie Deutschland unter solchen Bedrohungen so stabil bleiben würde wie die Demokratie Israel nachweisbar geblieben ist.
Ich aber weigere mich, die Maßnahmen israelischer Regierungen zum Schutze seiner Bürgerinnen und Bürger auf die gleiche Stufe mit den hinterhältigen Anschlägen arabischer Terroristen zu setzen. Was ist das für eine Gesellschaft, die Teenagern suggeriert, dass sie, nachdem sie möglichst viele Menschen, darunter andere Teenager, in den Tod gerissen hätten, schon im nächsten Augenblick an den Busen glutäugiger Jungfrauen schmachten werden? Was ist das für eine Gesellschaft, deren eine Hälfte, die weibliche, so gut wie rechtlos ist, in der Menschenrechte unbekannt sind, die eigenen Eliten total versagt haben?
So wenig, wie arabische Herrscher fähig waren, sich Saddams zu entledigen, also des Mannes, den sie wie den Teufel gefürchtet haben, so wenig sind sie imstande oder überhaupt willens, den einheimischen Terroristen das Handwerk zu legen. Die stereotype Aufforderung der Linkseuropäer, Israel möge Gewalt nicht mit Gewalt vergelten, zielt, ganz abgesehen von seiner unverschämten Einseitigkeit, auch noch völlig am Charakter des Konfliktes vorbei. Die Israelis könnten sich wie die Engel benehmen – es würde die mörderischen Exekutoren von Hamas, Jihad und Hisbollah nicht im Mindesten beeindrucken. Die wollen keinen Frieden, die wollen Israel von der Landkarte des Nahen Ostens ausradieren. Das ist ihre Losung – die einzige, die sie haben."


29. Februar 04

Heute führte ich eine Diskussion zum Thema Subventionierte Kunst.
Der Tenor ist immer weniger zu überhören: Wofür zahlen wir soviele Subventionen für Kunst und Künstler? Wenn Kunst sich nicht selber trägt, brauchen wir sie nicht. In Amerika geht es ja auch so. Die Künstler dürfen nicht so am Markt vorbei produzieren, dann können sie auch davon leben.
Und dergleichen mehr.
Ich finde das enorm kurzsichtig, engherzig, scheuklappig, ja geradezu gefährlich – zumindest auf Dauer.
Und es vermischt zudem die verschiedensten Fakten zu einer Suppe: eine Milchmädchenrechnung.
Die richtige Frage sollte lauten: Wofür GENAU vergeben wir die Subventionen, an wen – und vor allem: Wer entscheidet darüber und was muss man dafür tun?
Jedenfalls hat dieses Gespräch eine ganze Reihe Gedanken losgetreten, und die will ich hier mal aufschreiben.
Zunächst:
Amerika ist ein völlig anderer Kulturkreis, mit dem unseren nur in Ausnahmefällen zu vergleichen. In Amerika herrscht zum Beispiel eine Tradition des Mäzenatentums, der ehrenamtlichen Arbeit, von der wir hierzulande nur träumen können. In Amerika ist der europäische Weg: „Wir überlassen die Führung und die Entwicklung der Gesellschaft dem Staat“ völlig unbekannt. Der Staat reguliert und ordnet – er führt nicht, er ist gedacht, der Entwicklung zu FOLGEN.
Daher finden sich viel mehr Menschen, die diese Entwicklung der Gesellschaft aktiv vorantreiben wollen, und sei es mit Geld.
Ausserdem – nicht zu unterschätzen: In Amerika kann man jede Art der Spende von der Steuer absetzen.
Und trotzdem ist auch in Amerika eine Kunst und Kultur, die sich entwickelt ( und zwar nicht im Sinne von: Immer seichter wird), inzwischen leider die Ausnahme von der Regel.
Denn, und hier kommt der nächste grosse Fehler zum Tragen: Seit der vorletzten Jahrhundertwende, und insbesondere seit dem 2. Weltkrieg werden Kunst und Kultur allgemein als „schmückendes Beiwerk“ behandelt, das keinerlei Einfluss auf die wesentlichen Dinge des Lebens hat und haben kann. Sie wird marginalisiert, zugunsten des Marktes, also der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Forschung. Sie bleibt entweder „elitären Kreisen“ vorbehalten oder verkommt zur Massenruhigstellung.
Wir bedenken nicht mehr, das unser gesamtes Leben, unser jeweiliger Kulturkreis unsere Denkungsart – das letztlich ALLES was wir tun, von Kultur und Kunst geprägt ist – ob wir das nun merken oder nicht.
Und je weniger innovative Kunst es gibt, desto weniger Kultur gibt es auch – und somit auch desto weniger Eigenständigkeit, Moral, Einzigartigkeit – wir verkommen zu blossen Werkzeugen der Marktmechanismen.
So gibt es auch langfristig weniger Demokratie, je weniger eigenständige Kunst es gibt.
Nicht umsonst werden bei Kriegen massiv und bewusst die jeweiligen kulturellen Errungenschaften, historische Bauten, Denkmäler etc – und damit die gesamte Geschichte des angegriffenen Staates - zerstört: Ein kulturloses Land kann man leichter für die eigenen Zwecke vereinnahmen.

Was bezeichne ich jetzt hier als „innovative Kunst“?
Kunst, die verstört, die man ablehnt, weil sie tradierten Gewohnheiten zuwiderläuft, die zum Nachdenken oder nach-fühlen zwingt.
Aber auch Kunst, die bewusst und deutlich auf bereits bestehenden Traditionen aufbaut, die sie weiterführt in die jeweilige Zeit hinein, und darüber hinaus.

So etwas hat zwangsläufig am Anfang wenig Anhänger, denn wie heisst es so schön: „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.“
So etwas ist auch nicht für finanzielle Eliten gemacht, die sich damit brüsten um in ihren eigenen Kreisen damit zu punkten. Es ist gemacht für diejenigen Menschen, die neugierig sind, die Dinge in Frage stellen wollen, oder auch nur Fragen lernen wollen. Und es ist gemacht, damit andere Künstler darauf aufbauen können, und vielleicht etwas entwickeln, dass auch den berühmten „Otto Normalverbraucher“ berührt.

Nur leider: Menschen, die neugierig sind, die sich gerne verstören lassen, die ihre eigenen tradierten Denk- und Erlebensmuster gerne in Frage stellen gibt es naturgemäss wenige – und die jeweils Mächtigen sind auch nicht rasend daran interessiert, dass es mehr werden: Neugierige Menschen, kritische Menschen machen das Regieren schwieriger, und sie brauchen auch weniger käuflich erwerbbare Ersatzbefriedigungen: sie haben kein leeres Leben.

Aber so eine „innovative Kunst“ hat naturgemäss auch wenige Produzenten, denn es ist kein leichtes Leben, sich diesen Dingen zu verschreiben, man tut es nicht aus Karrieregründen, man tut es, weil man es tun MUSS.

Und wie sehr es sich rechnet, wenn die wenigen Menschen, die sich solcher Kunst verschreiben würden, sie auch ausüben können ohne zu verhungern, das merkt man erst Jahre, oft Jahrzehnte später.

Es ist letztlich ähnlich der Wissenschaft. Grundlagenforschung ist für nicht eingeweihte Menschen ein kompletter Schmarrn. Warum müssen Wissenschaftler Jahre damit zubringen, die Schnupfenbekämpfung der Beutelratten zu erforschen oder überprüfen, wie sich verschiedene Papiersorten unter Wasser verhalten?
Sie müssen es aber – wie sich erwiesen hat – weil man über solche vermeintlich sinnlosen Studien plötzlich Dinge merkt, die (vielleicht in völlig anderen Bereichen) zu Erleichterungen des Lebens führen.
Die Wirtschaft hat das immerhin begriffen, und sponsert Grundlagenforschung, ja die Forschung ganz allgemein, mit hohen Beträgen.
Was sie nicht begriffen hat, und die Politik schon garnicht, ist, dass es im Bereich der Kunst ganz genauso ist: was sie bringt, und wie wesentlich sie in den Lebensbereich jedes einzelnen – auch nicht kunstinteressierten Menschen – eingreift, zeigt sich erst über Umwege und viel viel später.
Aber es wurde und wird uns eingeredet, dass Kunst entweder alt und wertvoll oder von Medien und reichen Leuten geliebt und teuer ist. Was man nicht versteht, was scheinbar ziellos oder sinnlos ist, ist per defintionem nicht Kunst im hehren Sinne. Und wenn es sich zudem nicht an die Massen für das schnelle Glücksgefühl verscherbeln lässt, ist es nicht förderungswürdig.

Mit der Europäischen Tradition, die den Erhalt wie die Förderung der Gesellschaft mehr dem Staat als dem Einzelnen zuschiebt, MUSS man Subventionen befürworten, will man nicht als amorphe Masse enden, die alles frisst, was ihr vorgesetzt wird, und sich nicht weiter entwickeln kann als bis zum „Käufer“ und „Dienstleistungsvieh“.
Diue Frage ist nur – siehe oben: Wer gibt wem Geld, und was wird dafür verlangt?
Aber im Idealfall darf man eben ncihts verlangen, ausser, dass der Subventionsempfänger weiter macht, was er machen kann: Neugierig machen, ärgern, an bestehenden Gewohnheiten kratzen – und das unter so viele Menschen wie möglich bringen.
Und da kommt der nächste Fehler in’s Spiel: Denn es wird oft geglaubt: Ja, wenn das viele Menschen sehen wollen, dann BRAUCHT der doch keine Subvention! Und wenn es trotz Subventionen keinen Hund hinter dem Ofen hervorlockt, wofür geben wir dann Geld aus?
Genau dafür ist aber das Geld: Man muss solche sperrigen Sachen den Menschen auf’s Aug drücken. Denn der Mensch ist, wie gesagt, von Natur aus eher faul.
Das Geld ist dafür da, dass der Künstler die Möglichkeit hat, den Leuten etwas zu zeigen, dass sie sich freiwillig – oder ohne sanfte Überredung – nicht anschauen würden.
Es muss nicht gefallen, was subventionierte Kunst tut. Es muss nicht verändern WOLLEN, oder, wie es so schön heisst: Grenzen sprengen WOLLEN. Es geht darum, dass sich jemand – auch unkonventionelle - Gedanken macht, die aus ihm oder ihr herausMÜSSEN. Gezielt auf Schockwirkung hin arbeiten, heisst allerdings auch noch lange nicht, dass da Gedanken verarbeitet werden, die uns weiterführen. Kann sein, muss aber nicht.
Ich vertraue persönlich eher jenen Künstlern, die anecken, nicht weil sie etwas erzielen, sondern weil sie einfach so sind, so denken, so fühlen. Sie sind die Speerspitze, der Mutant, der die Zukunft vorwegnimmt. Und man darf sie nicht mundtot machen, sonst bleiben wir stehen.
Diese Mutationen, die unsere Gesellschaft weitergebracht haben, gingen meistens in eine Richtung, die ausser den Künstlern niemand vorhersah. Gezielte, geplante Mutation will immer nur noch mehr von bereits Bekanntem erreichen.

Zudem: der Subventionsgeber, der Staat, ist per definitionem nicht fähig zur ziellosen Mutation ohne Anstoss von aussen. Und daher kann und darf er auch nicht oder nur bedingt entscheiden, welche Veränderung ansteht.
Man darf nicht Subventionen mit Inhalten verknüpfen. Das ist der ganze Trick.
Und das ist auch die ganze Schwierigkeit. Denn wie sonst kann man entscheiden, was förderungswürdig ist und was nicht?
Kulturpolitiker, die ein gutes Gespür haben, die die nötige Sensibilität und Wachheit haben, und die vor allem nicht parteiisch und kurzsichtig denken, die werden immer seltener.
Und das (vorwiegend jüdische, aber das ist eine andere Geschichte) Mäzenatentum der Vor und Zwischenkriegszeit gibt es nicht mehr.
Vordergründig scheint es das Einfachste zu sein, den Markt alles regeln zu lassen. Keine Subventionen, und die Leute kriegen das, was sie brauchen und wollen und aus.
Aber es gibt eben auch Dinge, bei denen man erst im Nachhinein weiss, dass sie wichtig sind.

Und noch ein kleines Postskriptum:
Auch Politikverdrossenheit kann durch mehr Kunst und Kultur bekämpft werden, im Übrigen. Denn die Menschheit will angeregt werden, sonst wird sie faul. Denkfaul und Lebensfaul. Und nur Kunst und Kultur können diese Aufgabe übernehmen. Und zwar immer NEUE Kunst und immer wieder erneuerte Kultur.
Volkstänze allein sind da nur marginal hilfreich.

 

4. Dezember 03
Lange nichts mehr eingetragen - Tourneen und die Vorbereitung des neuen Programms haben meinen Kopf gefüllt. Aber jetzt ist wieder etwas eingetreten, was mich veranlasst, wieder zu schreiben: Es gibt eine Studie, die das Europäische Büro zur Beobachtung von Rassismus in Auftrag gegeben hat - und dann nicht veröffentlichen wollte. Weil die Studie besagt, dass das enorme Ansteigen von Antisemitismus und vor allem gewalttätigem Antisemitismus auch in Europa verstärkt von Muslimen getragen wird.
Für mich scheint hier offensichtlich, dass nicht gemerkt wird, wie sehr nach 9/11 ganz allgemein in Europa der Antisemitismus gestiegen ist
.
Erstaunlicherweise.
Man sollte meinen, dass der Anti-Islamismus steigen würde, nach den terroristischen Taten der letzten Monate und Jahre:
Aber nein.

Fast im Gegenteil. Eine Welle der "lasst uns toleranter sein"-Sager bricht über uns herein, "Lasst das Kopftuch doch gelten!" "Sharon ist an der Radikalisierung der Terroristen schuld!" - und mit Sharon, natürlich, gleich alle Juden der Welt.
Und, viel wesentlicher: Allerorten ist zu hören: "Wir dürfen die Muslime nicht schuldig erklären für ihre schwarzen Schafe!"
Dürfen wir das nicht?
Natürlich - jeder darf/soll/muss die Religion haben dürfen, die er oder sie wünscht - und niemand darf deswegen Ressentiments pflegen. Ganz klar.
Trotzdem ist meiner Meinung nach angesagt, den Gedanken der Toleranz nicht zu strapazieren.Ich halte es nicht für "tolerant" wenn man es zulässt, dass der Nachbar die Ehefrau allnächtlich windelweich prügelt, oderdie Kinder. Ich halte es nicht für tolerant, wenn man dem Nachbarn "nachsieht", dass er sich daran erfreut, vom Fensterbrett aus vorbeigehende Hunde zu erschiessen. Oder Menschen. Und ich halte es nicht für "tolerant", wenn man dem Nachbarn durchgehen lässt, dass er sukzessive den gesamten Bezirk mit einfachen Milchmädchenrechnungen überzieht, als Heilsbotschaften getarnt, die dazu führen, dass niemand mehr in der Gemeinschaft integriert ist.
Das aber geschieht beim Islam.
Und - um Zustimmung aus der falschen Ecke vorzubeugen: Nicht der Islam ist schuld. Es sind nur die Islamisten, die ihre eigene heilige Schrift so menschenverachtend und gefährlich auslegen. Es gibt genügend islamische Menschen, die einfach eine Religion haben, und das ist auch völlig okay so.

Anti-Islamismus ist das Schlechteste nicht.
Sage ich jetzt mal ganz provokant.
Aber ich mache einen Unterschied zwischen Anti-Muslimisch sein, und Anti-Islamismus. Nicht gegen die, die eine Religion haben, so ganz für sich - das ist deren Problem. Aber gegen die, die dieser Religion - verzerrend - das Wort reden
. Nicht gegen die Menschen - aber gegen die Religion, gegen das Gedankengut, dass damit zunehmend verbunden wird.
Mit Anti-Islamismus meine ich, dass es auch wesentlich ist, IM ISLAM selbst mit einer Diskussion anzufangen, mit dem Ziel, die Auslegung der Religion zu reformieren.

Antisemitismus ist schlecht, und Anti-islamismus nicht?
Im Grunde kann man die beiden Anti-ismen ja nicht vergleichen, denn bei dem Einen ist die Ausgrenzung vorwiegend rassisch motiviert, bei dem anderen unabhängig von Herkunft rein religiös.
Soll heissen: ein zum Judentum Übergetretener hat sicherlich weniger mit Ressentiments von Andersdenkenden zu kämpfen als ein zum Islam Übergetretener.
Aber der Islam ist - so viel ich darüber gelesen habe - eine Religion, die in ihrem Selbstverständnis bisher viel zu wenig Möglichkeiten für ein "mit der Zeit gehen" beinhaltet, was dazu führt, dass die überwiegende Mehrheit der Muslime eher fundamentalistisch geprägt ist - im Gegensatz dazu ist sowohl im Christentum als auch im Judentum der radikale, orthodoxe Zugang die Minderheit - und damit keine Gefährdung für die restliche Welt.

Ich habe den Eindruck, dass es vorwiegend zwei Faktoren sind, die in meinen Augen den Islam (nicht als Religion im ursprünglichen Sinn, sondern als das Leben ALLER beeinflussende Strömung!) zu einer tatsächlichen Gefahr werden lassen: Der eine Faktor ist natürlich, wie überall, die mangelnde Bildung seiner Proponenten, die auch daraus resultierende Armut und der immense Mangel an Perspektiven für die eigene Lebensplanung - und die engen Netze, die in genau dieser Situation dazu führen, dass die erste WIRKLICHE Hilfeleistung, die diese Menschen bekommen, von Organisationen der Mullahs ist. In deren Interesse es wiederum liegt, die mangelnde Bildung ihrer Adepten beizubehalten.

Der zweite Faktor liegt in meinen Augen aber auch in der Religion selbst begraben. (Nicht notwendiger Weise im KORAN, aber in dessen mehrheitlicher Auslegung durch die Religionsführer!!!)
Denn ein wesentlicher Teil des islamischen (oder islamistischen) Selbstverständisses ist eine diffuse Mischung aus :"Benützt die Produkte und Erzeugnisse der westlichen Länder für Eure Zwecke - ihr selbst aber lebet ausserhalb dieser Logik nur für Allah" Also: Demokratie, umfassende Bildung in anderen Dingen als Religion werden abgelehnt als "Teufelswerk", die Hierarchisierung und der Tagesablauf sind in einer Weise geregelt, dass ein produktives Zu- und Mit-tun mit der ausser-islamischen Gesellschaft unmöglich ist - und aber man darf sich sehr wohl der Segnungen der westlichen Welt bedienen, der Waffen, der Propaganda, der technischen Erzeugnisse.

Enorm viele Muslime gehen in den Westen, um zu studieren, mit dem Einzigen Ziel, das dabei erworbene Wissen GEGEN den Westen einzusetzen. Die Frauenbehandlung trägt sicherlich auch zur Radikalisierung der Gesellschaft bei, weil das kalmierende Element mundtot gemacht wird. Und die heilsbringende Lehre: Wenn Du GEGEN die Ungläubigen bist, wenn du NUR dem alten Glauben treu bleibst, nur dann kannst du Heil finden.
Also: Je mehr man zur vordemokratischen Gesellschaft zurückkehrt, desto näher ist man Gott, und was immer Du an Schlechtem erfährst, es ist NUR, weil Du noch nicht genug die modernistische Welt verlassen hast.

Das ist aber eine Glaubensform, die gerade diejenigen anspricht, die keine Perspektive haben - sie müssen letztlich nur NOCH MEHR so ungebildet und abgeschlossen leben wie sie es bisher kannten, um glücklich zu sein - jedes "Unglück" wird auf einen Aussenfeind geschoben: Islamisch sein, - in der Mullah-Ausformung, wohlgemerkt! - heisst: Dagegen sein, einsperren, wegsperren, ausmerzen, um Frieden zu finden. Das beisst sich naturgemäss mit der gesamten restlichen Welt, denn SO eingesperrt, dass man auch kein Fernsehen, keinen abgepackten Orangensaft, kein Auto hat, will man ja auch nciht sein...

Dazu kommt auch eine Geschichts-schreibung, die in ihrer Scheuklappigkeit umwerfend ist. Geschichte zu studieren heisst im Islam, die alten super-religiösen Denker zu ehren und zu heiligen. Punkt.

Das heisst, ich meine, man muss im Islam selbst eingreifen, auch als nicht-Muslim, um die reformistischen Denker zu unterstützen, die den Koran der Zeit und dem heutigen Wissenstand anpassen wollen - weg vom Kopftuch, weg vom ausschliesslich rituellen Waschen - um nur zwei Beispiele zu nennen, die in zb der jüdischen Religion bei der überwiegenden Mehrheit schon längst passiert sind - wir haben bei den Orthodoxen ja auch eine Art "Kopftuch", den sogenannten Scheitel - aber wer hat das heute schon.
Nebenbei gesagt: In vermutlich jeder Religion können die "Orthodoxen" zu einer Bedrohung für die gesamte Gesellschaft werden - wenn sie eine relevante Mehrheit haben. Aber von allen Religionen hat eben nur der Islam bei seinen Adepten eben diese Mehrheit. Es gibt - überspitzt ausgedrückt - den Islam nur in seiner orthodoxen Form - und DAS ist die Gefahr.

Sonst habe ich die Angst, dass - gerade WEIL die Religion in ihrer derzeitigen mehrheitlichen Ausprägung für perspektivelose junge Menschen so ansprechend ist, durch den Schutzfaktor vor eigenen Fehlern - wirklich eine Bedrohung werden kann.
Denn es ist inzwischen eine wissenschaftlich bewiesene Binse, dass die Radikalität und die Gewaltbereitschaft gerade in jenen Gesellschaften enorm ansteigt, wo die Perspektivelosigkeit gegeben ist, die Aufstiegsmöglichkeiten fehlen, wo viele junge Männer keine oder zu wenig Möglichkeiten haben, den offenbar genetisch gegebenen persönlichen Karrieredruck (in welcher Ausprägung auch immer) zu verwirklichen.

Daniel Cohn-Bendit hat mit Recht die oben genannte Studie gegen Willen des Instituts für Rassismusforschung in's Netz gestellt.

Der Antisemitismus und seine Verfechter sind auch die Garantie dafür, dass der Islam ungehindert in seiner perversesten Ausführung erstarken kann.
Indem Bin Laden und seine Mitstreiter als die "Bösen" ausgemacht werden, bekämpfen wir ein Symptom und nicht die Ursache. die Ursache ist eine Religion, die in ihrem Selbstverständnis gegen die restliche Welt spricht. Doch aus lauter Angst vor mangelnder Toleranz wollen wir nicht sagen, wer etwas falsch macht.

Der Kopftuchstreit:
Meine Meinung ist: es geht nicht darum, ob das Kopftuch jetzt "tolerierbar" ist oder nicht. Das geht am Kern vorbei - oder besser: Es ist eine unnütze Diskussion.
Wenn man aber - im deutschsprachigen Raum, denn in Frankreich herrschen andere Traditionen, daher darf man auch diese Diskussionen nicht vermischen - hierzulande das Kopftuch verbieten würde, würde man den Islamisten und den Rassisten nur Unterstützung geben. Das Kopftuch als NORMAL zu sehen, das sollte das Ziel sein. Verbotenes polarisiert, regt auf oder an. Wenn etwas "wurscht" ist, dann haben es Ausgrenzer schwer.

25. Oktober 03
Es geht wieder mal um GATS. (Bin ich die Einzige, die sich darüber Gedanken macht?)
GATS bedroht ja nicht nur die „herkömmlichen“ Dienstleistungsbetriebe, Wasser, Strom, Telefondienste – es bedroht auch massiv die Kultur unsere jeweiligen Länder.
Denn auch Kunst und Kultur dürften laut GATS nicht subventioniert werden.
"Juhuu!"
Rufen jetzt alle, "Diese übersubventionierten Theater, das nervt ja sowieso, diese sogeannte „Hochkultur“, die eh niemanden interessiert."

Aber leider.
Um die geht es noch am Wenigsten, denn die finden schon ihre Sponsoren aus der Wirtschaft. Macht ja was her, wenn man so prominent in Bayreuth beworben wird.

Aber Kultur ist eben nicht nur brav inszenierte Oper und Konzerte - ganz im Gegenteil. Kultur ist auch: Wie spricht man miteinander, was sind "Manieren", wofür hat man Schamgefühl (ist ja auch ganz unterschiedlich in den verschiedenen Ländern), was isst man, wie grüsst man sich, wie kleidet man sich, wie hält man's mit der Pünktlichkeit, was liest man, worüber lacht man, kurz: Wie sieht man die Welt, und was sind die in einer Gesellschaft "allgemeinen" Interessen, Diskussionen, was ist die Lebensart.

Kultur ist nebenbei auch: Das Fernsehen.
Das Fernsehen ist inzwischen Kulturvermittler Nummer 1.
Und wie sieht die Kultur, die uns das Fernsehen (jetzt schon!) vermittelt, aus?
Amerikanische Serien.
Also amerikanische handshakes, amerikanische Prüderie, amerikanische Witze.
Nichts gegen sie. Aber bitte nicht in diesem Übermass, dass sich die Deutschen garnicht mehr der Unterschiede bewusst sind. Oder die Griechen, oder die Italiener.

Wenn wir uns die „Urmutter“ des Fernsehens, das Kino, ansehen, haben wir ein wunderschönes Beispiel: Vor einigen Jahren kam in Deutschland der Film: „Der bewegte Mann“ heraus – und war ein Überraschungserfolg. Eine – an Time Warner/Sony gemessen - kleine Firma hatte diesen Film ermöglicht. Und weil der Film so ein Erfolg war, kamen dann auch Filme wie „Lola rennt“ oder „Good bye Lenin“ und viele andere . Mit wenig Geld, und keine jahrelang nachwirkenden Meisterwerke, aber solide, innovative – und vor allem: sehr in der deutschen Kultur verhaftete Filme. Die auch ein Publikum fanden. Und die die Alltagskultur beeinflussten.

Die Franzosen haben schon lange eine starke eigene Filmindustrie, die eine ganzen Reihe von Künstlern dadurch erhält. (Künstler, die dann, weil sie eine Einkommensbasis haben, auch andere, sperrigere Dinge machen können.)

Diese Filme werden subventioniert. Zumindest die ersten Filme, bis die jeweilige Filmfirma sich eine relativ solide Basis schaffen kann, oder bis der jeweilige Drehbuchautor oder Regisseur sich einen Namen gemacht hat.

Auch das sind aber „Dienstleister“ – und damit wären sie von GATS eingeschlossenn. Man dürfte keine Subventionen mehr geben, oder doch enorm stark eingeschränkt.
Damit kommen nur die zum Zug, die schon Geld haben.
Also, die grossen Filmfirmen, die mit „Rambo“ und ähnlichem den globalen Markt anstreben.

Zurück zum Fernsehen. Die hiesigen Fernsehbosse haben im Allgemeinen nicht den Mut, innovatives auf den Spielplan zu setzen, und wenn, dann spät in der Nacht, wenn es eh keiner sieht.
Sie machen es sich leicht, haben wohl auch starkem Druck von grossen Firmen standzuhalten.
Manche Programme indes werden subventioniert, und können es sich (noch) leisten, auch Schwierigeres in’s Programm zu hieven.
Die Privaten Sender bezahlen höchstens „Den Fernsehdoktor“, "Autobahn Cobra" und so – Serien, die rein von amerikanischen Inhalten abgekupfert werden, und auch ebenso prüde, gewaltbetont und dennoch moralisch „heilig“ sind - und genau betrachtet nicht der europäischen Kultur entsprechen.

Leider ist GATS ja auch nicht auf rein europäische Inhalte und Dienstleister angelegt. Es betrifft letztlich die ganze industrialisierte Welt.
Es wäre ja schön, könnte Europa sich zumindest darauf einigen, europäische Kultur zu erhalten, wenn schon keine Eigenstaatliche.
Aber Europa hat noch nicht begriffen, wie sehr es bereits – auch in den einzelnen Ländern – der amerikanischen Einheitskultur unterlegen ist. Es wird immer noch um „Eigenstaatlichkeit“ gestritten, und die „kulturelle Hegemonie“ beschworen – wo es längst klar ist, dass die einzige Chance Europas ist, sich dem Druck der Transnationalen Konzerne – und damit Amerikas – mit einer Stimme zu widersetzen. Stattdessen wird oberflächlich zwischen den einzelnen kleinen Ländern herumdiskutiert, und die USA setzen derweil GATS durch, und lachen sich in’s Fäustchen.

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Und nochmal zum Thema „Kultur“. Die sogenannte Hochkultur, so heisst es, wird allgemein immer mehr zum Elfenbeinturm, aber die „normalen Menschen“ bleiben bei Pop und Kino.
Jetzt will ich der Einfachheit halber in diese „Hochkultur“ nicht nur Oper und klassische Konzerte rechnen, sondern auch moderne E-Musik, moderne Maler (sogar Nitsch gilt immer noch als einer, eigentlich lächerlich) und vor allem: Theater.
Man hört – in Deutschland mehr als in Österreich, aber auch hierzulande: Wieso sollen wir die Theater so stark subventionieren? Oder die Zwerg-Verlage, die unverständliche Bücher herausbringen.

Ich bin der festen Überzeugung: Nur weil wir es (vielleicht: noch) nicht verstehen, heisst noch lange nicht, dass es keinen Sinn macht, zu unterstützen. Auch Musik von zB Shakira wäre ohne die Vorreiter, die niemand damals verstand, heute nicht da. Es sind genau die Künstler, die wir eben nicht verstehen, die wir ablehnen.
Wobei ich jetzt nicht andeuten will, die Welt wäre ohne Shakira leerer – aber nur zum Beispiel.

Es sind die Avantgardisten, die für uns und unsere Kultur längerfristig wirklich wichtig sind, denn Kultur bedeutet auch: wer sprengt welche Grenzen und wie. Weil das heisst: Wie läuft die Entwicklung und wohin.

Ja. Opern und überhaupt die „brave Kultur" findet sicherlich weiter Sponsoren in der Wirtschaft.
Aber was ist mit der Subkultur? Was ist mit der jungen Kultur? Der neuen Musik? Wir verMusikantenstadln total - und zwar auch in Deutschland. Jeder stellt sich lustige amerikanische Comixfigürchen in sein Heim und lässt ansonsten den lieben G*tt oder wen auch immer schalten und walten. (Kurzfristig auftauchende Aussenseiter, die verblüffender Weise doch ein grösseres Publikum ansprechen können, werden schnell mit viel Geld mundtot gemacht - zur Massenware erklärt, überlegt sich keiner mehr genau, was sie eigentlich mal gesagt haben - siehe zB Eminem)

Die Avantgarde war bisher immer der Teil der Kultur, der unsere Zukunft vorweggenommen hat; die Gegenwart ist so, wie es die Avantgarde vorausgesehen hat. In Film, Theater, Musik, Architektur und Wort.


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Die „Unkultur“ oder: Das Handwerk stirbt aus.

Ich habe voreiniger Zeit – weiter unten auf der Seite – eine wütende Antwort auf einen Artikel von Georg Kreisler geschrieben. In seinem Artikel hat er "das Böse" für die immer stärker werdende Unkultur verantwortlich gemacht. Ich war der festen Überzeugung: Er übertreibt.
Die Möglichkeiten, sich der verdummenden Massenwaren zu verweigern, sind gegeben - man muss es nur TUN.

Aber trotzdem bin ich seitdem irgendwie aufmerksamer geworden, und auch selbst immer pessimistischer.
Wenn man nichts mehr zu sehen bekommt, das zumindest handwerkliche Qualität aufweist, ganz zu schweigen von inhaltlicher - woran soll man sich orientieren, als Konsument?

Ich sehe, dass (in sogenannten Intellektuellen Kreisen) "Künstler" gelobt werden, für eine gute Idee, und zwar trotz mangelhafter Umsetzung.
Die Umsetzung krankt, weil eben einfach das Handwerk nicht stimmt, die Grundierung.
Das ärgert mich sehr.
Aber das Handwerk ist bei "Inhalten" nicht mehr so gefragt. - Ebenso wie jeder Gouverneur werden kann, der sich in den Medien gut darstellt, kann auch jeder "Künstler" werden, der eine (!) gute Idee hat.
Handwerk gehört nicht mehr zum Deal - das ist nur noch in der Wirtschaft nötig.

Ich habe zunehmend den Eindruck, dass die Hauptursache dafür, dass das Handwerk als Grundlage für Inhalte uninteressant geworden ist, die ist, dass das Publikum ja keine Möglichkeit hat , es einzufordern.
Weil "das Publikum" nicht mehr so richtig weiss, was Handwerk ist, in der Kunst. Weil man einfach nciht mehr sehen kann, was gutes Handwerk ist - ausser bei den Dingen, wo die Inhalte uninteressant sind.
Als ob Handwerk und Inhalt gleichzeitig nicht existieren könnten.

Die Menschen bekommen zudem auch garnicht das Instrumentarium in die Hand , um entscheiden zu können, ob etwas Sinn macht, ob es gedanklich weiterführend ist oder nicht - weil sie nirgends vergleichen oder gar lernen können, ob das, was sie vorgesetzt bekommen, auch fundiert ist.

Es splittet sich in zwei Teile, das gesamte kulturelle und auch künstlerische Leben: Der Teil, der gutes Handwerk ist - und nicht mehr, (also zB Action-filme, amerikanische Sitcoms, Musicals oder gewisse Modern Dance-Abende) - und der als "Kunst" und "Kultur" gelobt wird, nur weil er handwerklich perfekt ist und der Teil, der gute Ideen hat, die zum Nachdenken anregen, die andere Sichtweisen aufzeigen - die aber handwerklich unter aller Sau sind. (Schlingensief, Underground Künstler-Gruppen wie zB Gelatine, off-off-Theater)
Dann gibt's noch Zwitterwesen, die sich den oben genannten zwei Möglichkeiten entziehen. Das sind jene, bei denen sowohl Handwerk als auch Inhalt einfach sauschlecht sind – die deutschen Comedy-Formate sind dafür das beste Beispiel;
und jene bei denen sowohl Handwerk als auch "Message" (um es mal so banal auszudrücken) so halbherzig "okay" sind. "Wir sind Helden“ könnte man unter diesen einreihen: ganz gute Ideen, immer wieder mal dazwischen haben sie es sich "leicht gemacht", und musikalisch sind sie "jo, eh okay", keine Perfektion, aber eben zumindest auch nicht totaler Schrott (Aber wenn man so etwas dann sieht/hört, ist man direkt froh und wird Fan, denn die Ansprüche sinken ja).

Wenn dann zufällig einer kommt, der in Handwerk und Inhalt fundiert ist, gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Entweder, Kollegen und Produzenten halten ihn/sie so klein wie möglich, damit er/sie nicht beispielgebend werden kann - oder, er/sie wird sofort von der Industrie umarmt und auf diese Weise banalisiert.

Klar, das hat es immer schon gegeben.

Aber durch die Massivität, die es jetzt in der globalisierten Entwicklung bekommt, (und durch das drohende GATS auch, nb) gibt es immer weniger Raum für Nischen, wo sich etwas Eigenständiges entwickeln kann, wo man die Möglichkeit bekommt, auch als Publikum zu "lernen" wie man beurteilt.

Man wird durch die ausschliessliche Einwirkung der Massenmedien und der Industrie zunehmend kritikunfähig gemacht - und das ist die Entwicklung, die ich sehe und vor der ich mich fürchte.

Solange der Staat die Möglichkeit hat – und sie im Übringen endlich nützen würde- da in kleinem Rahmen gegenzusteuern,( zB bei Verlagen oder Theatern unterstützend zu wirken) hat man zumindest einen Rettungsanker. (Genau das kann allerdings durch GATS der Staat dann nicht mehr tun.)

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Ich habe vor einiger Zeit bei einer Gala für den Österreichischen Nationalratspräsidenten Heinz Fischer eine fulminante Rede seines deutschen „Gegenstücks“ Wolfgang Thierse hören dürfen, der auf’s Dringlichste gegen diese allgemeine Hysterie, alles müsse privatisiert werden, sprach.
Ich war ihm sehr dankbar.
Denn die dem Privatisierungswahn Verfallenen haben leider übersehen, dass sich die Rahmenbedingungen stark geändert haben.
Bisher konnte man noch sagen, die kleine bis mittelgrosse Wirtschaft kann diese Rolle ruhig vom Staat übernehmen - denn die sind die Einzigen, die letztlich an einem "mündigen" Bürger interessiert sind. Denn nur ein mündiger Bürger wählt aus. Dadurch würden sich Werbewirtschaft, Fernsehen, ja jede Form von Medium vielleicht doch etwas mehr um Niveau bemühen müssen, letztlich vielleicht sogar die Politik.
Ein frommer Wunsch.
Denn durch massives Einwirken der Transnationalen Konzerne (TNCs) – die ja auch GATS betreiben - verschwinden die kleinen Wirtschaftstreibenden immer mehr, und die Weltkonzerne werden so vielschichtig in ihren Einflussbereichen, dass niemand mehr weiss, von welcher Firma er was kauft.
Und grosse TNCs sind natürlich – auch um diese Entwicklung voranzutreiben, bzw beizubehalten - nicht an mündigen Bürgern interessiert, sondern an braven Konsumenten.

Das ist die Entwicklung, die der Privatisierungswahn letztlich bringen wird. Jeder wird zunehmend machtlos – nur die grossen Konzerne bestimmen das Weltgeschehen. Vielleicht ist das langfristig gesehen sogar ein Weg zum Weltfrieden, denn wenn alles einem Konzern gehört, mit wem soll der streiten?
Aber bis es dahin kommt, haben wir alle – wenn wir es überlebt haben – unsere Eigenständigkeit und damit unsere Kultur und Identität verloren.

Gerade fällt mir ein, dass Erich Kästner genau dieses Bild vorweggenommen hat: In seinem Kinderbuch „der 35. Mai“ kommt eine Maschine vor, in die auf der einen Seite lebende Kühe hineinlaufen, und auf der anderen Seite kommen fertige Taschen, Schuhe, Steaks etc heraus. Aber diese Maschine läuft immer schneller, und frisst immer mehr und braucht immer mehr...bis sie sich am Ende selbst auffrisst.....

31. Juli 03
Diese Diskussion in Deutschland und England wegen des Irak-Krieges steckt fest. Es kommen immer die gleichen Argumente:
Wo sind die Massenvernichtungswaffen? Warum geht er nicht auf andere menschenverachtende Diktaturen los - wenn das doch der Grund für den Einmarsch im Irak war? Bush ist nicht rechtmässig gewählt. Im eigenen Land hat er ebenso diktatorische Züge. Und und Und.

Wahrheit kontra Realität:
Nur, weil das aus humanitärer Sicht irgendwie alles stimmt, heisst es noch nicht, dass es nicht andere Arten gibt, es zu betrachten .
Nicht erwähnt werden:
a.) die strategischen Gründe des Einmarschs und vor allem:
b.) dass dadurch, dass es nicht mehr zwei gleich starke Machtblöcke gibt, der Imperialismus international wieder schrankenlos ausgebrochen ist, und Amerika sich schlicht und ergreifend rechtzeitig - im Gegensatz zu Europa - dessen bewusst wird und danach handelt.
Es ist keine Frage von Bush. Der ist nur ein williger Erfüllungsgehilfe .
Die normative Macht des Faktischen:
Man mag den Einmarsch in den Irak (und Bushs innenpolitisches Gebaren) moralisch verwerflich finden - es ist eine weltpolitisch durchaus zielführende Politik.
Wann in der Geschichte der Menschheit haben denn einzelne Menschenleben eine Rolle gespielt?
Wer glaubt noch daran, dass man sein persönliches Wohlergehen als Staatsmacht mit humanistischen Gedanken sichert ?

Solche Kriege (eigentlich: ALLE Kriege) werden nicht aus den Motiven "richtig oder falsch" geführt, sondern nur wegen "zielführend für mich oder nicht". Das ist eine Tatsache - auch wenn es eine grausliche Tatsache ist.
Gegen Tatsachen zu polemisieren - und damit die Realität zu verweigern- heisst aber im Umkehrschluss, dass man sich bewusst in eine Situation begibt, wo man der Schwächere gegenüber genau diesen Tendenzen ist.

Mit einem Wort - egal, wie man es findet, als Staat MUSS man mitspielen, um nicht von vornherein der Looser zu sein. Für uns in Europa ist das vermutlich eh schon zu spät - daher wird auch von Regierungen und Medien zumindest das moralische Lamentieren gefördert - damit man sich innenpolitisch wenigstens noch a bissel halten kann. (Wer glaubt ernsthaft, die Franzosen waren gegen den Krieg aus humanitären Überlegungen? Oder Deutschland? Die hatten hochkarätige Verträge mit den Irakischen Ölfirmen und Angst, dass diese Verträge nach einem Einmarsch verfallen. Das ist alles. Und Spanien und England hatten keine Verträge dort, und erhoffen sich natürlich jetzt welche )
Wir sind zu spät um noch mitzumischen, also schimpfen wir moralisch.
Saure Trauben, das ist alles.
Es hat nichts damit zu tun, dass ich das vielleicht richtig oder auch nur annehmbar fände - ich hoffe, das konnte ich schon lange deutlich machen. Aber es ist eine Tatsache, da kann man seiern soviel man will.
Wir machen letztlich genau das Gleiche wie die Rechten mit den Einwanderern: Sie übersehen bzw ignorieren, dass Migration eine bereits längst laufende Tatsache ist - sie versuchen noch immer, sie zu stoppen, anstatt damit umzugehen, dass sie IST.
Und wir übersehen das faktische Moment im menschenverachtenden Imperialismus und versuchen, ihn durch Diskussionen wegzubringen, anstatt uns wirtschaftliche und politische Strategien zu überlegen, um nicht untergebuttert zu werden. Europa ist doof, langsam und Realitätsverweigernd.

13.Juli 03

Ich kann's nicht lassen: Vor kurzem erschien ein Artikel in der österreichischen (Qualitäts)Zeitung "Der Standard", der mich empört und verletzt hat. (Wobei ich finde, dass es gut ist, eine Diskussion anzuzetteln!)
Der Autor ist Zeithistoriker an der Uni Graz (am "Zentrum für jüdische Studien" - auch so eine sonderbare Erfindung).
Trotzdem ist der Artikel meiner Meinung nach latent antisemitisch. ( Manche Leute sind so bemüht, nicht gegen Juden zu sein - dass sie antisemitisch sind)
Dazu muss man wissen, dass die österreichische Israelitische Kultusgemeinde pleite ist - unter anderem deshalb, weil sie praktisch nichts restituiert bekam, weil sie sich ihren Schutz (!) und die Renovierung der (zT historischen) Synagogen selbst bezahlen muss. Unser "Herr" Bundeskanzler würde ihnen einen Teil des benötigten Geldes leihen (!) - aber Zuschüsse verweigert er standhaft. Darüber ist eine matte Diskussion ausgebrochen - matt deshalb, weil sich hier zu wenig Leute aufregen, über das, was passiert - überhaupt, wenn es den Juden passiert. Trotz dieser nur für Österreich relevanten Ausgangsposition greift dieser Artikel jedoch in eine Diskussion ein, die meines Erachtens auch für den gesamten deutschsprachigen Raum wesentlich ist.
Jedenfalls ist nachstehend der Artikel zu lesen, und darauf folgend mein Leserbrief an den "Standard":

Was wäre Wien ohne jüdische Kultur?", fragten österreichische Intellektuelle unlängst an dieser Stelle in einer Unterstützungserklärung für die Israelitische Kultusgemeinde. Ähnlich auch der Tenor eines Kommentars der Schriftstellerin Gabriele Braunsberg, die ihrem Appell u. a. mit einem Verweis auf Hugo Bettauers Roman "Die Stadt ohne Juden" Nachdruck verlieh.
Bettauers Buch wie auch andere Publikationen, die in den 1920er-Jahren über die kulturellen Leistungen von Juden in Österreich und Deutschland erschienen, stellten eine Reaktion auf die antisemitisch motivierte Ausgrenzung der Juden dar und sollten die Unverzichtbarkeit der Juden für ein reges kulturelles und geistiges Leben herausstreichen. All diesen Arbeiten lag die Annahme zugrunde, dass Juden zur Kultur der Mehrheitsgesellschaft beitragen, sie dadurch bereichern und in ihrer Bedeutung steigern.
Die Vorstellung eines jüdischen Beitrages hat sich bis heute erhalten; sie findet sich exemplarisch in vielen Studien zur Kultur des Wiener Fin de Siècle - und nun auch als Begründung für eine Subventionserhöhung der IKG. Der Begriff des jüdischen Beitrages leidet jedoch an einer gewaltigen Unschärfe, die seinen Gebrauch eigentlich verleiden müsste.
Dies zeigt sich bereits, wenn man ergründen möchte, was und wie viel an einzelnen Künstlern jüdisch ist, ob sie als Juden oder vornehmlich als Intellektuelle, Kulturschaffende, tätig sind, was es mit dem Begriff des "getauften Juden" auf sich hat und worin das trotz Konversion nicht abzulegende Jüdische in den einzelnen kulturellen Leistungsträgern besteht etc.
Verzerrte Realität
Das Konzept eines jüdischen Beitrages (zur österreichischen Kultur) muss aber auch aus anderen Überlegungen hinterfragt werden. Es impliziert nämlich die Vorstellung, dass Juden eine eigenständige gesellschaftliche Gruppe mit spezifischer Kultur bilden, aus der heraus Leistungen entstehen, die gleichsam wie Mosaiksteine in das Bild einer österreichischen Kultur eingefügt werden können. Die Vorstellung einer gesellschaftlichen Sonderrolle traf historisch aufgrund verschiedenster Beschränkungen und Zwänge, denen Juden ausgesetzt waren, in bestimmtem Maße zu; gleichzeitig war aber die Interaktion zwischen Juden und Nichtjuden durch eine Vielzahl von Berührungspunkten viel enger als gemeinhin angenommen. Juden und Nichtjuden existierten nicht nebeneinander, eher miteinander - mehr noch: Sie wirkten konstitutiv aufeinander.
Vor diesem Hintergrund kann es auf die eingangs aufgeworfene Frage, was Wien ohne jüdische Kultur sei, im Grunde nur eine Antwort geben, will man nicht ins Spekulative abgleiten: anders.
Es gibt genügend historische Gründe für eine Erhöhung der öffentlichen Subventionen an die IKG, und auch gegenwärtige, wie den Antisemitismus, der zu kostenintensiven Schutzmaßnahmen jüdischer Einrichtungen zwingt. Der Hinweis auf die Bedeutung des Beitrags der jüdischen Kultur für Wien ist aber ein unbefriedigendes Argument, weil er die Realität verzerrt und implizit sogar einer Stereotypisierung den Weg bereiten könnte.

Klaus Hödl *Der Autor ist Zeithistoriker
am Zentrum für Jüdische Stu-
dien an der Universität Graz.
Erschienen in der Zeitung "Der Standard"
in der Printausgabe 12/13.Juli 03

Und hier mein Leserbrief in der ungekürzten Version:

Selbstverständlich hat es einen unübersehbaren jüdischen Beitrag zu Kunst und Kultur und vor allem zur kulturellen Lebendigkeit gegeben: das tiefe und als Teil des eigenen Selbstverständnisses jedem (auch aus ärmeren Schichten) Kind anerzogene INTERESSE an geistiger und kreativer Tätigkeit, das sich unter anderem auch in reger Sponsorentätigkeit messen lässt.
(Lassen wir mal die hohe Anzahl an jüdischen KulturSCHAFFENDEN beiseite.)
Da die Bildungsinstitutionen in der Hand der Politik verständlicherweise kein Interesse an interessierten, aufgeklärten Bürgern hatten (und haben!), ist nicht zuletzt den jüdischen Bevölkerungsschichten massgeblicher Anteil an der Entstehung von jenen künstlerischen Errungenschaften zuzurechnen, mit denen sich die Republik bis heute brüstet.
Konsequenterweise ist ein vergleichbar niveauvolles Kulturleben nach dem zweiten Weltkrieg im deutschprachigen Gebiet nie mehr erblüht.

Abgesehen davon, dass das LEUGNEN von eigenständigen, dem jüdischen innewohnenden Mentalitätsunterschieden ebenso rassistisch ist wie deren Herabwürdigung, beinhaltet die Aussage des Autors noch eine weitere Niedertracht: Man soll die Juden zwar fördern, aber bitte nur mitdem Argument von vergangen Untaten, und im Hinblick auf negative Begleiterscheinungen wie heutigen Antisemitismus.
Dass auch heute und auch für die Zukunft wertvolle Beiträge von jüdischen Bürgern in Österreich zu erwarten sein könnten - davon möchte der Autor lieber nichts hören.
Judentum in Österreich scheint auf vielen Seiten doch nur ein Anbeten der Asche hervorzurufen - wenn es darum geht, eine lebende Flamme zu entfachen, ziehen alle den Schwanz ein.

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03.Juli 03

Und immer noch (siehe weiter unten auf der Seite) : um GATS kümmert sich niemand? DAS macht mir echt Angst.

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Friedmann "Diskussion": Ich möchte hier eine Stellungnahme der Österreichischen Jüdischen Gemeinde wiedergeben, der ich mich vollinhaltlich anschliesse. (Nachtrag nach dem "Ende der Affaire" - an meiner Meinung hat sich nichts geändert - ich finde nach wie vor, dass untenstehende Erklärung gilt.)

Der Vorstand der IKG-Wien hat sich aus gegebenem
Anlass bei seiner Plenarsitzung vom 24.6.03 mit der sog. "Affäre Friedman" befasst und folgende Stellungnahme beschlossen:

1.Die IKG kommentiert die gegen Michel Friedman gerichteten
Anschuldigungen nicht, zumal das Untersuchungsverfahren noch nicht abgeschlossen ist, der Beschuldigte sich noch nicht geäußert hat und alles, was im Raum steht, zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei Beweis-, sondern höchstens Gerüchtewert hat.

2.Allerdings sind einige Umstände zu augenfällig, um unerwähnt zu
bleiben:

- Die Kontroverse Möllemann-Friedmann wurde medial behandelt, als wären nur diese zwei Personen die Kontrahenten. Völlig unkommentiert blieb die Tatsache, daß eine große Geldsumme arabisch-islamistischer und außereuropäischer Provenienz nach Deutschland geflossen ist, mit dem offensichtlichen Ziel, den lokalen Antisemitismus zu schüren und die Bürgerrechte der deutschen Juden nachhaltig zu schädigen.

Dass die deutsche Bevölkerung nicht in diese Falle gegangen ist, gereicht ihr zur Ehre. Der maßgebliche Beitrag, den Michel Friedman bei der Abwehr dieses Angriffs geleistet hat, war beachtlich und hat ihn umso
mehr zu einem Symbol und zu einem vorrangigen Angriffsziel von Rassisten inner- und außerhalb Deutschlands gemacht.

- Vor diesem Hintergrund lässt der Zeitpunkt, der sogenannten "Affäre Friedman" einen Zusammenhang zur vorherigen Möllemann-Kontroverse, aber auch zu dessen Unterstützern vermuten.

Auffällig ist weiters die Eile der zuständigen Behörden, die Bürgerrechte des Verdächtigten zu verletzen und die sogenannte "Affäre" zu einem Zeitpunkt in die Öffentlichkeit hinauszuposaunen, als höchstens eine Verdachts-, mit Sicherheit aber keine Beweislage
bestanden hat.

Die nicht unwichtige Frage "Cui bono?" (Wem nützt es?)
ist bis heute nicht gestellt worden.

3.Aus den angeführten und aus mitmenschlichen Gründen erklärt die IKG Michel Friedmann ihr Mitgefühl und drückt ihm für seine jahrzehntelangen Leistungen um die Demokratie, um das europäische und nicht zuletzt um das österreichische Judentum ihren tiefempfundenen Dank aus und wird ihm ihre brüderliche Solidarität nicht versagen.

Dr. Ariel Muzicant
Präsident
Israelitische Kultusgemeinde Wien

Wien, am 25.6.2003

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1. Juli 03
Wieder einmal: ein Artikel von Georg Kreisler, erschienen in der Zeitschrift "Campo de Criptana" und bei "Hagalil"
- und meine persönlichen Gedanken dazu.

Er ist ja nun mal mein Vater, auch wenn er das scheint's nicht wahrhaben will. Und so mache ich mir halt auch meine Gedanken....

Vorläufig die Amerikaner

Von Georg Kreisler

Der österreichische Moderator der Sendung "Kulturzeit" in 3SAT, Herr Grandits, sagte gestern sinngemäß: Da die Amerikaner im Irak das Recht mit Füßen treten, machen es ihnen andere Völker nach. In Thailand erschießt jetzt die Polizei die Drogenhändler, ohne sich die Mühe zu machen, sie zu verhaften, eine klare Rechtsverletzung, und daran ist Amerika schuld – noch nicht die Juden, nein, vorläufig nur die Amerikaner, sagt er.

In den 20er Jahren schrieb Friedrich Holländer einen Text zur Melodie der Habanera aus der Oper Carmen:

An allem sind die Juden schuld,
die Juden sind an allem schuld,
allem schuld.
Warum sind denn die Juden schuld?
Kind, das verstehst du nicht,
sie sind dran schuld.

Die Hetze gegen Amerika war in der Sendung, die behauptet, etwas mit Kultur zu tun zu haben, in den letzten Wochen gnadenlos. Die abstrusesten Themen, wie oben, kamen da zur Sprache, nur um Amerika eins auszuwischen. Vielleicht sollte man allerdings Herrn Grandits zugute halten, dass er zumindest so aussieht, als merkte er das nicht. Die Augen starr auf den Teleprompter gerichtet, leiert er seine Ansagen herunter, verspricht sich, zögert vor Worten mit mehr als drei Silben und betont immer wieder das Falsche. Nun gut, sagt man sich, er und diese Sendung sind halt ein weiteres Indiz der Unkultur, die sich in Europa ausbreitet, des Dilettantismus und somit des Kampfes gegen Kunst und Kultur.

Im Fernsehen ist es die "Quote", die gegen die Kunst kämpft, im Theater die traditionsverachtenden Regisseure mit ihren ahnungslosen, sich wichtig machenden Zeitungskritikern, in der Literatur die profitverhafteten Verlage mit ihren immer ungebildeter werdenden Lektoren, die um ihre Posten bangen und vermeinen, sich den kulturlosen Zeitläufen anpassen zu müssen, in der bildenden Kunst sind es die Leute, die neue Ideen schon für Kunst halten, in der Musik die Experimentierer und so weiter. Aber wenn man genau hinschaut, ist es mehr als das: es ist das Böse, das gegen Kunst und Kultur kämpft und zumindest kurzfristig auch triumphiert. Und jetzt ist dieses Böse eben wieder auf den Antisemitismus gestoßen, im Westen nichts Neues.

Natürlich hat das auch mit Quote zu tun. Endlich kann man laut sagen, was man bisher nur heimlich dachte.

Man kann sogar Massendemonstrationen veranstalten, und die Leute wissen schon, wer gemeint ist, nämlich vorläufig die Amerikaner. Laut einer Umfrage in Frankreich, denkt jeder dritte Franzose, dass es besser gewesen wäre, wenn die Iraker gesiegt hätten. Und ein Schweizer Künstler sagte dieser Tage zu mir: "Georg, du bist mein Freund, aber Sharon ist ein Kriegsverbrecher."

Es gibt also wieder "auch anständige Juden", und einer von denen bin diesmal ich.

Fast alle meine Freunde hier in der Schweiz und anderswo sind Christen, und sie wünschen mit bestimmt nichts Böses. Ich bin überzeugt, dass sie mich in künstlerischer Hinsicht wie auch charakterlich schätzen, ja sogar lieben. Sie zeigen mir immer wieder, dass sie es gut mit mir meinen, sie sind hilfreich und ehrlich, obwohl sie wissen, dass ich Jude bin. Sie sind nicht die einzigen, ich treffe auch fremde Leute, die nichts von mir wissen, außer, dass ich Jude bin.

Sie kennen weder meine Lebensgeschichte, noch meine Ansichten, sie wissen nicht, ob ich verheiratet, homosexuell oder Erotomane bin, aber sie wissen, dass ich Jude bin. Sie haben manchmal noch nie einen Juden zu Gesicht bekommen, aber sie wissen, dass ich einer bin. Sie lehnen jeglichen Antisemitismus ab, aber sie wissen, dass ich Jude bin.

So viele Parallelen zur Hitlerzeit fallen einem alten Menschen wie mir ein, so viel hat man schon damals im "Stürmer" und im "Völkischen Beobachter" gelesen. Der Urfeind ist wieder da, egal ob er da ist oder nicht. Der Stumpfsinn mündet wieder in die Barbarei, der Abstand zwischen Kapitalismus und Kannibalismus wird von Tag zu Tag kürzer.

Während der Hitlerzeit war ich in Amerika. Ich fühlte mich wohl dort, wenn auch ein wenig fremd. Nach dem Krieg kam ich zurück nach Europa, aber ein Zuhause-Gefühl wollte sich auch da nicht einstellen. In den letzten Wochen hat sich das jedoch geändert. Ich werde wieder verfolgt, denke wieder an Flucht, habe wieder Angst, kurz, ich fühle mich wieder zuhause.

Georg Kreisler, 1922 in Wien geboren, 1938 in die USA emigriert; Kabarettist, Schriftsteller, Schauspieler und mehr. 1942 erhielt Kreisler die amerikanische Staatsbürgerschaft und lebt seit einigen Jahren in der Schweiz.
Erschienen in: Campo de Criptana, 2/2003

hagalil.com 19-06-03

Wie gesagt - ich kann nicht anders: Ich muss meinen Senf dazu geben - also hier ist er:

Georg Kreisler ist wieder einmal erbost. In obigem Artikel, der so abstrus ist, dass ich lange überlegen musste, ob dazu überhaupt etwas zu sagen ist, stellt er wieder einmal „Amerikahetze“ fest, und nicht nur das: er sieht dies als Indiz für eine schon in den Startlöchern lauernde Judenhetze.
Der missing Link zwischen diesen beiden Themen, (das Unbehagen angesichts der Tätigkeit der Regierung Bush und den Antisemitismus) ist interessanter Weise ein Moderator der Sendung „Kulturzeit“.
Und, dialektisch nicht zimperlich, vermischt er das Ganze in der Folge ansatzlos mit massivem Kulturpessimismus.
Wie
gesagt, ich habe überlegt, ob man dazu überhaupt etwas sagen soll – und wenn ja, ob nicht beissender Spott die einzige Antwort sei.
Aber dieser Artikel, so verwegen seine Form auch sei, greift dennoch Themen auf, die Georg Kreisler ganz offensichtlich wichtig sind. Der Artikel scheint zwar in kürzester Zeit und ohne neuerliche Überprüfung heruntergeklopft, das bestätigt aber nur, dass ihm die Aussage, die er tätigt, offensichtlich nah und wichtig ist.
Deshalb möchte auch
ich ernsthaft darauf eingehen.

Es gibt verschiedene Formen von „Antiamerikanismus“. Die weitaus häufigste will die Amerikaner vor einer menschenverachtenden Regierung schützen – sie aufrütteln. Natürlich ist da auch ein gewisser Selbstschutz, da unbestreitbar die Amerikaner ( = die Mächtigen des Landes; Konzerne, Regierung) auch Europa ziemlich umfassend im Griff haben.
Wie auch immer: Das hat absolut nichts mit Otto Normalamerikaner zu tun.
Aber selbstverständlich gibt es hüben wie drüben Idioten, die über’s Ziel schiessen.
Immerhin, die „American Pizza“ bei der Firma Wagner ist noch nicht zur „Freedom Pizza“ verkommen, wie dies ja angeblich den „French Fries“ passiert ist. Und wir regen uns auch nicht darüber auf, dass „die drüben“ gentechnisch manipulierte Nahrungsmittel als risikoloses Zukunftsgeschäft bedenklos anbauen....
Auch dass Kyoto wegen der amerikanischen Politik ein Papiertiger bleibt, ist für „den gemeinen Amerikaner“ folgenlos.
Dem mit massiven Druck an Europa herangetragenen „Wirtschaftsliberalismus“ begegnen die Machthabenden hierzulande eher mit vorauseilendem Gehorsam – obgleich man am Beispiel Argentinien hervorragend studieren kann, wohin das führt.
Und last not least ist unsere einzige Sorge angesichts der in den Staaten momentan herrschenden Medien- und Meinungszensur, dass dieses Beispiel hierzulande auch Schule machen könnte.

Kurz: Ich sehe eigentlich - vor allem in den herrschenden Schichten – fast ZU WENIG Antiamerikanismus, zumal dieser wie gesagt John Doe sowieso nicht wirklich betrifft. (Laut neuesten Umfragen sind übrigens inzwischen nahezu 40% der Amerikaner selbst auch eher skeptisch, was ihre Regierung betrifft. - Alles Antiamerikaner?)
Jedenfalls: Den wenigsten Europäern ist es um ein Desavouieren des Landes und aller seiner Bewohner zu tun.
Eher geht es darum, die Regierenden eines starken Landes ein bisschen in seine Schranken zu weisen.
Leicht ist das nicht:
Wenn ein Land und seine Bevölkerung ZU Antiamerikanisch wird, muss das Land damit rechnen, Bomben auf seinen Kopf zu bekommen.
Wenn ein Land und seine Bevölkerung ZU antisemitisch wird, müssen DIE JUDEN damit rechnen, Bomben auf den Kopf zu bekommen. Das ist der ganze Unterschied.

Und damit wären wir beim Antisemitismus – den es unzweifelhaft immer noch gibt.
Hat er es noch immer nicht kapiert? Es hat noch nie einen Grund gegeben, antisemitisch zu sein. Im Gegenteil, die Gegenden mit dem grössten Antisemitismus haben meist die wenigsten Juden.

Dennoch muss es möglich sein, jemanden, dessen Handlungen man nicht gut heisst, auch verbal angreifen zu können, ohne deshalb sofort des Antisemitismus geziehen zu werden. Es mag überzogen und diskussionswürdig sein, zu sagen: „Sharon ist ein Kriegsverbrecher“ – aber antisemitisch ist es erst, wenn man sagt: „Sharon ist ein jüdischer Kriegsverbrecher“. Natürlich ist oft genau das gemeint, natürlich wird dieser Zusammenhang "jaja, die Juden" immer wieder hergestellt. Aber oft auch nicht. Ich glaube, man muss differenzieren können - und wie gesagt: Kritik muss möglich sein.
Israel ist heute ein Land wie jedes andere, und muss sich den gleichen Massstäben stellen. Die Palästinenser übrigens auch – und ja, da wird vieles verzerrt oder unvollständig berichtet. Ähnlich wie zB in Tschetschenien wird oft nur sehr einseitig berichtet. (Wobei ich die Situation in Tschetschenien keinesfalls mit der in Israel vergleichen möchte!)
Aber ist es nicht sinnvoller, konkret zu reagieren, anstatt didaktische Worthülsen von sich zu geben? (Die übrigens nicht mehr Beweiskraft bekommen, nur weil die Sätze schön formuliert sind.)

Ich will jedoch diese Gleichstellung Antiamerikanismus=Antisemitismus einer Geisteshaltung zuordnen, die ich inzwischen bei vielen Emigranten erlebt habe. Sie wurden von Amerika aufgenommen, und das vergessen sie nie. Das kann ich verstehen – wenn ich es auch gerade bei einem bisher so weitsichtigen und fairen Denker wie Kreisler nicht erwartet hätte.

Doch leider ist das eben nicht der einzige - ja ich muss es so nennen – Unfug, der in diesem Artikel Platz gefunden hat.
Denn im Weiteren stellt Georg Kreisler fest, dass es „das Böse“ schlechthin sei, dass diese Welt beherrsche. Das haben wir alle schon öfter gehört. Das Ganze gipfelt für mich aber in der Feststellung, dass „in der Musik die Experimentierer“ ebenfalls zu diesem ominösen „Bösen“ gehören.
Und das ist ein neuer Gedanke.
Was, wenn man das Schönberg oder Miles Davies oder Elvis gesagt hätte?
Pardon – das HAT man gesagt.

Wenn Kreisler anfängt, eine alles überschattende Kulturverödung zu beklagen – wohl, weil er meint, Massen-„Kultur“ sei das Einzige, was passiert – hat man das Gefühl, die Worte eines kleinbürgerlichen Pensionisten zu lesen. Man möchte ihm zurufen: „Erinnere Dich an Deine Jugend! Was haben die „Alten“ da alles gestöhnt von Kulturverlust! Glaubst Du wirklich, heute ist es anders?“
Freilich, wer heute ohne Internet lebt, seine Kulturvermittlung nur noch aus dem Fernsehen bezieht, der kann es nicht besser wissen – denn das Fernsehen macht Quote, da hat er ja Recht.
Die zutiefst künstlerischen Leistungen zum Beispiel eines Eminem, eines Schlingensief, eines „Stiller Haas“, die interesanten Arbeiten von „LaLaLa Human Steps“ und wie sie noch alle heissen mögen – nicht zuletzt die hochinteressanten Arbeiten der unzählbaren jungen Künstlergruppen in den verschiedensten Sparten – die werden vom Fernsehen nicht vermittelt, mit denen muss man sich schon selbst auseinandersetzen, und ich gebe zu, das ist vielleicht am Anfang sperrig: Diese Art der Ironie muss man erst verstehen lernen.
Aber das ist ja das Wesen auch des künstlerischen Fortschritts: Dass er für die ältere Generation anfangs unverständlich ist – weil eben neu und anders. Ebenso wie es auch ein Merkmal von Kunst sein darf, nciht sofort als "Kunst" erkennbar zu sein, oder sich gegen leichtfertige Interpretation zu sperren - etc.

Es mag immerhin sein, dass Kreisler in der nicht gerade als Avantgardistisch verschrieenen Schweiz doch ein wenig mehr abgeschnitten ist, als er meint.
Aber auch hier: Ich hätte angenommen, dass gerade ein zur moralischen Instanz gereifter Autor wie er sich mehr Mühe zur Informationsbeschaffung macht.

Gerade Eminems Texte sind den Kreislerschen näher als er vielleicht möchte – Derartig bösartige, ironische Seitenhiebe auf die eigene Gesellschaft gibt es nicht so oft. Und schon garnicht so brilliant interpretiert und vorgetragen. (Die Musik ist hierbei auch nicht schlechter als die klassischen „Vamps“ bei , zum Beispiel, „Geben Sie acht“ oder der „Telefonbuchpolka“. Sie ist Mittel zum Zweck – und das ist in dieser Kunstform legitim. Und sie ist mit ausgesprochenem Kunstverstand produziert.)
Und dass es bei Schlingensief nicht das Event selbst ist, welches das Kunstobjekt darstellt, wird auch zu selten verstanden, leider. Diese Art der Kulturvermittlung und des Kultur-Verisses passiert erst in der Rezeption – und gerade das ist das Geniale daran.
HipHop steht in direkter Tradition von Kästner und Tucholsky.
Es gibt diverse Kunst in den neuen Medien, es gibt unglaublich interessante Kunst- und Kultur-Events auf den Strassen, in den Hinterhöfen – ja sogar am Land.
Massenkultur ist durch das Fernsehen lauter geworden: Man kann sie nicht mehr so leicht überhören. Aber das heisst noch lange nicht, dass sie heute mehr Übermacht hat, als sagen wir vor 30 Jahren. Und es heisst ebenfalls nicht, dass es nichts Spannendes, Zukunftsweisendes, Grenzüberschreitendes mehr gibt. Man muss nur hinschauen wollen.
Und ich habe den Verdacht, das will Kreisler nicht. Er will plakative Sätze wider den Antisemitismus zum Besten geben – anstatt zum Beispiel sein „Jude-Sein“, von dem alle ja so gut Bescheid wissen, dazu zu nützen, eine neue Sicht des Judentums gerade in dieser zwiespältigen Zeit zu zeigen.
Es gäbe so vieles zu sagen, das nicht einfach nur negativ und verängstigt alles ablehnt, was passiert. Es gälte, ein diffenzierteres Bild des Judentums in der Diaspora zu zeichnen. Es gälte, sich für eine stärkere Unterscheidung zwischen „den Juden“ und „Israel“ einzusetzen. Nur zum Beispiel.
Aber ich heule, glaube ich, den Mond an.
Denn es ist einfach und wirkungsvoll, wenn man negative Bilder zeichnet.
Ich schätze, ab einem gewissen Alter werden wir alle den einfachen Weg gehen wollen.


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29. Mai 03

Gedanken zum Theater, zur Zukunft und zur Intelligenz des Publikums.

Gestern war ich in Wien im Theater. Und zwar mit Freunden aus 3 Generationen. Unser Alter betrug zwischen 25 und 65 Jahren.
Und die verschiedenen Wahrnehmungs-Ebenen, das, was jede Generation sehen "wollte" und wie der Abend wahrgenommen wurde, was also ein Publikum "braucht" - das alles war daher enorm unterschiedlich.
Und hat mir klar aufgezeigt, was heutzutage die Schwierigkeit ist, wenn man das Theater einer schlüssigen aber dennoch heutig orientierten Ansiedlung unterziehen möchte.
Ein junges Publikum will sich nicht mehr - so wie zB ich, mit Anfang Vierzig - im Theater "berühren" lassen in dem Sinn, schon garnicht von Figuren, die eine gestrige Geschichte erzählen. Die Generation der zwischen 20 und 30-jährigen erwartet mehr den Event-Charakter. Wohl ist es wichtig und wird wahrgenommen, dass Figuren "menscheln", aber rein eine Geschichte zu erzählen wird häufig nicht als ausreichend empfunden - mit dem was sonst im Leben an Wahrnehmungsschienen geboten wird.
(Man denke daran, dass zB in Video-Clips ganz alltäglich das Bild eine Geschichte erzählt, die Texte eine völlig Andere, die Musik eine dritte - und wieder unterschiedliche - Wahrnehmungsschiene ist, und dann oft noch Schrift mit einer vierten Ebene dazu kommt, alle diese Ebenen haben manchmal nichts miteinander zu tun - und all das wird gleichzeitig wahrgenommen!)

Kammerspiele im klassischen Sinn sind daher im Theater vielleicht nur in Ausnahmefällen - wenn zum Beispiel der Inhalt enorm heutig ist, oder wenn es reiner Klamauk ist - zukunftsträchtig.

Das Theater kämpft mit Publikumsschwund bei gleichzeitigem Geldmangel, denn die Politik hat sich aus der Verantwortung entlassen. Also hofft das Theater, sich demgemäss neu orientieren zu können – siehe die aktuelle schwedische "Romeo und Julia" Inszenierung, die ganz offen versucht, den Event-Charakter mit dem Theater zu verbinden.
Diese Inszenierung, im Moment bei den Wiener Festwochen rappelvoll ausverkauft, ist nur symptomatisch für viele neue Produktionen weltweit, die sich bemühen, andere, zusätzliche Ebenen zu eröffnen: Mit gleichzeitig laufenden Videos, Lichtspielen, Tanz- oder Show-Einlagen, auch, indem man das Publikum auffordert wie im Mittelalter während eines laufenden Stückes zu kommen und zu gehen, wie es beliebt. Oder, indem man das Publikum in irgendeiner Weise "teilnehmen" lässt, Schlagwort Interaktivität - etwas, dass dem Film verwehrt bleibt.

Aber einfach "eine Geschichte gut und wahrhaftig zu erzählen", das ist mehr und mehr "out".

Es werden etliche Diskussionen über die Zukunft, oder, kulturpessimistisch, das „Sterben“ des Theaters geführt.
Es wird verlangt, dass man "back to the roots" sollte, denn das Geschichten erzählen sei die "höhere", die "wahrhaftigere" Kunst.
Oder: Die Zerplitterung der Wahrnehmungsebenen a´la Video-Clip kann – so höre ich oft als Argument - nicht die nämliche Empfindungstiefe bringen - das halte ich übringens für aufgelegten Blödsinn, denn die Steigerung der Informationsmenge hat immer schon bei der jeweils jüngeren Generation auch eine Steigerung der Aufnahmefähigkeit bewirkt.
Aber diese Diskussionen empfinde ich als reichlich müssig - ähnlich wie die "Das Boot ist Voll-Diskussion". Man muss nicht über vollendete Tatsachen dikutieren. Es IST so, dass das Theater immer häufiger weggeht vom reinen Kammerspiel, ebenso wie es eine Tatsache ist, dass die Menschen migrieren.

Die Frage ist: sind es Rückzugsgefechte, die das Kammerspiel, den klassischen Chanson-Abend, den reinen Theaterabend doch immer wieder aufleben lassen in einzelnen Produktionen? Oder ist das eine Nische, die bleiben wird? Kommt sogar irgendwann eine Renaissance? (Das ist auch ein Argument, dass ich oft höre: die allgemeine Fixierung auf das Virtuelle würde zwangsläufig einen Rückschlag des Pendels bringen – eine Sehnsucht nach den echten Menschen. Halte ich nebenbei für durchaus realistisch.)

Jedenfalls: Ich persönlich glaube, dass es, ähnlich wie im Musikbereich, eine Aufsplitterung des Mainstreams ist, die sich immer mehr zementiert.
Es gibt nicht mehr "ein" Publikum. Ein einzelner Mensch kann mit der gleichen Begeisterung HipHop und Underground Rock hören wie Schubert und Schönberg. Und ebenso auch Schwarzenegger anschauen und Cineastische Intellektuellen-Filme.
Und eben "den wahren Menschen" im Theater suchen - aber auch Helge Schneider oder grosse Special Effects auf der Bühne lieben.
Der "Konsumismus" jedenfalls ist en vogue - nicht nur bei der Nahrungsaufnahme, wo es ja auch "hip" ist, zum Japaner oder zum Thai zu gehen - ohne dass man sich deswegen mit der jeweiligen Kultur auseinandersetzt.
Theater wird also konsumiert, wie Fernsehen. Mittun, denken gar, das ist vielen zu mühsam - das eigene Leben erschöpft genug. Und denken wird immer anstrengender.

Was das aber nun für ein allfälliges Überleben des Theaters bedeutet, weiss ich auch nicht. Im Moment versucht es häufig, die sprichwörtliche „Wollmilchsau“ zu sein: für jeden Geschmack, für jede Generation gleichzeitig etwas. Ob das des Pudels Kern ist, bezweifle ich allerdings.
Dennoch: Das Theater muss sich ändern, um gleich zu bleiben - vermutlich.

Der Gedanken zweiter Teil:

Das weitaus grössere Problem ist die Machbarkeit dieser von mir geforderten "Änderung". Und zwar vor Allem die finanzielle Machbarkeit - Ideen gibt es genug!

Denn obwohl ich überzeugt bin, dass es so etwas wie einen „Mainstream“ immer weniger gibt, wird, so fürchte ich, trotzdem bleiben, dass die „leichtere Kost“ mehr Menschen als zahlendes Publikum anzieht, als Dinge, die zum Nachdenken auffordern.
Das heisst aber auch, dass sich Sponsoren nur finden lassen, wenn man die sogenannte „Masse“ anzieht.
Und das kann leicht dazu führen, dass künstlerische Menschen, die Grenzen zu sprengen versuchen, rar werden.
Ohne diese aber bleibt die Kunst stecken.

Gerade in Europa ist – anders als in den USA – ehrenamtliche Arbeit und Sponsorentum wenig entwickelt. (Dass man Sponsortätigkeit nicht von der Steuer absetzen kann, ist ein weiterer Stein im Weg!)
Also werden Sponsoren einen gewissen Werbeeffekt von ihrem finanziellen Engagement erwarten, und dieser stellt sich naturgemäss erst ein, wenn zu erwarten ist, dass möglichst viele Menschen mit dem künstlerischen Produkt in Verbindung kommen.
Was wiederum bedeutet, dass alles, was per definitionem experimentell ist, nicht – oder nur äusserst begrenzt – stattfinden kann.
Ohne diese avantgardistische Vorleistung aber verkommt mit der Zeit alles, was dem theatralischen Bereich zuzuordnen ist, zur TuttiFrutti-Musikantenstadel-Show. Und trägt somit zur oft beklagten „Verdummung des Publikums“ (ich bevorzuge: Erwartungslosigkeit des Publikums) bei. Denn was soll man da diskutieren? Was soll man da „Neues lernen“? Was werden da für Grenzen gesprengt, für Gedanken angeregt?
So gesehen ist die Entwicklung allerdings folgerichtig: Ebenso wie Schulstunden gekürzt werden, wird auch das erwachsene Publikum zum reinen Konsumenten gemacht.
Für die Politik ist diese Entwicklung wünschenswert. Aber die Wirtschaft – und hier vor allem die kleineren Wirtschaftstreibenden! - sollte langsam merken, dass ein mündiger Bürger, ein denkender Konsument, die letzte Waffe ist, die ihr tatsächlich im Kampf um die Pfründe bleibt – will sie nicht auch gänzlich von Politik und Transnationalen Konzernen verschluckt werden. Nur ein mündiger Bürger kann der Kleinwirtschaft - und auch den kleineren Medien! - beistehen.
Und eine kontroversielle Kunst trägt massgeblich zu dieser Mündigkeit der Bürger bei – wenn sie denn stattfinden, angekündigt und damit wahrgenommen werden kann.

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Gedanken zur Frauenbewegung

Es gibt viele Gesetze, viele Zahlen und Fakten, an denen man festmachen kann, wie stark und wie selbstverständlich auch heute noch die Diskriminierung von Frauen und Mädchen ist.
Ich bewege mich nun aber hauptsächlich in den sogenannten freien Kreisen, ich kenne Künstler, Selbstdarsteller, Freaks, und politisch links stehende, im Widerstand zur herrschenden Regierung aktive Menschen.
Über die alltägliche Diskriminierung der Frau kann ich meist nur das sagen, was ich lese – nicht das, was ich persönlich erfahre.
Ich lebe im Grunde privilegiert - auch wenn Schauspielerinnen & Sängerinnen immer noch niedrigere Gagen bekommen, als ihre männlichen Kollegen, auch wenn zB bei Malerinnen immer noch ausschlaggebend in der Kritik ist, dass sie Frauen sind – es wird bei männlichen Malern nie extra betont, dass sie die Dinge aus der männlichen Sicht sehen. Trotzdem ist frau in Künstlerkreisen eher gleichberechtigt als in, sagen wir, Bäckerkreisen.
Wie sehr aber die Zurücksetzung der Frau trotzdem noch in den Köpfen auch der jungen, aufgeschlossenen Menschen ist – manchmal sogar in jenen, die sich antirassistisch und antidiskriminierend betätigen, das ist nur sehr schwer zu beschreiben.
Vor allem wird es selten wahrgenommen, auch von uns Frauen nicht. Denn leider sind wir es so gewöhnt, die zweite Geige zu spielen, dass wir gar nicht mehr merken, in welch kleine Verästelungen des täglichen Lebens das hineinreicht.
Ein Beispiel: 2 Männer und 2 Frauen gehen mit einander essen. Binnen kürzester Zeit ist das Tischgespräch entweder eines, das ein Mann aufgebracht hat, oder es unterhalten sich die zwei Frauen miteinander, und die zwei Männer ebenfalls miteinander. Nun ist es aber keineswegs so, dass sich die Frauen über Kosmetik und die Männer über Motorräder unterhalten – oder zumindest, es muss nicht sein.
Sehr oft reden beide Paare sogar über das gleiche Thema! Aber eben nach Geschlechtern getrennt. Wenn eine Frau ein Thema anreisst, wenden sich die Männer sehr bald einander zu. Das passiert regelmässig, und quer durch alle Gesellschaftsschichten.
Wenn bei einer Gruppe eine Diskussion im Gange ist, zählen sie mal die Redeminuten der jeweiligen Geschlechter! Und zwar auch unter den Leuten, bei denen das Thema „Gleichbereichtigung“ angeblich längst bearbeitet ist.
Das Tragische dabei ist: Wir Frauen tragen nach wie vor kräftig dazu bei. Wir schweigen, wir geben klein bei, wir denken uns unseren Teil. Oder: wir merken eben garnicht, wo wir benachteiligt sind, und weniger ernst genommen. Das nächste Problem ist, dass es unleugbar auch Frauen gibt, die sich in der herrschenden Ungleichheit sehr wohl fühlen. Sie „bedienen“ die Klischees und sie lassen sich gerne als „Weibchen“ behandeln, weil es so einfach ist, weil „es funktioniert“, weil es der anerkannte Weg ist. Und sie übersehen dabei, wie viel persönliche Freiheit sie damit aufgeben – weil Freiheit eben etwas Schwieriges ist.
Aber eine Konsequenz aus dem sogenannten Geschlechterkampf ist für mich immer stärker spürbar: Immer mehr Frauen arbeiten lieber mit anderen Frauen, als mit Männern.
Denn die Mär von der Kolleginnen-beissenden Frau ist entweder genau eine solche, eine Mär, oder es ist eine Frau, die sich dann andererseits sehr gerne den männlichen Kriterien unterwirft. Die quasi mehr von Männern sozialisiert ist, als von sich selbst und ihren eigenen Fähigkeiten.
Die meisten Frauen, die ich kenne, arbeiten besser und vor allem lieber mit anderen Frauen, als mit Männern, gehen lieber zu weiblichen Ärzten als zu Männlichen – und zwar egal ob nun zum Gynäkologen oder zum Tierarzt – alles, was an Arbeit, an Projekten ansteht, funktioniert offensichtlich, zumindest in der jüngeren Generation, besser unter Gleichgeschlechtlichen.
Und das ist für mich eigentlich eine erschreckende Konsequenz der jetzigen Debatte.
Anstatt die unleugbar vorhandenen Unterschiede zwischen Mann und Frau als Bereicherung, als Ergänzung seiner selbst anzusehen, werden sie durch WERTUNG herabgewürdigt, und damit jeglicher Vereinigung zu einem gleichberechtigten Ganzen der Riegel vorgeschoben. Und zwar von beiden Seiten.. Und damit sind wir auch beim allgemeinen Problem der Diskriminierung, der Xenophobie und des Rassismus: Auch sie beruhen auf Angst vor dem Neuen, auf Angst vor der eigenen Kraft, auf Angst vor der allgemeinen Freiheit, kurz: auf der Unfähigkeit, etwas oder jemand der „anders“ ist, nicht als Bedrohung sondern als Bereicherung zu empfinden. Wenn man aber alles in ein Schächtelchen geben kann, und diese Schächtelchen dann BEWERTET, das gibt einem dann vordergründige Sicherheit. Das man sich damit – nein, das WIR uns damit selbst in Schächtelchen einsperren – das fällt uns leider zu spät auf.

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((pte, 20. Mai 2003 11:43) - Heute, Dienstag, führt die vor knapp einem Jahr gegründete European Digital Rights Initiative http://www.EDRi.org auf einigen europäischen Flughäfen Protestaktionen durch. In Amsterdam, Wien und Brüssel wendet sich die EDRi gegen die Forderung des US-amerikanischen Bureau of Customs and Border Protection http://www.cbp.gov , wonach Fluggesellschaften persönliche Daten ihrer Passagiere weitergeben müssen. "Die Weitergabe von Daten aus den Passenger Name Records an US-Behörden oder gar die Gewährung des Online-Zugriffs auf diese Daten verstösst klar gegen die geltenden Datenschutzvorschriften der EU und der Schweiz!", schreiben die Aktivisten in einer Aussendung.

Das Organisationskomitee der Schweizer Big Brother Awards http://www.bigbrotherawards.ch unterstützt die Kampagne der EDRi und fordert in die USA Reisende auf, bei den Fluggesellschaften zu protestieren und ihr Auskunftsrecht geltend zu machen (Artikel 8 des Eidgenössischen Datenschutzgesetzes, DSG, SR 235.1) sowie eine Kopie des Briefes an den Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten http://www.edsb.ch zu senden. Besonderen Unmut bei den Aktivisten erregt der Umstand, dass die Passagiere nicht einmal über die Datenweitergabe informiert werden, geschweige denn dass ihre Zustimmung, wie rechtlich erforderlich, eingeholt wird. Ausserdem werden nicht nur Namen, sondern auch so genannte servicebezogene Daten, wie zum Beispiel Informationen zu Anschlussflügen, die Kreditkartennummer, medizinische Angaben oder auch Angaben zur Essenswahl an die Behörden geleitet.

Entsprechend wurden mehrere Fluglinien für die schweizerischen Big Brother Awards nominiert. Die Unternehmen wiederum werden von den US-Behörden unter Druck gesetzt. Wenn sie keinen Online-Zugriff auf ihre Datenbanken gewähren, sollen ihnen die Landerechte in den USA entzogen werden. Gegen diese Vorgehensweise könnte nur gemeinsamer Widerstand der Fluglinien Erfolg bringen..

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Ich mag nicht mehr über Krieg und die Kolonisierung der Welt durch die USA reden. Ich mag nicht mehr darauf hinweisen, dass sogenanntes "Pro-palästinenser - tum" allzu häufig mit Antisemitismus verbunden ist. Ich mag nicht mehr darauf hinweisen, dass Anti-amerikanismus erstens dumm und zweitens unbegründet ist, weil es nur die Medien sind, die behaupten, die Amerikaner stünden mehrheitlich auf der Seite ihrer momentanen Führer. Aber ich mag auf einen berühmten Kollegen von mir hinweisen: Michael Moore. Seine Seite hat immer aktuelle interessante Artikel (auch von anderen amerikanischen Prominenten). Wer halbwegs gut englisch kann, möge sie doch mal besuchen
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Brrüssel (pte, 11. April 2003 17:05) - Die EU-Kommission http://europa.eu.int/comm/index_de.htm hat angekündigt, die Irak-Wiederaufbau-Verträge, die von den USA bereits an US-Unternehmen vergeben wurden, einer genauen Kontrolle zu unterziehen. Damit soll verhindert werden, dass einerseits gegen WTO-Regeln (World Trade Organisation) http://www.wto.org verstoßen wird, andererseits, dass europäische Unternehmen diskriminiert werden. Dies berichtet die Financial Times heute, Freitag. Die Prüfung der Verträge könnte die Spannungen zwischen Teilen Europas und den USA wegen unterschiedlicher Haltungen zum Irak-Krieg weiter verschärfen. Inzwischen wurde ein sieben-Mrd-Dollar-Vertrag zur Brandbekämpfung irakischer Ölfelder konkurrenzlos an Halliburton, "zufällig" ehemaliger Arbeitgeber von Vizepräsident Dick Cheney, vergeben, berichtet die New York Times ebenfalls heute.

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Ein Artikel von Georg Kreisler erschienen in "Die Jüdische" - und eine Antwort von mir.--- Original Message -----
From: Die Jüdische
To: office@sandrakreisler.de
Sent: Friday, April 11, 2003 8:52 AM
Subject: Georg Kreisler über Medien und Israel

www.juedische.at

Eine Glosse, aber nicht nur
Georg Kreisler

Ich habe mich zwar immer für einen Intellektuellen gehalten, aber das muss ein Irrtum sein. Im Jahr 1914 waren die meisten Intellektuellen für den Krieg, und da wäre ich dagegen gewesen. Allerdings war ich damals noch nicht geboren, Pech! Und im Jahr 1933 waren die meisten Intellektuellen für Hitler, da wäre ich gegen Hitler gewesen. Allerdings war ich schon damals ein Jude, Kunststück! Aber heute sind doch die meisten Intellektuellen für Saddam Hussein, pardon, ich meine: gegen die Amerikaner – nein, auch das nicht, nur gegen Bush, sagen sie. Aber da bin ich ja schon wieder kein Intellektueller. Der Intellektuelle Heribert Prantl schreibt in der «Süddeutschen Zeitung» nicht gegen Bush, sondern: «(Die Amerikaner) haben die Uno verhöhnt, die Nato diskreditiert und die transatlantische Freundschaft gering geschätzt.

Sie haben der Weltöffentlichkeit die Fetzen der UN-Charta vor die Füsse geworfen und der Weltöffentlichkeit die Fehde erklärt. Sie schieben Freiheit und Recht beiseite. Der Bombenkrieg ist eine Annäherung der Weltmacht an die Barbarei. Die Weltmacht als Wüterich.» So viel blühenden Propaganda-Unsinn habe ich damals auch im Jahr 1938 im «Völkischen Beobachter» gelesen, als es statt gegen die Amerikaner gegen die Tschechen ging. Gegen die Tschechen sagt Heribert Prantl diesmal nichts, aber in einem anderen Teil der «Süddeutschen Zeitung» desselben Tages lese ich: «Ist Deutschland, ein Land der Coca-Cola-Trinker und der sexuellen Freizügigkeit, verbündet mit Israel?» Und gleich daneben wird von einem Rendsburger Arzt berichtet, der die Behandlung von US-Bürgern ablehnt, er sieht es nicht ein, Verbrecher zu behandeln, sagt er.

Und das erinnert mich daran, dass man in Wien ab 1938 als Jude auch nicht zu einem arischen Arzt gehen durfte, so stand es damals in der Zeitung, weil man einem deutschen Arzt nicht zumuten könne, Verbrecher zu behandeln. Na ja, sage ich mir, ich lebe ja nicht in Deutschland, sondern in der Schweiz, also greife ich zur «Basler Zeitung» des gleichen Tages. Da liest man zwar auch die tendenziösen Titel «US-Rakete tötet Frauen und Kinder» und «Bush übt bereits Durchhalteparolen» und überhaupt nichts Böses über Saddam Hussein, aber was Juden betrifft, berichtet die «Basler Zeitung» kommentarlos: «Bei einer Friedensdemonstration in New York wurde skandiert: ‹Occupation is a crime in Iraq and Palestine›.»

Welche Okkupation damit gemeint war, verschweigt die «Basler Zeitung», und auch mir fällt keine ein, da ja weder Irak noch Palästina besetzt sind. Die «Basler Zeitung» berichtet auch von einer Friedensdemonstration in Paris, bei der allerdings von Frieden keine Rede war: «Eine Gruppe von Jugendlichen, die ihre Gesichter mit Palästinensertüchern vermummt hatten, stürzte sich mit dem Ruf ‹Y a des juifs› (für Nichtintellektuelle: ‹Dort sind Juden› auf Französisch, nicht auf Arabisch) auf am Strassenrand stehende Angehörige der jüdischen Vereinigung Hashomer Hatzair, die in diesem Quartier ihr Lokal hat. Mehrere Mitglieder dieser Jugendorganisation wurden dann mit Holzknüppeln angegriffen und verletzt.» Und in der gleichen Ausgabe schreibt ein Filmkritiker: «Frida Kahlo war Latina, Halbjüdin, Kommunistin und bisexuell», bevor er den Film «Frida» gründlich verreisst.

Es versteht sich von selbst, dass dieser Intellektuelle diese vier Bezeichnungen negativ wertet, wobei der Ausdruck «Halbjüdin» eine Erfindung des «Dritten Reichs» ist, weil sie voraussetzt, dass Juden eine Rasse sind, was ja Unsinn ist. Aber schliesslich hat auch Saddam Hussein beteuert, dass er nicht nur die Amerikaner bekämpft, sondern auch die zionistische Weltverschwörung, darauf muss ein Intellektueller Rücksicht nehmen. Nun hat mir schon meine Mami im Vor-Hitler-Wien eingeschärft: «Bubi, fall nicht auf! Am besten ist, nicht gesehen zu werden.» Und meine Mami hatte immer Recht. Allerdings ist dann der Hitler trotzdem nach Wien gekommen. Aber so weit ist es noch nicht, gerade in der Schweiz muss man nicht deswegen gleich auf gepackten Kofern sitzen.

Man kann ja einfach alle öffentlichen Plätze und Gebäude vermeiden und sich auch in Parkgaragen, Schwimmbädern und Restaurants nicht blicken lassen. Zu Theatervorstellungen, Filmen und Konzerten kann man im letzten Moment kommen und erst Platz nehmen, wenn der Zuschauerraum bereits verdunkelt ist. Kurz vor Ende der Vorstellung sollte man, um ja nicht gesehen zu werden, rasch nach Hause gehen, womöglich auf Nebenstrassen. Wenn das persönliche Erscheinen in einem öffentlichen Gebäude unumgänglich ist, kann man sich ein grosses Kruzifix umhängen und wenn nötig vorher die Nase operieren lassen.

Wenn jemand sagt: «Nicht alles, was der Hitler gemacht hat, war schlecht», sollte man Einverständnis nicken und auf die deutschen Autobahnen hinweisen. Wenn rabiate Antisemiten behaupten, dass Amerika nur von Juden wie Bush, Cheney, Rumsfeld, Rice und Powell regiert wird, kann man ihnen ins Ohr flüstern: «Übrigens, die Protokolle der Weisen von Zion gibt es jetzt auch als Film.» Aber dann sollte man auch in der Schweiz einen Lebensmittelvorrat anlegen, sich seiner Blutgruppe vergewissern, feuerfeste Kleider tragen, die Lebensversicherung überprüfen, die Haustiere verkaufen und sofort viel intensiver beten als bisher. Zu empfehlen wären Samos oder Tonga.

© 2003 tachles Jüdisches Wochenmagazin

"die jüdische" 10.04.2003 22:11


----- Original Message -----
From: sandra.kreisler
To: Die Jüdische
Sent: Friday, April 11, 2003 3:22 PM
Subject: Antwort auf den Artikel meines Vaters: "Georg Kreisler über Medien und Israel "


Jetzt ist also Georg Kreisler kein Intellektueller mehr. Wenn er sich als solcher definierte, nur weil er angeblich immer gegen den Mainstream aufgetreten ist, scheint fraglich, ob er je einer war. In den 60er Jahren war er jedenfalls nicht „gegen den Mainstream“, sondern gegen das Establishment, das ist ein fundamentaler Unterschied. Zu sagen, dass 1933 „die meisten Intellektuellen für Hitler“ waren ist natürlich zumindest polemisch.
Aber wenn er nun insinuiert, dass George W. Bush diesen Krieg aus lauteren Motiven führt, weil nämlich Saddam Hussein ein böser Mensch ist, dann scheint er tatsächlich kein Intellektueller zu sein.

Georg Kreisler hat trotzdem Recht.

Er hat selbstverständlich recht, wenn er darauf hinweist, dass Saddam Hussein ein gefährlicher, bösartiger und menschenverachtender Diktator ist, und wenn er meint, dass das irakische Volk die Freiheit verdient.

Er hat Recht, wenn er sagt, dieser Krieg werde auch benützt, um antisemitische und antiamerikanische Ressentiments zu schüren.

Er hat vor allem Recht, wenn er das als eine Gefahr sieht, die in ihrem Ausmass jetzt noch nicht einzuschätzen ist.

Und dass die Medien hier eine mehr als unrühmliche Rolle spielen, kann gar nicht oft genug betont werden.

Aber wenn er meint, dass das ausreichende Gründe sind, um FÜR einen solchen Krieg zu sein, dann hat er unrecht.
Nur weil manche Leute aus den falschen Gründen für eine gute Sache sind, macht das die Sache an sich nicht schlecht.

Das gilt allerdings sowohl für Kriegsgegner als auch für Kriegsbefürworter.

Die Kriegsgegner haben – egal aus welchen Motiven sie gegen diesen Krieg waren – verloren: Der Krieg ist eine Tatsache.
Aber bei den Kriegsbefürwortern stellt sich jetzt die Frage, ob sie nicht doch den Bock zum Gärtner gemacht haben.

Bis heute ist es mir schleierhaft, warum es angeblich keine andere Möglichkeit gab, um Saddam zu entmachten, als Bomben auf ein ausgehungertes Land zu werfen.
Das heisst, nein, natürlich ist es mir nicht schleierhaft, denn Saddam an sich war ganz offensichtlich nicht das wirkliche Thema dieses Krieges.

Es ist meines Erachtens Skepsis angesagt, wenn Bush und seine Berater von einer irakischen Demokratie reden, die sie erstellen wollen. Nicht nur, weil eine solche „Demokratie“, von aussen oktroyiert, von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre, sondern vor allem auch deshalb, weil Herr Bush es schon in seinem Land nicht für notwendig erachtet, die Menschenrechte zur Gänze zu achten.

Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass ein Präsident, der seine eigene Wahl erschlichen hat, darauf zunächst Günstlinge einsetzt, und mit G*tt im Mund sofort daran geht, die Unterstützung der Armen zu beschneiden, die Umwelt weiter zu schädigen und die restliche Welt zu verärgern just bei der Demontage einer Diktatur plötzlich humanistische Motive hat.

Meine persönliche Skepsis beginnt schon bei der personellen Auswahl, die die US Regierung zu treffen gedenkt. Einmal ganz abgesehen davon, dass die USA in dieser Hinsicht noch nie ein glückliches Händchen hatten, scheint mir ein Herr Jalabi, der hauptberuflich Bankenbetrüger ist und sein Land seit über vierzig Jahren nicht mehr betreten hat, nicht wirklich ein Garant dafür, an etwas Anderem als persönlicher Bereicherung interessiert zu sein.

Ich will gar nicht anfangen aufzuzählen, wie viele Herrscher von US Gnaden sich als komplette Fehlentscheidungen erwiesen haben, der, Zitat, „Faktor der Stabilität“ Milosevic sei nur als jüngstes Beispiel genannt. (Oder Frau Plavsic, die gerade wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. )
Ich frage mich auch, warum just diese Diktatur plötzlich angriffswürdig war, aber die vielen anderen Schreckensherrschaften auf dieser Welt – die zufällig weder Bodenschätze aufweisen, noch geo-strategisch ähnlich interessant sind – der UNO überlassen werden.

Ich finde es ebenso unerträglich wie Georg Kreisler, dass den Leuten erzählt wird, „Amerika“ führte diesen Krieg, und „die Amerikaner“ seien so böse Menschen. Mindestens ebenso unerträglich wie die - auch - amerikanischen Medien, die behaupten, es sei eine Mehrzahl der US-Bürger für den Krieg.
Und dass sich, ganz egal was auf der Welt passiert, immer ein Grund findet zu sagen „die Juden“ seien an allem schuld, ist ebenfalls eine grausige Tatsache auf die immer wieder hinzuweisen ist.
Ausserdem, lieber Vater, auch wenn wir als Juden von den antisemitischen Äusserungen, und wir als Amerikaner von den antiamerikanischen Äusserungen persönlich betroffen sind, sollten wir nicht einäugig die antimuslimischen Äusserungen, die es ebenso gibt, übersehen.

All das sind aber immer noch nicht ausreichend Gründe, um Herrn Bush, Herrn Rumsfeld, Herrn Cheney oder Frau Rice zu entlasten. Dieser Krieg war nicht notwendig. In diesem Krieg ging es nicht darum, Saddam Hussein zu entmachten.
Aber Bomben werfen bringt eben mehr, als nur einen Diktator zu stürzen: Man kann an der Zerstörung eines Landes ebenso viel Geld verdienen, wie an dessen Wiederaufbau.
Und im Nachkriegs-Irak werden wir erleben, dass die vorgenannten Herrschaften nichts anderes im Sinn hatten, als eine neue Form der Kolonisierung zu erreichen. Wir sehen jetzt schon, dass es Diktaturen gibt, die „in Ordnung“ sind, und solche, die es „zu bekämpfen“ gilt - völlig unabhängig davon, wie menschenfreundlich sie sich gerieren.

Ich bin nur neugierig, wer als Nächster drankommt.

Zuschrift auf die Eintragung vom 6. April
Sent: Monday, April 07, 2003 3:04 PM
Subject: onlinetagebuch

> Verehrteste Frau Kreisler, mir ging Ruck durch das Hirn, als ich es
> las.......die Rolle der Amerikaner im 2. Weltkrieg. Ich kann es ja nicht
> mehr hören, diese Lobhudelei. Zum einen, weil der Grossvater des jetzigen
> Bush mit Hitler durchaus seine Geschäfte getätigt hat, bevor er die
> Deutschen angeblich befreit hat. Zum anderen, weil ich mich immer wieder
> fragen muss, warum die Amerikaner denn erst angekommen sind, als es galt,
> die Russen am weiteren Vormarsch zu hindern. Der Krieg war doch schon
vorbei
> und das Morden in den KZ hätte meiner Meinung nach schon viel eher beendet
> werden können.
> Und irgendetwas muss ich überhört haben, in diesen ganzen Kriegsdebatten,
> nämlich die antisemitischen Untertöne. Bitte helfen Sie mir auf die
Sprünge,
> sofern es Ihre Zeit erlaubt.
>
> mfg I.G.

>Liebe Frau G.
Sie haben Recht.
Die Amerikaner haben es bis jetzt gut verstanden, Ihr Eingreifen in allerlei
lokale "Konflikte" als Hilfestellen - und sonst gar ncihts! - zu bemänteln.
Ja, es hat geholfen. Aber, und das darf man auch nciht vergessen, 1.) sie
haben sehr sehr lange gewartet, und wäre Pearl Harbor nicht passiert, wer
weiss, ob sie überhaupt eingegriffen hätten. 2.) Sie haben sehr wohl vor
allem auf Ihre Gewinnmaximierung geschaut, das war nicht rein humanitäres
Engagement. Hiroshima und Nagasaki (vor allem Nagasaki) passierten, nachdem
die Deutschen kapituliert hatten, und bei den Japanern war es auch nur eine
Frage der Zeit. Nagasaki war sogar NACH der Kapitulation Japans. Es gibt noch viel darüber zu sagen. Aber trotzdem ist es natürlich ein Fakt, dass durch die
Amerikaner und die Russen und die Engländer die Nazis vertrieben wurden.
(wieso schreiben Sie "angeblich befreit?")
Die antisemitischen Untertöne sind da. Es beginnt schon bei der ständigen
Junktimierung von Sharon = Israel = "Die" Juden.
Juden, die nicht in Israel leben, werden automatisch eingerechnet in das zugegebenermassen diskutierbare Handeln von Sharon. (Die grosse Friedensbewegung in Israel wird sowieso nirgends erwähnt) Und auch Sharon handelt nicht ganz so, wie das unsere Medien verbreiten. Es ist diskussionswürdig. Es ist nicht alles falsch.
Es gibt jede Menge Fakten, die für sein Handeln sprechen, die hierzulande kaum erwähnt werden. Aber Sharon wird zunhemend als Ursurpator dargestellt, der grundlos alles einfach niederbrennen lässt. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin in seiner Siedlungspolitik auch nicht seiner Meinung. Aber
ich finde seine gewalttätigen Reaktionen zumindest verständlicher als die
Bushs. Ausserdem wird zunehmend insinuiert, dass Bushs Politik vorrangig mit
einer "Vasallentreue" zu Israel, und mit angeblichen jüdischen Geldern "von
der Ostküste" in Zusammenhang steht. Die Gleichsetzung Israels mit "den"
Juden macht dann dieses Konglomerat latent Antisemitisch, ganz
grundsätzlich. Die negative Rolle, die die restlichen arabischen Länder in
der Palästinenserpolitik spielen wird nie erwähnt. Es wird auch nie erwähnt,
in welchem Masse die Palästinenser von den restlichen arabischen Ländern
instrumentalisiert werden.

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06. April 03
Lange Zeit stand hier nichts Neues. Viel Arbeit, viel Urlaubs-Sehnsucht und eine schwere Grippe haben das vereitelt. Zudem ist so vieles passiert, über das ich mir selbst noch nicht klar war.
Nicht, dass ich jetzt alles hundertprozentig wüsste. Aber immerhin bin ich bereit, Dinge zur Diskussion zu stellen.
Aus Zeitungen und TV erfahre ich zum Beispiel Neues über Georg Kreisler.
Er ist GEGEN die EU.
Er ist „für“ den Krieg im Irak, zumindest ist er GEGEN die Friedensdemonstranten.Ich bin in beiden Fällen nicht seiner Meinung, mehr noch, es macht mich traurig, sie zu hören.Seine Argumente im Falle Irak/Amerika sind, soweit ich sie aus den Berichten destillieren kann, folgende: Saddam Hussein ist ein bösartiger und gefährlicher Diktator. Amerika ist entschlossen, seinem Treiben ein Ende zu setzen. Die Demonstrationen gegen Amerikas Kriegseintritt haben viele Antisemitische und Antizionistische Untertöne.

So sehr ich ihm darin Recht gebe, so wenig kann ich daraus irgend einen Schluss ziehen, der diesen Krieg rechtfertigen könnte.
Zumal es nur sehr, sehr wenig Kriege gibt, die zu rechtfertigen sind – gerade in modernen Zeiten, wo es jede Menge andere Möglichkeiten gäbe, unliebsame Herrscher zu „entsorgen“.
Nicht so spektaktuläre, zugegeben.
Und auch nicht so "schnelle".
Nicht so wirtschaftsfördernde, vermutlich.
Und vor allem: Keine, die einem dann die Macht in der betreffenden Gegend überlassen.

Ja, es gibt besorgniserregende Antisemitische und Antizionistische Töne im Umfeld der Kriegsgegner.
Andererseits: nur, weil manche aus den falschen Gründen eine Meinung vertreten, ist nicht unbedingt die Meinung selber falsch. Wenn jemand zum Beispiel "Geiz" als "Typisch jüdisch" apostrophiert, macht das den Geiz nicht besser. Er hat halt nur nichts mit jüdisch zu tun.
Auch der Anti-Amerikanismus als Solcher scheint mir, wenn auch verständlich, so doch gefährlich und falsch. Ja, die Amerikaner scheissen uns mit ihren Werten, ihren Speisen, ihren Filmen, ihren Firmen von oben bis unten zu. Aber wir täten das genauso, hätten wir die Macht und das Können dazu.
Und das, was wir als "naiv" und "kindlich" bezeichnen, als "Cowboy-tum" und "Hooliganism" - ist einfach eine andere Kultur, ebenso anders wie die Kultur im Islam oder sonstwo - nur weil sie uns omnipräsent scheint, schlägt häufig das Unverständnis über eine andere Kultur um in Anti-.
Es ist ganz normale Xenophobie, und um nichts besser als der Fremdenhass gegenüber Polen oder Vietnamesen oder Jugoslawen.
Denn natürlich geht es nicht um "Amerika". Es geht um die derzeitige Führungsriege dort.

Ich bin selbst amerikanische Staatsbürgerin, und ich vergesse keineswegs die Rolle, die Amerika im 2. Weltkrieg gespielt hat.
(Allerdings auch nciht die negativen Aspekte, wie zum Beispiel die Atombomben, und wann und warum sie gezündet wurden, oder dass man lieber Dresden als die Schienen und Strassen nach Auschwitz bombardiert hat - das hätte keinen "Nutzen" gebracht...)

Aber das war nicht Mr Bush, damals, und es war ein anderes Amerika, wesentlich weniger skrupellos in der Erfüllung der eigenen Machtansprüche. Skrupellos genug, ohne Zweifel, aber immer noch weniger als heute.

Aber: Amerika ist bisher noch nie dadurch aufgefallen, dass es längerfristige funktionierende Strategien zum Wohle der Menscheit entwickelte, und ich sehe keine Anzeichen, dass sich das ändern könnte.
Amerika hat inzwischen eine Tradition im „falsche Leute als Machthaber einsetzen“. Amerika hat auch eine Tradition im „eigene Rechte/Werte über alles Andere stellen“. Das ist verständlich, aus deren Sicht, jeder hat es gern, wenn alle Anderen einem Untertan sind.
Aber aus meiner Sicht ist das nicht richtig, und ich hoffe, auch nicht aus europäischer Sicht.
Ich habe also den Eindruck, Amerika beginnt zu kolonialisieren, und das zu einer Zeit, da alle Anderen es aufgeben.
Ich habe aber vor allem Anderen sehr stark den Eindruck, dass sich Mr Bush, Mr Cheney, Ms Rice und wie sie alle heissen keinen Deut um die Menschenrechte scheren, und keinen Deut darum, ob dort unten endlich Demokratie einkehrt. Sie scheren sich auch nicht um dort gewachsene Traditionen oder Lebensmuster. Sie wollen IHRE Rechte dort verstärken, das ist alles. Und zwar auf dem Rücken einer ohnehin schon gebeutelten Zivilbevölkerung.
Sie wollen Armeen stationiert haben, und sich sukzessive den gesamten arabischen Raum zu Willen machen, wirschaftlich, personell, strategisch. Saddam ist nichts weiter als "ein guter Aufhänger". Sie hoffen, dort eine amerikanische Wirtschafts-"Demokratie" etablieren zu können, und sie hoffen, dass die anderen Länder in der Umgebung daran teilhaben wollen.
Überdies scheint mir inzwischen, dass sie sich dieses Ansinnen von der EU finanzieren lassen wollen - und ich befürchte stark, dass die EU sich auch hier über den Tisch ziehen lässt.
Ich bin der festen Überzeugung, dass es in diesem Krieg nicht um "Menschenrechte" geht, auch nicht um Angst vor zukünftigen Angriffen gegen "uns" - sondern um rein wirtschaftliche und geostrategische Überlegungen.
(Im Übrigen bin ich nicht sicher, ob die arabische Kultur, die ja keine Aufklärung erlebt und daher ganz andere Wertvorstellungen hat, auch tatsächlich so reagiert, wie sich das Mr Bush vorstellt)

Vermutlich würde Europa, wäre es schon so einheitlich, wie es anstrebt, auch ähnlich handeln, und - in diesem Falle G*ttlob - ist es noch uneinig.

Andererseits bin ich stinksauer auf Blair und Aznar, die aus lauter Angst vor einer Deutsch/Französischen Übermacht "sicherheitshalber" bei den Amis mitmachen – DAS wird nicht zu einer Europäischen Einheit beitragen.
(die Briten zahlen im Übrigen einen ziemlich hohen Preis: sie lassen sich als Prügelknaben instrumentalisieren - an der FRONT sind nur sie - und werden von den Amis auch noch zum Dank bombardiert ;-) - und wenn wir ehrlich sind: Frankreich und Deutschland sind nur deshalb gegen diesen Krieg, weil sie Angst um ihre profitablen Verträge mit den Irakischen Ölfirmen haben)

Und damit wären wir beim Thema Europa.
Ja, ich bin auch skeptisch, vor allem nach eben diesem Ausscheren von Blair und Aznar. Europa ist eine Vision. Ob es je mit einer Zunge reden kann, ob die vielen Vorteile, die es bringen könnte, je Wirklichkeit werden, ist zweifelhaft. aber: Soll man es deswegen garnicht erst versuchen?
Kreislers Argument dagegen ist vor allem die kulturelle Gleichmacherei. Die sehe ich allerdings mindestens genauso stark im Kommen, ohne eine EU, nur dann eben von amerikanischer Seite. Wirtschaftliche Stärke bedingt kulturelle Übermacht.
(Ganz zu schweigen von der kulturellen "Gleichmacherei" (oder: Annäherung) die durch die Globalisierung ganz allgemein entsteht, das Internet, TV, andere Medien)
Und den Versuch, zumindest einige europäische Werte in dieser „Einheitskultur“ unterzubringen, sollte man doch wenigstens machen, oder?

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26.Februar 03
Die Frage, ob Türkei zur EU gehören soll, spaltet die Gemüter.
Meins auch.
Denn einerseits hänge ich natürlich wie wir alle an alten Vorurteilen. Nicht nur im negativen Sinne. Es ist doch schön, wenn man noch etwas exotisch finden darf, und es fällt schwer, etwas exotisch zu finden, das angeblich Europa ist.
Amerika ist dafür. Klar, die wollen die Türkei als verlängerten Nato-Arm in der EU zementieren, und geopolitisch ist die Lage ja nicht zu verachten.
Die EU ist uneinig. (naja, what else is new?)
Zunächst dachte ich mir: Die Türkei ist doch nicht Europa, die Türkei ist der Anfang vom Morgenland – das ist doch auch schön. Und in mir sind selbstverständlich auch die Bilder von dem Kurden „Problem“ – vor allem davon, wie unsagbar mies damit umgegangen wird - , von Folter, von anatolischen Berghütten mit schwarzgekleideten Mammas und bewaffneten Schnurrbartträgern.
Aber inzwischen ist mir, spät aber doch, eingefallen, dass es schwarz gekleidete Mammas auch im Burgenland gibt, und bewaffnete Schnurrbartträger in Tirol. Auch wir haben durchaus Bevölkerungsgruppen, die man als Großstädter nicht so leicht als „EU-reif“ apostophieren würde. Jedes EU-Land hat die. Und verkauft sie als Klischee des ganzen Landes - um den Tourismus zu fördern.
Also was ist die EU? Eine politische Gemeinschaft? Eine Werte-Gemeinschaft? Eine Religions-Gemeinschaft? Schlicht geologisch zu definieren? (Wo bleibt dann Russland?) Oder doch nur rein wirtschaftlich motiviert?
Mir scheint inzwischen immer mehr, dass diejenigen, die die Türkei draussen haben wollen, dazu tendieren, die EU als christliche Gemeinschaft positionieren zu wollen, denn politisch spricht natürlich einiges dafür, die Türkei zu integrieren, und rein wirtschaftlich gesehen ist es vermutlich ähnlich wie damals, als die DDR aufgelöst wurde: Einerseits zu früh, um nur positiv zu wirken, andererseits: Wie lange hätten man warten können? Vor allem: was hätte das Warten gebracht?
Inzwischen frage ich mich: wieso verlangen wir immer nur von den Anderen, dass sie über ihren Schatten springen? Wir müssen auch Bereitschaft dazu haben.
Und wieso sperren wir uns gegen Länder, die eine muslimische Mehrheit haben? Nur wegen der Religion? Ist das nicht doch eher mittelalterlich gedacht? Was würden wir sagen, wenn die Türkei eine jüdische Mehrheit hätte? Trauten wir uns dann auch, so offen dagegen zu reden?
Ist es denn tatsächlich der Islam, der „so anders“ ist? Oder nicht doch eher das, was daraus gemacht wird – und zwar mit unserer Hilfe, das sollten wir nicht übersehen!
Wir ignorieren, dass es auch in Europa – im unstrittigen Europa, nicht innerhalb der EU – Muslime gibt, die sich jahrelang sehr wohl hervorragend mit den anders-religiösen Nachbarn verstanden haben – und erst von Christen in eine Aussenseiterpostion – und damit zum Fundamentalismus - gedrängt wurden: In Bosnien.
Das Osmanische Reich reichte einst weit nach Europa hinein. Gut, das ist noch kein Argument, denn das Römische Reich reichte auch weit in heute eindeutig arabische und afrikanische Länder hinein – ohne dass diese auch nur einen Gedanken daran verschwenden, eventuell europäisch zu werden.
Aber ich fürchte, längerfristig gesehen müssen wir uns eine andere Strategie ausdenken, als muslimische Menschen immer nur als „ganz weit von uns entfernt“ zu sehen.
Und umgekehrt.
Religionsgrenzen sind eine nicht zu unterschätzende Gefahr, und das sollten wir eigentlich alle schon längst gelernt haben. Es ist wichtig, dass beide Seiten die jeweils andere Religion als einfach nur eine weitere Facette der menschlichen Existenz verstehen lernen. Sonst öffnen wir jeglicher Hetze Tür und Tor.
Kurzfristig bringt es sicherlich Probleme, die Türkei zu integrieren. Finanzielle Probleme. Kulturelle Probleme.
Aber ich hoffe und glaube, dass es langfristig die einzige Möglichkeit ist, beide Seiten zu der für uns alle so wichtigen Toleranz zu erziehen. Nur so kann man Extremismus entgegenwirken. Islamistischen Tendenzen, Christlich-fundamentalen Tendenzen. Überhaupt religiösem Eiferertum. Nur so kann man modernistisch einwirken auf verhärtete Strukturen.
Zuerst werden wir alle verlieren, denn die Türkei wird nicht so schnell „reich und modern“, wie sie es sich erhofft. Und wir werden zunächst auch mehr bezahlen, als man uns jetzt vorrechnet.
Aber mit den Jahren wird es vielleicht endlich möglich sein, durch eine von oben verordnete Zusammengehörigkeit alte Feindbilder abzubauen. Und endlich zu lernen, religiöse Lebensentwürfe als das zu sehen was sie sind: keine Bedrohung an sich, sondern eine Privatsache, die zu akzeptieren ist.
Und mit den Jahren – wenn wir das lernen können – ist die EU nicht nur ein rein politisch und wirtschaftlich orientiertes künstliches Gebilde – sondern tatsächlich eine Werte-Gemeinschaft.
Vielleicht täte auch uns ein bisschen mehr Kemalismus gar nicht so schlecht.

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14.Februar 03
Warum gibt es noch keinen Aufschrei wegen der GATS Verhandlungen?

Das GATS ist die massivste Bedrohung im Wohlergehen jedes Einzelnen Bürgers
seit der Erfindung der Steuern.
Es handelt sich um recht unschuldig klingende
Verhandlungen der Europäischen Union zum Thema Dienstleistungen.

Konkret geht es darum, dass ALLE Dienstleistungen privatisiert werden MÜSSEN. Das heisst aber auch: Wasserversorgung, Strom, öffentliche Verkehrsmittel, Schulen, Krankenhäuser etc.
Und das heisst, dass all diese Dinge nicht nur einem freien Markt unterworfen werden, was auf den ersten Blick ja nicht so schlimm klingt, sondern ganz konkret bedeutet es, dass die Leiter dieser Unternehmungen keinerlei Verantwortung gegenüber ihren Kunden haben. Sie können die Preise erhöhen wie sie wollen, sie können die Nachfrage bedienen oder auch nicht, sie können - wenn es rentabler erscheint - zum Beispiel ganze Landstriche ohne Wasserversorgung lassen.
Es gibt inzwischen weltweit etliche ziemlich erschreckende Beispiele, was passiert, wenn zB der Zugs- oder Postbusverkehr privatisiert werden, oder der Strom. In Californien hat es mangelhafte Stromversorgung gegeben, täglich wurde bis zu 90 Minuten lang der Strom abgestellt: Die Firma hatte einfach nicht genug eingekauft, tja, Pech.
In London gab es massive Probleme mit
dem Nahverkehr. An der Sicherheit wurde gespart - es gab Unfälle. Züge zu weniger profitablen Gegenden wurden einfach eingestellt - ganze Landstriche waren ohne Zugsversorgung. Es gibt hunderte solcher Beispiele. Auch mit der Wasserversorgung.
Stellen Sie sich vor, Sie haben einen privaten Wasseranbieter, der der Meinung ist, es ist zu teuer, in Ihre Almhütte Wasser zu liefern. Entweder die Wasserpreise steigen für Sie in's unermessliche, oder er schaltet einfach das Wasser ab. Oder der Anbieter findet, die Wasserreinigung sei nicht kostendeckend. Weg damit. Vielleicht macht er es erst mal, und lässt Sie das nicht wissen - dann merken Sie es erst, wenn Ihre Kinder allerlei Krankheiten vom Wasser bekommen. UND DER DARF DAS!

Es erstaunt mich masslos, dass diese Verhandlungen derzeit so wenig beachtet werden. Denn die Industrie macht selbstverständlich Druck, dass das Abkommen durchgeht. Und die EU ist geneigt, diesem Druck nachzugeben. Und wohlgemerkt: Es geht nicht darum, dass die Länder ihre kommunalen Dienstleistungen privatisieren DÜRFEN. Es geht darum, dass sie MÜSSEN.
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5. Februar 03
Die Franzosen sind sicher nicht zuletzt auch deshalb so vehement gegen einen Krieg, weil sie ein massives Problem mit arabischen Einwanderern haben: Einerseits die ständige Bemühung, den Rassismus in den Vorstädten nicht eskalieren zu lassen, andererseits doch keine kleine Bedrohung von Unruhen der arabischstämmigen Bevölkerung im Falle eines Kriegsbeitritts.

Ich habe den Eindruck, dass das starke Gefühl der Europäer gegen einen Krieg im arabischen Raum überhaupt stärker von strategischen Überlegungen als von reinem Pazifismus gestützt ist. (Nicht zu vergessen: die Verträge mit den Irakischen Ölfirmen!)

Immerhin sind durchschnittlich 70% aller Europäer nach jüngsten Umfragen gegen einen Krieg.
Dem folgt eine Romantisierung der muslimischen Welt – die sicherlich begrüssenswert ist: Alles ist besser, als der steigende Rassismus. Vermutlich wird in absehbarer Zeit nach dem „japanischen Trend“ in der Haute Couture der „muslimische Trend“ folgen. Pluderhosen, Turbane etc.
Auf diese Weise wird der Islam vermeintlich „domestiziert“, die Angst vor dem Unbekannten weicht möglicherweise einer – um nichts weniger desinformierten – Form der Heroisierung. Ähnlich wie bei den Zigeunern, bei den Asiaten – oder, wenn auch in anderer Form, bei den Juden.
Diese Art des „positiven Rassismus“ ist zumindest angenehmer für die Opfer. Das kann allerdings nur die innenpolitischen Szenarien entschärfen. Aber es ändert nichts an der realen aussenpolitischen Bedrohung, die aus unserer Sicht von jenen Völkern ausgeht, die sich im wirtschaftlichen und politischen Hintertreffen befinden.

Aus der Sicht des Westens bleibt nichts anderes übrig, als die Aufklärung und die damit verbundene Individualisierung an diesen Völkern nachzuholen. Es ist verständlich, wenn auch nur aus „unserer“ Sicht, die stark religiös fundierte Geschichte der arabischen Länder relativieren zu wollen.
Als humanistisch denkender Mensch befindet man sich damit allerdings zwischen Scylla und Charybdis.

04. Februar 03

Was mich am Meisten stört bei dieser ganzen Irak-Diskussion ist dies:
Es scheint nur zwei Möglichkeiten zu geben:
Krieg
oder
Nichts Tun


Das finde ich enorm eingleisig. Selbstverständlich gäbe es eine dritte Möglichkeit – mindestens.
Mit dem Geld, das so ein Krieg kosten würde, könnte man jede Menge anderer Dinge ausprobieren.
Ich sehe ein, dass Saddam eine Bedrohung darstellt. Aufgrund seines Charakters, aufgrund der geografischen Lage, aufgrund der Erfahrungen der Vergangenheit.
Ich sehe nicht ein, dass Krieg die einzige Lösung ist, um sich seiner Macht zu entledigen.

Übrigens: eine wichtige Seite, für jene, die gegen einen Krieg sind, ist diese.
Die Kettenbriefe, die angeblich für die UN sind, sind leider ein kompletter Schwindel.
Aber weiter im Text:
Die Amerikaner haben eine Tradition, sich stets der falschen Verbündeten zu bedienen. Das macht mir auch in diesem Fall Sorgen. Nur mit Krieg werden sie Saddam nicht loswerden.
Dazu kommt: sie wollen eine Riegierung stürzen – aber warum auf den Köpfen der Zivilbevölkerung?

Auch als grundsätzlich pazifistisch denkender Mensch kann man nicht a priori jeden Krieg ablehnen: Im zweiten Weltkrieg waren wir sehr froh, als endlich von den Amerikanern eingegriffen wurde. Andererseits hätte man auch da – hätte man nicht so lange gewartet – andere Möglichkeiten gehabt, um Hitler zu stoppen.

Natürlich ist es nicht rein humanitäre Sorge, die die Amerikaner umtreibt, das ist jedem klar. Das war es auch nicht in Somalien, nicht einmal im Kosovo (da ging es um eine Bestätigung des Rufs, nachdem er durch Somalien und – dadurch bedingt - das Nichts-tun in Ruanda so ins Wanken gebracht worden war). Es sind aber auch nicht ausschliesslich das Öl und innenpolitische Erwägungen, die Bush zum Krieg drängen lassen.

Den so gefeierten Artikel von John le Carré halte ich persönlich aber für ziemlichen Schrott. Er ist uninformiert, geladen mit Vorurteilen und rein auf emotionellen Begründungen aufgebaut.
Die Entgegnung zu diesem Artikel von Leon de Winter im dieswöchigen Spiegel ist jedenfalls interessant zu lesen, wenn ich auch hier den Eindruck habe, dass zu leichtfertig die Argumente von Fouad Ajami (in "Foreign Affairs") übernommen werden.

Ich masse mir nicht an, klüger zu sein als die genannten, oder gar informierter als die führenden Kriegstreiber oder – verhinderer. Es gibt unzweifelhaft jede Menge für eine Entscheidung wesentliche Informationen, die dem „Plebs“ vorenthalten werden.

Aber ein Krieg, das ist wahrscheinlich jedem klar, kann niemals „punktgenau“ sein – zumal er ja immer auch darauf abzielt, auch das kulturell erworbene Selbstverständis des bekriegten Volkes zu zerstören – sonst hätte ja ein Sieg letztlich keine längerfristige Wirkung.
Auch im letzten Irak-Krieg wurden bewusst kulturelle Artefakte und Bauten zerstört, Moscheen, Bibliotheken, etc.
Wenn man sich aber bewusst macht, wieviel von dieser kulturellen Herkunft ein Teil auch UNSERES kulturellen Selbstverständnisses ist - man denke nur an den Ursprung unserer Zahlen, unserer Medizin, man denke an Hamurabbi etc – dann hiesse ein Krieg letztlich auch eine Zerstörung unserer Herkunft – und damit wesentlich freiere Bahn für eine Übernahme amerikanischer kultureller Werte. Ich halte das nicht für übertrieben – es ist nur ein Mechanismus, der wesentlich längerfristiger wirkt, daher nicht leicht wahrgenommen wird. Dennoch, so meine ich, ist er den Kriegsherren sehr wohl bewusst.

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21, Januar
Ich überlege, ob es eine Frage des Alters ist - oder eine Frage der gesellschaftlichen Stellung:
Am Anfang brennt es in dem Kreativen, die Zustände anzuprangern, die Gesellschaft zu verändern; die Realität jenseits des arrivierten Selbstverständnisses
wahrzunehmen.
Man hat - noch - keine Macht, man wird nur in Kreisen wahrgenommen, die das Selbe denken.
Und dann, wenn man Glück hat: Man fällt auf.
Man "kommt an".
Man wird älter.
Man ist "arriviert".
Und man wird zahnlos. Man prangert nicht mehr an, man zeigt nicht mehr auf - höchstens - sanft und verständnisvoll - die Missstände der arrivierten, der eigenen Kreise. Aber wo ist das Aufbegehren gegenüber der gesellschaftlichen Wahrnehmung der "kleinen Leute" - der "anderen Kreise"?
Wo ist der Blick in die Veränderung der Gegenwart?
Wo bleibt die Wut? Wo bleibt das "mit dem Kopf durch die Wand"?
Wird man einfach nur alt? Ist es jedem beschieden, eines Tages alles mit milderen Augen zu sehen, meist mit so milden, dass man garnicht erst anfängt, zu opponieren?

Oder ist es doch einfach die Angst vor dem Verlust der Macht, vor dem Verlust der Zuhörer, wenn man Unpopuläres sagt?

Vielleicht ist nur das: mit der eigenen gesellschaftlichen Stellung verändert sich auch der perönliche Kreis. Und damit die persönliche Wahrnehmung. Wenn man von Ja-Sagern umgeben ist - woher soll man daran denken, NEIN zu sagen?

Wieso sind Menschen wie Brecht so "populär" geworden, geblieben? Er hat immer mehr auf die Verkaufbarkeit seiner Arbeit geschaut.
Die Aussage war letztlich doch nur: Mittel zum Zweck.
Ketzerische Frage: Hat er denn überhaupt etwas verändert - ausser vielleicht eine künstlerischen Form der Darbringung? Ich meine: Er hat Strömungen aufgefangen - und jene genutzt, die ihm ein Publikum garantierten.

Ich werde auch älter. Und verliere damit immer mehr den Glauben an das berühmte "Feuer, das im Künstler brennt". Es ist nicht so, dass eine Aussage einfach "hinaus muss" - wenn, dann meist doch nur, um das Konto zu füllen....
Ich möchte nicht so enden.
Aber wie navigiert man zwischen dem Scylla des "Geld verdienen müssens" und der Charybdis "Gegen den Strom schwimmen, aufmerksam bleiben!" ? Wo ist der Punkt, wo man sich selbst verliert. Wo ist die erste Konzession, nach der man die Richtung verliert?
Ohne Konzessionen geht es nicht. Das ist einfach so. Aber woran merkt man, dass man schon zuviele macht?
Woran merkt man: Du wirst alt!
Woran merkt man: Du wirst angepasst!
Nämlich: Rechtzeitig.
Das ist nicht so leicht - denn man ist doch immer seiner eigenen Meinung.

18.Januar 03
Diese komische Fernsehsendung. "Nachtcafé". Die Sendung selbst ist mehr als populistisch. Gehobene Unterhaltung? Naja, das wäre schon zuviel des Lobes. Der Moderator: Er weiss und bedient das.
Ich habe teilgenommen, weil ich hoffte, endlich ein wenig das Bild korrigieren zu können, das ganz offesichtlich über meine Motive, Kreisler-Chansons zu singen, herrscht.
Diesen Anspruch an mich konnte ich nicht erfüllen, die allgemein herrschende Hausfrauen-Psychologie ist stärker. Man glaubt mir nicht. Und man will mir auch nciht glauben müssen. Es ist wohl praktischer, es sich diesbezüglich leicht zu machen - und mir schwer.
Es waren interessante Gäste. Eine junge Frau, die mir zutiefst imponierte, weil sie mit ihrem Herzen schaut - und das (wie ich meine) Richtige sieht. Sie ist nicht wortgewaltig, sie ist nicht "gebildet" - sie hat eine tiefe und ehrliche Herzensbildung. Und das in einem Umfeld, in dem es viel einfacher wäre, mit dem Strom zu schwimmen: Schuld zu verteilen, zu hetzen, auszugrenzen zum Beispiel. Sich nur um das eigene Leben zu kümmern. Ein "Radfahrer" zu werden, wie man das in Wien nennt, "nach oben buckeln&nach unten treten".
Sie tut das nicht.
Sie fühlt, und entscheidet dann für die Menschen, für die Wärme, für das "betroffen sein". Sie hat mir immens imponiert, denn ich hatte den Eindruck, dass sie nicht so ist, weil ihr Umfeld ihr das vorlebt - es ist ganz allein ihr Weg.

Eine Dame, sie hat zwei Söhne. Der Eine ein vierfacher Frauenmörder. Der Andere ein Geschäftsmann. Sie liebt beide, vor allem: sie akzeptiert beide. Der Eine ist im Gefängnis, und sie sagt: "Es ist gut, dass er da ist, ich hoffe, er bleibt da." Und sie sagt: "ich liebe ihn, er ist mein Sohn, ich werde immer für ihn da sein.". Der Andere hat jeden Kontakt zu seiner Mutter abgebrochen, weil er meint, ihr Kontakt zu seinem Bruder könne ihm gesellschaftlich und beruflich schaden. Sie sagt:" Ich werde seinen Namen nicht nennen, und ich melde mich nicht bei ihm" und sie sagt: "Ich werde immer für ihn da sein, wenn er mich braucht; ich liebe ihn, er ist mein Sohn."
Und sie kann noch lachen, kann Musik machen, hat ein neues Studium begonnen (mit über 50!), sie hat einen Freund, sie hat eine kluge und warmherzige Ausstrahlung, sie hat meine Vorurteile gründlich zerfetzt - Mein Eindruck, nur die Geschichte, noch nicht sie kennend war: Sie muss den Kontakt zu ihm halten, sonst müsste sie sich fragen, wieviel von den Taten Ihres Sohnes/Ihrer Söhne auf ihr Verhalten zurückzuführen ist. Das kann man nicht ertragen - also sagt man: Ich liebe ihn, ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich bin eine brave Mutter.
Das dachte ich. Aber ich glaube das nicht mehr. Ich glaube jetzt garnichts mehr. Ich weiss nicht, ob ich überhaupt je in der Lage bin zu verstehen, wie es dieser Frau geht.
Aber ich weiss auch, dass es einfache Antworten sicher nicht sind.
Insofern war es eine grosse Bereicherung, an dieser Sendung teilgenommen zu haben. Ich habe mein Ziel nicht erreicht. Aber ich habe viel Anderes erlebt. Und wie oft erlebe ich denn noch Situationen, die mich so fragend, so offen, so neugierig und dennoch so erfüllt zurücklassen?
12.Januar 03
Gedanken zu Kunst und Zeit.